Bewegung im Insolvenzverfahren Kannenberg verlässt eigene Akademie

In das Insolvenzverfahren der Lothar Kannenberg Akademie kommt Bewegung. Wie der WESER-KURIER erfahren hat, hat Lothar Kannenberg selbst das Unternehmen in dieser Woche verlassen.
26.01.2018, 17:09
Lesedauer: 3 Min
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Kannenberg verlässt eigene Akademie
Von Kristin Hermann

Diese Nachricht kommt überraschend: Lothar Kannenberg hat im Zuge des Insolvenzverfahrens sein eigenes Unternehmen verlassen. Das teilten am Freitag seine Insolvenzberater mit. Außerdem bestätigte das Amtsgericht Walsrode, dass es um Insolvenz in Eigenverwaltung geht.

Was in den vergangenen Wochen nur vermutet wurde, wird nun konkret: Vier der sechs verbliebenen Bremer Einrichtungen des privaten Jugendhilfeträgers müssen schließen. Die Häuser Eiche, Zollhaus und Lorent werden Ende Januar ihren Betrieb einstellen, die Villa Vielfalt wurde bereits Ende Dezember geschlossen. Die Auslastung der Flüchtlingsunterkünfte war in den vergangenen Monaten zu gering gewesen.

Die Einrichtung Landgraf in Huchting mit 25 Mitarbeitern wird laut Mitteilung der Insolvenzberater zunächst weitergeführt. Sie soll in Abstimmung mit der Stadt Bremen einen neuen Träger bekommen. Für die verbleibende Unterkunft Sattelhof sowie die Häuser in Glinde und Aken in Sachsen-Anhalt und die Einrichtung in Leipzig werde derzeit mit einem Investor verhandelt, der alle Einrichtungen fortführen soll. Sollte dieser Schritt gelingen, will sich die Akademie künftig wieder auf ihr Kerngeschäft konzentrieren: die intensivpädagogische Betreuung von Jugendlichen.

114 Mitarbeitern gekündigt

Seit November 2017 befindet sich die Akademie Lothar Kannenberg in einem Eigenverwaltungsverfahren. Derzeit arbeiten 200 Beschäftigte für das norddeutsche Unternehmen, 30 Personen haben die Betreuungseinrichtung auf eigenen Wunsch in den vergangenen Wochen verlassen. 114 Mitarbeitern muss indes gekündigt werden.

Für sie wurde eine Transfergesellschaft gegründet, die sich um die Beratung, Qualifizierung und Vermittlung der Menschen kümmern soll. Mehrere Träger hatten nach dem Bekanntwerden der Zahlungsunfähigkeit ihre Bereitschaft erklärt, Personal zu übernehmen. Gespräche mit ihnen liefen bereits, so Insolvenzberater Christian Kaufmann von der Pluta Rechtsanwalts GmbH.

Was mit den frei gewordenen Immobilien passiert, dazu konnte die Bremer Sozialbehörde am Freitag noch keine Angaben machen. Gespräche über eine mögliche Nachnutzung durch andere Träger laufen bereits, wie Arnold Knigge von der Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsträger bestätigte.

Kannenberg bleibt als Gesellschafter bestehen

Über die Zukunft der Horner Eiche wird am kommenden Dienstag zudem im Sozialausschuss des Horner Beirates gesprochen. Die Unterbringung der Jugendlichen sei ebenfalls geregelt worden. Einige seien mittlerweile volljährig geworden, die übrigen auf das Haus Landgraf und andere Jugendhilfeeinrichtungen verteilt worden.

Lothar Kannenberg wird als Geschäftsführer von Georg Sartorius abgelöst, der als Interimsmanager über Erfahrungen im Gesundheits- und Sozialwesen verfügt. Als Gesellschafter bleibt Kannenberg bestehen, was ihm jedoch keine wirkliche Handhabe mehr ermöglicht, wie sein Insolvenzberater durchblicken ließ. Der 60-Jährige wirkte nach dem Bekanntwerden der Nachricht entsprechend niedergeschlagen.

"Das fühlt sich so an, als ob man mir mein Leben genommen hätte", sagte der ehemalige Amateurboxer im Schwergewicht am Telefon. Durch den Stress der vergangenen Wochen sei er mittlerweile gesundheitlich angeschlagen. Rückblickend betrachtet, bereut Kannenberg die Entscheidung, innerhalb kürzester Zeit so viele Einrichtungen für jugendliche Geflüchtete aufgebaut zu haben.

CDU und Linke bitten um detaillierte Aufarbeitung des Falls

In den sechs Bremer Unterkünften des privaten Jugendhilfeträgers wurden zu Spitzenzeiten bis zu 1000 Jugendliche betreut. "Wir sind einfach zu schnell gewachsen. Das ist aus dem Ruder gelaufen. Da ist die Verwaltung nicht hinterher gekommen", so Kannenberg. Er habe damals nur helfen wollen, obwohl die Betreuung von Geflüchteten eigentlich nicht zu seinen Kernaufgaben gehört habe. Von den Behörden fühle er sich nun fallen gelassen.

Wo die Reise für den 60-Jährigen hingeht, ist ungewiss. Viel bleibt ihm nach der Insolvenz nicht mehr. "Ich denke, ich muss jetzt erst einmal von Hartz IV leben", sagte er. Kannenberg befürchtet, dass ihn in seinem Alter niemand mehr einstellt. Nach den turbulenten Wochen wolle er sich erst einmal fangen und wieder zu Kräften kommen.

Nach wie vor steht auch der Vorwurf im Raum, ob das Ressort von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) eher hätte eingreifen müssen. Derzeit prüft diese Frage die zuständige Innenrevision. Fest steht, dass die Insolvenz der Akademie Lothar Kannenberg erneut Thema in der Sitzung der Sozialdeputation am 15. Februar sein wird. Die CDU und die Linken haben einen Fragenkatalog eingereicht und die Behörde um eine detaillierte Aufarbeitung des Falls gebeten.

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