Ärzte müssen jetzt entscheiden

Wie sich eine Bremer Hausarztpraxis auf den Impfstart vorbereitet

Nach Ostern starten auch die Hausarztpraxen in Bremen mit den Corona-Impfungen. Die Abläufe müssen ebenso durchdacht werden, wie die Frage, was die Priorisierung der Impfverordnung praktisch bedeutet.
03.04.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie sich eine Bremer Hausarztpraxis auf den Impfstart vorbereitet
Von Timo Thalmann
Wie sich eine Bremer Hausarztpraxis auf den Impfstart vorbereitet

der Allgemeinmediziner Gabriel Rogalli gehört zu den niedergelassenen Bremer Ärzten, die kommende Woche mit den Impfungen in der Praxis beginnen.

Christina Kuhaupt

Gabriel Rogalli hat es genau durchgerechnet: Bei 16 impfwilligen Patienten gleichzeitig ist die Kapazitätsgrenze seiner Praxisräume erreicht. „Mehr können wir unter den Bedingungen der Pandemie derzeit nicht parallel impfen“, sagt der Hausarzt. Zumindest für den Start der Corona-Impfungen nach Ostern ist das aber kein Problem. 66 Impfdosen soll er am kommenden Dienstag, spätestens aber am Mittwochvormittag erhalten. Hundert hatte die Praxis mit insgesamt fünf Ärzten bestellt. „Andere Kollegen hatten 60 Impfdosen bestellt und bekommen auch 60, da ist im Moment keine Logik erkennbar“, berichtet Rogalli, aber auch darin sieht er kein wirkliches Hindernis. Hauptsache, sie können endlich loslegen mit den Impfungen in der Praxis.

Tatsächlich haben die Ärzte schon vor einigen Tagen losgelegt, denn die Impfungen wollen vorbereitet sein. Die in der Impfverordnung festgelegten Prioritäten für das begehrte und immer noch knappe Serum gelten auch in den Praxen. „Es nützt also nichts, bei uns nach Impfterminen zu fragen, die 66 Dosen sind schon komplett verplant“, sagt Rogalli. Die Schnapszahl erklärt sich aus den sechs Impfdosen je Fläschchen Biontech. 48 Impftermine wird es bereits am Mittwoch in der Praxis geben, die übrigen Impfdosen sind Patienten vorbehalten, die eigentlich aufgrund ihrer höchsten Priorisierung längst geimpft sein sollten, aber zu immobil sind, um das Impfzentrum oder auch nur die Praxis aufzusuchen. „Die Liste unserer Hausbesuchs-Patienten haben wir darum als erstes herangezogen, um Termine abzumachen.“

Die Praxistermine sind Menschen über 70 mit Vorerkrankungen vorbehalten. Sie zählen laut Impfverordnung zur zweiten Gruppe, die mit hoher Priorität zu impfen sind. Zahlreiche Diagnosen fallen darunter: Unter anderem akut an Krebs erkrankte Patienten, Menschen mit chronischen Nieren- und Lebererkrankungen oder mit Muskelschwund. Rogalli und seine Kollegen haben die ersten Termine an Betroffene mit chronischen Lungenerkrankungen und Diabetiker mit Komplikationen vergeben.

Das erfüllt die Impfverordnung und ist eine ärztliche Entscheidung nach bestem Wissen und Gewissen. In anderen Praxen wird sie anders ausfallen, und solange der Impfstoff knapp ist, ist eine Entscheidung für einen bestimmten Patienten immer auch eine Entscheidung gegen einen anderen. „Wir hätten diese Diskussion gerne aus den Praxen herausgehalten“, sagt Christoph Fox, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bremen. Doch das hätte bedeutet, erst dann in den Praxen zu impfen, wenn genügend Impfstoff für jeden Impfwilligen bereit steht.

Für Rogalli war das keine Option. „Es ist gut, wenn wir als Hausärzte jetzt impfen. Wir können Patienten erreichen, die nicht ins Impfzentrum können oder wollen.“ Der vertraute Arzt könne vielleicht auch Skeptiker besser von neuen Impfstoffen überzeugen und bei den besonders Impfwilligen eher Verständnis finden, wenn er ihnen erklärt, warum sie auf die Impfung noch warten müssen.

Aktuell beschäftigt Rogalli aber vor allem der praktische Ablauf der Impfungen. Der Start am Mittwochnachmittag passt gut, weil die Praxis dann normalerweise geschlossen ist. Das gebe Gelegenheit, die zuvor überlegten Abläufe erst einmal ohne den regulären Betrieb praktisch umzusetzen. „Die normale Patientenversorgung müssen wir natürlich aufrecht erhalten können“, sagt Rogalli. Noch wisse man nicht, ob und wie man die Impfungen in die Praxis-Abläufe integrieren könne oder ob es dauerhaft eigens organisierte Impf-Sprechstunden geben wird. „Uns fehlen auch Erfahrungswerte, wie viel Zeit zum Beispiel die Aufklärungsgespräche beanspruchen“, sagt der Allgemeinmediziner.

Zum Auftakt ist der Arzt optimistisch, dass das schnell geht. „Wir schicken die Informationen vorab schon mal schriftlich und impfen mit Biontech.“ Wenn ab 19. April auch Astra-Zeneca an die Praxen geht, könnte der Gesprächsbedarf steigen. Das Bundesgesundheitsministerium weist vorsorglich darauf hin, dass es auch beim Arzt nicht möglich sei, sich seinen Impfstoff auszusuchen, so lange die Mengen insgesamt knapp seien.

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Zur Sache

Keine doppelten Einladungen

Die Einladungen zu Impfterminen an die Gruppe der über 70-Jährigen mit Vorerkrankung durch die Krankenkassen sind seit einigen Tagen ausgesetzt. Weder gesetzliche noch private Kassen versenden derzeit auf Wunsch der Bremer Gesundheitsbehörden die Impfcodes. Der einfache Grund: Wie bei den über 80-Jährigen verschickt das Land aktuell die Impf-Einladungen an alle über 70 Jahre aufgrund der Daten der Melderegister. „Das umfasst natürlich auch alle Betroffenen mit Vorerkrankung in dieser Altersgruppe“, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts. Weil die Überschneidung nahezu die Hälfte der Menschen jenseits der 70 betrifft, will man zu viele Doppel-Einladungen vermeiden. Das Verfahren über die Krankenkassen soll aber wieder aufgenommen werden, wenn jüngere Betroffene mit Vorerkrankung an die Reihe kommen. Derzeit werten zum Beispiel die privaten Kassen ihre Abrechnungsdaten dafür schon mal bis einschließlich Jahrgang 1971 aus.

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