Interview mit Missbrauchsexpertin

„Münster ist keine Einzelerscheinung“

Die Bremer Missbrauchsexpertin Anke Fürste beobachtet eine zunehmende Digitalisierung bei Kindesmissbrauchstaten schon seit einiger Zeit. Fälle, wie jener in Münster, seien in der ganzen Republik vorstellbar.
09.06.2020, 08:02
Lesedauer: 2 Min
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„Münster ist keine Einzelerscheinung“
Von Maurice Arndt
„Münster ist keine Einzelerscheinung“

Anke Fürste / Schattenriss Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen

Kerstin Rolfes

Die Täter im Kindesmissbrauchsfall in Münster verfügten über einen großen und modernen Serverraum. Ist hier ein Digitalisierungstrend bei derartigen Taten zu erkennen?

Anke Fürste: Der Fall in Münster ist keine Einzelerscheinung. So etwas kann es überall geben – auch in Bremen. Auch, wenn vergleichbare Fälle bisher nicht öffentlich bekannt sind. Es zeigt nur, was wir eigentlich schon wissen. Nämlich, dass die Täter aus allen erdenklichen Schichten kommen, ganz verschiedene Berufe ausüben und sich mitunter natürlich auch gut mit IT auskennen können. Es ist mittlerweile aber auch für einen Laien möglich, mit ein wenig Recherche im Internet einen Server aufzusetzen.

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Dennoch wirkt das in Münster entdeckte Netzwerk nicht nur technisch professionell. Es handelte sich ja offenbar um organisierte Taten.

Das stimmt. Allerdings machen wir in unserer Beratungsstelle schon seit Jahren die Erfahrung, dass organisierte Gewalt- und Missbrauchsverbrechen keine Seltenheit sind.

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf Kindesmissbrauchstaten?

Es leicht geworden, ein Foto oder ein Video seiner Tat zu versenden und dabei gleichzeitig hohe Sicherheitsstandards zu wahren, sodass Taten nicht leicht nachzuverfolgen sind. Das macht die Ermittlungen für die Polizei schwierig. Dass es in Nordrhein-Westfalen zuletzt dennoch Ermittlungserfolge gab, liegt auch daran, dass dort die Ressourcen für die Verfolgung erhöht wurden. Wir brauchen in der Missbrauchsverfolgung bundesweit mehr Personal, bessere technische Möglichkeiten und Fortbildungen.

Was bedeutet es für die Opfer, dass die Taten digital verfügbar sind?

Die Digitalisierung der Kindesmissbrauchs- und Missbrauchsabbildungsszene ist ein großes Problem für die Betroffenen. Dadurch, dass die Taten über alle erdenklichen Kanäle verbreitet werden und auch in allen möglichen Formen festgehalten oder aufgezeichnet werden – etwa per Foto oder Video – wird der Missbrauch weit über die Tat hinaus fortgesetzt. Bekanntlich vergisst das Netz nicht. Das macht es schwer für die Opfer einen Abschluss zu finden, da sie immer wieder mit dem Missbrauch konfrontiert werden können.

Ändern sich die Taten durch die digitalen Möglichkeiten?

Die Vernetzung der Täter untereinander ist einfacher geworden. Es fängt oft mit einem Einzeltäter an. Ist der aber erst einmal in der Szene, verbreiten sich die Taten schnell und Gruppen finden schnell zusammen. Zudem haben wir den Eindruck, dass die Härte der Gewalt zunimmt. Das könnte auch mit einer Abstumpfung zusammenhängen, da harte Gewalt in der digitalen Welt einfach zugänglich ist.

Das Gespräch führte Maurice Arndt.

Info

Zur Person

Anke Fürste ist gelernte Diplom-­Sozialpädagogin. Seit zehn Jahren arbeitet sie für die Beratungsstelle gegen sexuellen ­Missbrauch von ­Mädchen „Schattenriss“.

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