Bremer Stiftung fördert Afghanistan Kabuls Brückenbauer

Der Fußball machte aus dem Bremer Mansur Faqiryar in Afghanistan einen Volksheld. Jetzt nutzt er seinen Sport, um den Wandel in einem Land voranzutreiben, das mehr sein will als Kriegsschauplatz.
07.05.2017, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Kabuls Brückenbauer
Von Nico Schnurr

Der Fußball machte aus dem Bremer Mansur Faqiryar in Afghanistan einen Volksheld. Jetzt nutzt er seinen Sport, um den Wandel in einem Land voranzutreiben, das mehr sein will als Kriegsschauplatz.

Sturmgewehrsalven schneiden den Himmel über Kabul, wieder und wieder. Weiter unten, in der Altstadt, schieben sich Hunderttausende durch die schmalen Gassen, aufgeregtes Durcheinander, Gedränge, hektische Enge. Es ist der 11. September, Afghanistan im Ausnahmezustand, wieder mal. Nur ist diesmal, an diesem Tag im Herbst 2013, alles anders.

Verantwortlich für das Kabuler Chaos ist ein 27-jähriger Bremer. Was genau er da ausgelöst hat, ahnt Mansur Faqiryar noch nicht, als er zur gleichen Zeit in Kathmandu ins Flugzeug steigt. Er hat gerade ein Fußballspiel gewonnen, das Finale der Südasienmeisterschaft – 2:0 gegen Indien, gemeinsam mit der afghanischen Nationalmannschaft. Faqiryar, Torwart und Kapitän der Afghanen, ist zum wichtigsten Spieler des Turniers gewählt worden.

Als er gut zehn Stunden später in Kabul landet, ihn Präsident Hamid Karsai empfängt und einen nationalen Feiertag ausruft, wird Faqiryar klar, was da gerade geschieht. Sein Leben hatte sich zwischen Bremen und Oldenburg abgespielt, zwischen Wirtschaftsingenieurstudium und Viertliga-Fußball. Plötzlich ist er ein Volksheld – in Afghanistan.

"Das war surreal"

Auch, weil sich viele Afghanen in ihm wiedererkennen. Weil Faqiryar, der Amateur-Torwart, während des Turniers über sich hinauswächst. Weil er die Außenseiter-Story des ewig unterschätzten Landes wie kein anderer im Team verkörpert, ist plötzlich eine ganze Nation kollektiv schockverliebt in ihn.

„Das war surreal“, sagt Faqiryar heute, dreieinhalb Jahre später in einem Bremer Café. Er, ein Volksheld? Faqiryar schüttelt den Kopf. Er mag das Wort nicht, viel zu hochgegriffen findet er es. „Ich habe immer Probleme damit, wenn Leute mich so nennen, nur weil ich ein paar Bälle gehalten habe“, sagt er. „Für mich ist eine Witwe, die ihren Mann im Krieg verloren hat und jetzt vier Kinder mit nichts großzieht, eine afghanische Heldin – aber doch nicht ich.“

Zurück im Herbst 2013: Feierlich verleiht das damalige Staatsoberhaupt Faqiryar den Beinamen „Qaramon“, was so viel bedeutet wie Held oder Sieger. Vor Fernsehkameras gratuliert Karsai dem Torwart noch beim Empfang am Flughafen. „Was du mit deinen gehaltenen Elfmetern für dein Land geleistet hast, haben wir Politiker in zwölf Jahren mit Milliarden US-Dollar nicht geschafft – eine Einheit und ein Selbstwertgefühl zu erzeugen“, sagt Karsai.

Währenddessen regiert in Kabuls Straßen das Chaos. Menschen hangeln sich an Masten hinauf, beklettern Autos und Gebäude. Von den Dächern aus sehen sie, wie eine aufgekratzte Stadt hyperventiliert. Sie sehen, wie Kabul im Jubel ertrinkt. Wie manche, benebelt vor lauter Euphorie, mit Gewehren in den Kabuler Himmel schießen. Wie die Altstadt in Nationalfarben getaucht ist, sich Fremde in den Armen liegen, tanzen und singen, gemeinsam, bis tief in die Nacht, berauscht von sich und dem so fremden Einheitsgefühl im zersplitterten Vielvölkerstaat.

"Wir haben eine Lawine losgetreten"

Konserviert sind diese Jubelszenen auf zittrigem Bewegtbild, tausendfach angeklickt auf Youtube. Aus Angst vor Anschlägen hätten die Afghanen große Versammlungen lange gemieden. „Wenn du es dann schaffst, dass Hunderttausende zusammen in den Straßen feiern, dann wird dir klar, dass du etwas bewegt hast – und noch viel mehr bewegen kannst“, sagt Faqiryar heute. „In den Tagen danach war der Sieg ein Lebenselixier für alle. Wir haben eine Lawine losgetreten, vom einfachen Bauern bis zum Staatspräsidenten.“

Faqiryar haben diese Bilder geprägt. Sie haben seinen Blick verändert auf das Land, das seine Eltern im Bürgerkrieg Richtung Bremen verließen, als er ein Jahr alt war. Sie haben ihm ein anderes Afghanistan gezeigt, eines, das mehr sein will als Krisenherd und Kriegsschauplatz. Und sie haben ihn in eine Rolle gedrängt, die ihm eigentlich so fremd ist: in die eines Nationalhelden. Seinen Weg, mit dieser unfreiwilligen Rolle umzugehen, hat er trotzdem gefunden – nicht als Torwart, die Karriere hat er längst beendet.

„Ich habe mich in der Pflicht gefühlt, etwas zurückzugeben, um diese Begeisterung der Menschen aufrechtzuerhalten“, sagt Faqiryar. Kaum zurück in Bremen, gründete er zusammen mit Klaus Berster, Ehrenpräsident des VfB Oldenburg, eine Stiftung: die Mansur Faqiryar Foundation. Mit ihr will er die Entwicklung des Sports in Afghanistan vorantreiben, Kinder und Jugendliche mit Sportangeboten fördern, am Hindukusch wie in Bremen.

"Was wir machen, braucht Afghanistan.“

Zwei Jahre sind seit der Gründung inzwischen verstrichen. Vor Kurzem erst hat Faqiryar wieder einmal einen Monat in Kabul verbracht. Momentan hat er ein gutes Gefühl. Es geht voran. Auch, weil es ihm hilft, dass er noch immer verehrt wird. Fernsehsender und Radiostationen reißen sich um ihn, sie interessiert, was der ehemalige Torwart in Afghanistan vorhat. Und was Faqiryar plant, hat sich längst zur staatstragenden Angelegenheit entwickelt. Er trifft sich mit Rula Ghani, der First Lady des Landes, und wird vom deutschen Botschafter in Kabul empfangen, der ihm Geld aus der Entwicklungshilfe zusichert.

In fünf Jahren will Faqiryar die erste Sportschule des Landes in Kabul eröffnet haben. Auf bestehende Strukturen kann er dafür nicht zurückgreifen, er leistet die Basisarbeit selbst. Sport ist im Stundenplan afghanischer Schulen nicht mehr als eine flüchtige Randnotiz. 45 Minuten pro Woche sind vorgesehen, oft bleibt es bei Theorie an der Tafel. Wenn überhaupt. Sport für Mädchen gilt in weiten Kreisen noch immer als Tabu, und überhaupt mangelt es an allem, an Sportlehrern und Räumen.

Faqiryar wird noch in diesem Jahr in einigen Schulen des Landes AGs ins Leben rufen. Dort will er Sport anbieten, für Mädchen und Jungen, zwar außerhalb des regulären Unterrichts, aber in der Schule, die den Jugendlichen als sicheres Umfeld dient. Das afghanische Bildungsministerium hat er überzeugen können, das Sportinstitut auch. Die Argumente sind auf seiner Seite. Denn der Krieg hat das Land radikal verjüngt.

Afghanistan wandelt sich

Knapp 70 Prozent aller Afghanen sind unter 25 Jahre, das Durchschnittsalter liegt bei rund 18 Jahren. Die vielen jungen Afghanen müssten ihre Energie kanalisieren können, dabei könne Sport helfen. Genauso wie bei der Verarbeitung von Traumata. „Sport bringt auch die verschiedenen Ethnien des Landes zusammen“, sagt Faqiryar.

Wer das für zu weit hergeholt hält, dem erzählt Faqiryar einfach von seiner Geschichte. Wie ihn überhaupt erst der Sport in das Land seiner Familie brachte. Wie er auf seinen Reisen ein Afghanistan kennenlernte, das so viel mehr ist, als die Bilder, die er aus den Nachrichten kannte. „Ich sehe mich als Brückenbauer – zwischen den Afghanen, aber auch zwischen Afghanistan und Deutschland“, sagt Faqiryar.

In Deutschland höre er immer wieder, seine Heimat am Hindukusch sei ein hoffnungsloser Fall, ein gescheiterter Staat ohne Zukunft. Faqiryar sieht das anders. Er glaubt an ein Afghanistan nach dem Krieg. „Ich muss viel Aufklärungsarbeit leisten“, sagt er und zückt seinen Laptop aus der Tasche. Während seines letzten Aufenthalts in Kabul hat er die Kamera mitlaufen lassen.

Die Kurzvideos zeigen Shopping-Malls, Hochhäuserschluchten und hippe Cafés. Die Botschaft: Hier entsteht etwas, Afghanistan wandelt sich. Er muss das Bild vom Land verändern, will er in Deutschland weitere Helfer finden, glaubt Faqiryar. Er kann sich dabei auf einen prominenten Unterstützer verlassen.

"Was wir machen, braucht Afghanistan.“

Werder-Trainer Alexander Nouri ist seit Beginn Kurator der Stiftung. Beide kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit beim VfB Oldenburg. „Er ist als Mensch außergewöhnlich“, sagt Faqiryar über Nouri. Auch wenn sein „Mentor und Motivator“ seit seiner Beförderung bei Werder etwas weniger Zeit habe, bliebe er wichtig für das Projekt. „Viele der Sachen, die wir jetzt umsetzen, kommen von Alex“, sagt Faqiryar.

Gerade erst hat er Nouri als Gast bei dessen Auftritt im ZDF-Sportstudio überrascht. „Verrückt, wenn man drüber nachdenkt, er war damals Student und ich Amateurtrainer, und dann kommen wir zwei Fantasten und Träumer und wollen so eine Stiftung zu gründen“, sagte Nouri im ZDF. Dabei wisse doch jeder, was das für Hürden mit sich bringe, eine Stiftung zu gründen – dazu noch eine, die sich für Sport in Afghanistan einsetzt.

Aber selbst wenn Faqiryar das Gefühl hat, es geht nicht voran mit seiner Stiftung, dann wird er in seinem eigentlichen Job als Sportkoordinator der Bremer Kinder- und Jugendhilfe wieder daran erinnert, wie viel er schon erreicht hat. Fast täglich trifft er auf junge Geflüchtete aus Afghanistan, die ihm von ihrem 11. September 2013 erzählen, wie sie den Sieg gefeiert haben. Dann ist sich Mansur Faqiryar wieder sicher: „Was wir machen, ist wichtig, was wir machen, braucht Afghanistan.“

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