Integrationsgipfel Wie in Bremen in der Krise mit Geflüchteten kommuniziert wird

Kanzlerin Merkel und Gesundheitsminister Spahn haben sich am Montag mit Migrantenverbänden zum Integrationsgipfel getroffen. Wie funktioniert die Corona-Kommunikation mit Geflüchteten in Bremen?
20.10.2020, 05:00
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Wie in Bremen in der Krise mit Geflüchteten kommuniziert wird
Von Patricia Friedek

Wie es bei vielen Geschichten so üblich ist, gibt es auch zu dieser zwei Versionen. Die erste stammt von einer ehrenamtlichen Helferin und geht so: Eine geflüchtete Afghanin aus dem Übergangswohnheim Walle wird „offenbar Hals über Kopf“ am Freitag in die Containersiedlung in der Arberger Heerstraße gefahren, um dort eine verordnete Quarantäne zu verbringen. Die Frau sei eine Kontaktperson ersten Grades, habe also Kontakt zu einer coronapositiven Person gehabt, heißt es vom Gesundheitsamt.

Maria R., die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, betreut die Geflüchtete nach eigenen Angaben seit rund drei Jahren ehrenamtlich und erhält am Sonnabend einen Anruf. Die Geflüchtete habe keine Ahnung wo sie ist, sie könne nur sagen, dass sich Bäume vor ihrem Fenster befänden und sie eine halbe Stunde lang Auto gefahren sei. Sie dürfe ihr Zimmer nicht verlassen und niemand spreche mit ihr, zudem habe sie seit Freitagnachmittag nichts zu essen bekommen, nur etwas Milchpulver für ihren Sohn. Internet habe sie auch nicht.

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Maria R. weiß, dass die afghanische Frau schlecht deutsch spricht und sich lediglich auf Englisch verständigen kann. Dass sie die ein oder andere Information nicht verstanden hat, schließt R. nicht aus. Nach mehreren Anrufen, auch bei der Einrichtung in Walle, findet die Ehrenamtlerin nach eigenen Angaben durch die Polizei heraus, wo sich die Geflüchtete befindet und fährt mit einem Nahrungspaket zum Containerdorf, wo sie erst mit dem Sicherheitsdienst diskutieren muss, bevor sie es abgeben kann. Die Geflüchtete selbst habe noch keinen Corona-Test gemacht und solle erst am Donnerstag getestet werden.

Die zweite Seite schildert die Sozialbehörde, die zuvor mit dem Übergangswohnheim in Walle gesprochen hat. Die Geflüchtete sei bereits am Donnerstag in der Einrichtung in Quarantäne gekommen, am Freitag kam die Empfehlung des Gesundheitsamtes, sie in das Containerdorf zu bringen. Die Geflüchtete habe ihr Einverständnis gegeben. In der Einrichtung sei sie gefragt worden, ob sie alles dabei habe. „Dort hat sie noch den Wunsch geäußert, eine Pizza essen zu wollen, die hat sie dann noch bekommen“, sagt Bernd Schneider, Sprecher des Sozialressorts. Die Afghanin sei jederzeit betreut worden und ihr sei vermittelt worden, wo man sie hinbringe.

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Die Wahrheit liegt wahrscheinlich zwischen den beiden Versionen. Was aber deutlich wird, sind die Probleme in der Kommunikation mit einer Geflüchteten in der Corona-Krise – von welcher Seite auch immer. Um diese künftig zu verbessern, trafen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) am Montag mit Vertretern von Migrantenverbänden aus ganz Deutschland.

„In den Geflüchteten-Einrichtungen hängen seit März Informationen in verschiedenen Sprachen aus„, sagt Ressortsprecher Bernd Schneider. “Außerdem funktioniert die Vermittlung der Corona-Maßnahmen über die direkte Kommunikation durch Sozialpädagogen vor Ort.“ In der Anfangsphase habe es in Teilen noch große Akzeptanzprobleme bei den Geflüchteten gegeben; das Misstrauen gegenüber den neuen Regeln sei groß gewesen. „Inzwischen ist die Akzeptanz stark gestiegen“, so der Sprecher der Sozialbehörde.

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Matthias Wolf leitet das Übergangswohnheim der Awo an der Obervielander Straße. Er berichtet: „Zu Beginn der Pandemie haben sich die meisten Bewohner über Medien, vor allem über Facebook, informiert. Da mussten wir nicht viel sagen.“ Trotzdem habe es die besagten Aushänge und Rundbriefe mit Informationen in verschiedenen Sprachen gegeben. Die Umsetzung der Abstands- und Hygieneregeln sowie der Besuchsverbotsregelungen hätten dennoch „enorm viel Einsatz gekostet“. Doch schon bald nachdem die Regeln vermittelt waren, sei das passiert, was zum Ende des Sommers auch im Rest der Gesellschaft zu beobachten war: „Die Angst vor Corona ist verloren gegangen“, sagt Wolf. „Wir mussten wieder viel mehr mit den Bewohnern reden.“

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Zur Sache

Volkshochschule als Ankerpunkt

Die Volkshochschule Bremen spielt bei der Vermittlung der Corona-Regeln und eine wichtige Rolle. Die Fachbereichsleiterin für Deutsch als Fremdsprache, Ricarda Knabe, berichtet von panischen Reaktionen zu Beginn der Pandemie, als viele Iranerinnen und Iraner von der dramatischen Lage in ihrem Land erfuhren. Daher sei die Akzeptanz und Umsetzung der Maßnahmen an der VHS hoch. Lediglich einige junge Männer fühlten sich manchmal noch unverletzlich. Dafür soll es nach Knabes Angaben aber bald eine Maßnahme geben: Wer sich nicht an die Regeln hält, wird abgemeldet. Die Kurse für Geflüchtete haben seit Mai weiterhin stattgefunden, unter anderem online. „Hier gab es allerdings Probleme mit den Endgeräten, weil viele der Teilnehmenden nur ein Handy besitzen“, sagt Knabe. Eine Lösung sieht sie etwa darin, ähnlich wie an den Schulen Geräte zur Verfügung zu stellen.

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