Stadtentwicklung links der Weser

Im Bremer Süden stoßen Neubauten auf Vorbehalte

Mitten in der Stadt anstatt auf Grünflächen am Rand sollen Bauherren nach dem Willen der Stadtplaner ihre Häuser errichten. Nicht immer stößt das auf Wohlwollen bei den alteingesessenen Nachbarn.
14.01.2019, 15:45
Lesedauer: 3 Min
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Von Karin Mörtel

460 Baulücken zählt das Informationssystem für Baulücken des Senators für Umwelt, Bau und Verkehr auf seiner Internetseite im Bremer Süden. Viele Flächen stehen links der Weser teils schon seit Jahren leer. Die Gründe: Manche Grundstücke sind wegen ihrer Größe und ihres Zuschnitts nicht attraktiv für Investoren, bei vielen anderen wollen die Eigentümer die Flächen zudem lieber als Geldanlage behalten.

„Oder sie wollen, dass ihre Kinder in direkter Nachbarschaft dort irgendwann ihr eigenes Haus errichten können, was allerdings teilweise nicht geschieht, weil der Nachwuchs andere Pläne hat“, erklärt Eberhard Mattfeldt. Der Architekt leitet in der Baubehörde die Arbeitsgruppe Baulücken, die es bereits seit dem Jahr 1990 gibt. Seit diesem Zeitpunkt seien etwa die Hälfte der neu errichteten Wohnungen in Bremen in Baulücken entstanden, sagt Mattfeldt.

Nachfrage überall gut

Im Bremer Süden sei die Nachfrage überall gut, besonders begehrt seien derartige Grundstücke aber in der Neustadt. Dort ist laufend zu beobachten, dass Lücken in Reihenhauszeilen geschlossen werden oder niedrigere Häuser, die zwischen höheren stehen, aufgestockt oder abgerissen und durch einen größeren Neubau ersetzt werden.

So ist es jüngst am Buntentorsteinweg geschehen: Neben der Awo-Einrichtung „Sonnenhaus“ für junge Geflüchtete ist anstatt des benachbarten ebenerdigen Flachbaus nun ein dreistöckiges Appartementhaus entstanden, das ebenfalls von der Arbeiterwohlfahrt für Jugendwohngruppen genutzt wird. Auch die bei vielen Neustädtern und Pool-Billard-Fans beliebte Gaststätte Tabak am Buntentorsteinweg musste jüngst einem Bauprojekt für zwei Mehrfamilienhäuser weichen. Diese fallen deutlich größer aus als die ehemalige, freistehende Kneipe mit Giebeldach.

Beispielhaft für eine gelungene Baulückenbebauung beurteilt Mattfeldt einen Bau, der bereits vor etwa 15 Jahren an der Westerstraße 72/74 fertiggestellt wurde. „Das fügt sich aus meiner Sicht gut in die Umgebung ein und ist architektonisch ansprechend gestaltet“, so der Architekt.

Lösungsideen von der Gewoba

Preisgekrönt für passgenaue und nachhaltige Innenverdichtung sind darüber hinaus Häuser, die die teilstädtische Wohnungsbaugesellschaft Gewoba seit einigen Jahren in den Stadtteilen Huchting, Neustadt und kürzlich auch in Obervieland in ihre bestehenden Wohnquartiere einfügt: Sogenannte Punkthäuser sowie miteinander verbundene Doppelbauten namens „Tarzan und Jane“ sollen ihre meist in den 1950er- und 1960er-Jahren errichteten Wohnblocks ergänzen um barrierearme und flexiblere Angebote, die vor Ort bislang fehlten. Dass dadurch Freifläche zwischen den bestehenden Häusern verloren gegangen ist, hat nicht jedem gefallen: An mehreren Stellen gab es deswegen im Vorfeld der Bauprojekte Anwohnerproteste.

Planer setzen auf Verdichtung

Die Stadtplaner schauen derzeit auf eine Verdichtung der Stadt anstatt am Stadtrand weitere Wohngebiete zu entwickeln. Dieser Strategiewechsel bedeutet für die Bewohner der innenstadtnahen Stadtteile, dass weitere Wohnungen auf den wenigen Freiflächen gebaut werden und noch mehr Menschen in die ohnehin dicht besiedelten Quartiere drängen. Mit einem derartigen Szenario müssen sich speziell die Neustädter seit Jahren immer wieder beschäftigen. Eine Balance zwischen den verschiedenen Interessen zu finden, gestaltet sich zum Teil schwierig.

Besonders heftige Kritik gab es in den vergangenen Jahren an dem Projekt „Deichtor“ der Projektentwickler Justus Grosse, die am Buntentorsteinweg rings um den Rewe-Markt 109 Mietwohnungen gebaut haben. Die Bauherren befolgten die gesetzlichen Richtlinien, mussten sich aber dennoch den Vorwurf anhören, zu hoch zu bauen und den bereits dort lebenden Menschen im Beginenhof sowie am Eingang des Parkplatzes zu dicht an die Hauswand zu rücken. Letztendlich reduzierten die Projektentwickler die Baukörper an manchen Stellen – wenn auch nicht in dem Maße, wie manche Nachbarn sich das erhofft hatten.

Aber auch die im Entstehen begriffenen Häuser der Brebau an der Hans-Hackmack-Straße in Arsten gelten als Innenverdichtung. Denn sie liegen im bereits bebauten, städtischen Bereich, auch wenn der Abstand zu den bereits vorhandenen Häusern sehr viel größer ist als bei einem Lückenschluss oder einer Innenhofbebauung.

Und nicht zuletzt ist auch das riesige Neubaugebiet Gartenstadt Werdersee ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich Innenentwicklung von den Stadtbewohnern wahrgenommen wird: Während Stadtteilpolitik und Anwohner das laufende Bauprojekt als überdimensioniert ablehnen, freuen sich Kaufinteressenten über neue, innerstädtische Wohnangebote in Wesernähe.

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