Prognosen Hochwassergefahr im Norden steigt

Die Hochwasser-Prognosen der Potsdamer Klimaforscher sind alarmierend. Bremen und Niedersachsen nehmen die Warnung ernst.
24.01.2018, 22:20
Lesedauer: 3 Min
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Von Ina Bullwinkel Silke Looden

Die Ansage der Wissenschaftler ist unmissverständlich: Wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden, wird sich die Zahl der von starkem Hochwasser betroffenen Niedersachsen bis in die 2040er Jahre auf 260.000 verzwölffachen. Das geht aus einer Studie des Instituts für Klimafolgenforschung in Potsdam hervor. Für Bremen sehen die Forscher kein erhöhtes Risiko, allerdings lagen für Bremen auch keine detaillierten Daten vor.

Bremens Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne) und Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) nehmen die Warnung ernst. Statistisch betrachtet sind 14 Prozent der Landesfläche in Niedersachsen und damit mehr als eine Million Menschen von Sturmfluten bedroht. In Bremen unterliegen 86 Prozent der Landesfläche und damit mehr als 500.000 Menschen einer potenziellen Hochwassergefahr. Prävention ist für beide Länder also existenziell.

So flossen vergangenes Jahr 61 Millionen Euro in den Küstenschutz und 23 Millionen Euro in den Hochwasserschutz in Niedersachsen. In Bremen wurden 16,5 Millionen Euro für die Verstärkung der Deiche ausgegeben. „Das reicht nicht“, weiß Niedersachsens Umweltminister Lies. Er will die Mittel für den Hochwasserschutz im Binnenland aufstocken und in den Klimaschutz investieren.

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„Die Studie schildert drastisch die aktuellen Erkenntnisse. Gerade in Bremen ist Deichschutz essenziell wichtig, deswegen erhöhen wir die Deiche. Eines der wichtigsten Projekte ist dabei momentan in Planung – die Stadtstrecke links der Weser“, sagt der Sprecher des Umweltsenators, Jens Tittmann. Insgesamt werden in Bremen und Bremerhaven 52 der 80 Kilometer langen Küstenschutzlinie bis 2030 für 280 Millionen Euro verstärkt.

„Der aktuelle Befund zum Hochwasser ist eine Ermahnung, mit der Verstärkung und Erhöhung der Deiche nicht nachzulassen“, sagt Deichhauptmann Michael Schirmer. Zwischen Küste und Binnenland ist Bremen besonders gefährdet. Bei Sturmflut drückt das Wasser von der Nordsee in die Weser. Bei Hochwasser lassen die Fluten aus dem Binnenland die Pegel steigen. Kommt beides zusammen, schwillt der Fluss umso mehr an.

An der niedersächsischen Küste ist der 610 Kilometer lange grüne Schutzwall teils schon neun Meter hoch. „Die Deiche sind einen halben Meter höher, als sie nach unseren Berechnungen sein müssten“, erklärt die Sprecherin des niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Norden, Herma Heyken.

Starkregen im Binnenland

Damit hat das Land den „Klimapuffer“ verdoppelt. Bislang war man davon ausgegangen, dass der Meeresspiegel nicht mehr als 25 Zentimeter in einhundert Jahren steigt. Küstenschutzbauwerke werden inzwischen so gegründet, dass sie um einen Meter erhöht werden können. „Wir sind vorbereitet, aber eine absolute Sicherheit gibt es nicht“, weiß Heyken.

Die größte Gefahr lauert derzeit bei Starkregen im Binnenland. So setzte das Hochwasser im vergangenen Jahr Hildesheim und Goslar unter Wasser. 50 Millionen Euro Soforthilfe stellte Niedersachsen den Flutopfern in Südniedersachsen zur Verfügung. Davon wurde nach Angaben des Umweltministeriums bislang jedoch nur eine Million Euro abgerufen.

Gerade für Immobilienbesitzer sind die Schäden teils immens. Die neue Große Koalition in Hannover ruft deshalb zu mehr Eigenvorsorge auf und will laut Koalitionsvertrag neue, bezahlbare Angebote für Elementarversicherungen von Gebäuden etablieren. Vor allem aber will das Land den Flüssen wieder mehr Raum geben. Alte Auen sollen neu entstehen. Das birgt Konflikte mit Gemeinden, die dort Bauland ausweisen wollen, und Landwirten, die dort Felder bewirtschaften.

"Der Klimaschutz duldet keinen Aufschub"

„Wenn wir die Erderwärmung nicht auf deutlich unter zwei Grad begrenzen, werden die Hochwasserrisiken vielerorts ansteigen“, warnt Anders Levermann, einer der Autoren der Studie. „Wir waren überrascht, dass der Anpassungsbedarf so groß ist.“ Die Wissenschaftler stützen sich auf eine umfassende Computersimulation, für die sie eine Vielzahl von Daten ausgewertet haben. Für Niedersachsen gibt es Karten, die die möglichen Überschwemmungsgebiete bis ins Detail zeigen.

Nicht zuletzt die Hochwasservorhersagezentrale in Hildesheim sieht die Fluten kommen. Jeder kann die aktuellen Pegelwerte für seine Stadt im Internet verfolgen. „Der Klimaschutz duldet keinen Aufschub“, weiß Minister Lies. Er will eine ganzheitliche Energiewende, ein Ende der Kohleverstromung durch den Bund, den weiteren Ausbau der Windenergie und der Netze, um den Strom vom Norden in den Süden zu transportieren, neue Speichertechnologien, um Produktionsschwankungen auszugleichen, und neue Mobilitätsformen. „Der Brennstoffzellenzug war erst der Anfang“, meint der Minister. Insgesamt umfasst die niedersächsische Klimaanpassungsstrategie nicht weniger als einhundert Einzelmaßnahmen.

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