Nach Massenschlägerei im Viertel

Kritik an Polizeieinsatz

Nach der Auseinandersetzung zwischen linken Werder-Ultras und rechten Bremer Hooligans im Viertel regt sich Kritik an der Polizeitaktik. Unter anderem soll zu spät eingegriffen worden sein.
18.12.2017, 21:20
Lesedauer: 4 Min
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Kritik an Polizeieinsatz
Von Jan Oppel

Zeugen beklagten, die Beamten hätten viel zu spät eingegriffen. Bei der Schlägerei vor der „Schänke“ waren am Sonnabend fünf Personen leicht verletzt worden. Die Polizei nahm elf Tatverdächtige vorläufig fest. Gegen sie wird nun wegen schweren Landfriedensbruchs ermittelt. „Der Konflikt zwischen rechten Hooligans und linken Ultras ist in Bremen seit Langem bekannt“, sagt Horst Wesemann, der für die Linke in der Innendeputation sitzt. Statt nach dem Spiel die Hooligans in Schach zu halten, habe sich die Polizei allein auf die Ultras konzentriert und auch das spätere Aufeinandertreffen nicht verhindert.

Die politische Dimension dieses seit Jahren schwelenden Konflikts in der Bremer Fanszene würde von der Polizei ausgeblendet, kritisiert Wesemann. „Dort wird immer noch darüber spekuliert, ob in der „Schänke“ nun tatsächlich Hooligans, Neonazis oder vielleicht doch nur ganz normale Gäste saßen. Offensichtlich hat die Polizei die rechte Szene in Bremen gar nicht im Blick“, so Wesemann. „Ich frage mich nur, ob normale Gäste bewaffnet aus dem Lokal stürmen würden.“ Die Linke fordere eine umfassende Aufklärung des Vorfalls.

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Mehrere Videos, die im Internet hochgeladen wurden, zeigen, wie vermummte Ultras und mit Möbeln bewaffnete Hooligans aufeinander losgehen. Flaschen, Tischbeine und Stühle fliegen durch die Luft. Von welcher Seite die Gewalt zuerst ausging, ist weiterhin unklar. Bereits im Vorfeld der Partie hatte die Bremer Polizei am Sonnabend ein Zusammentreffen von Bremer und Mainzer Hooligans am Stadtrand verhindert.

Die beiden Gruppen hatten sich dem Vernehmen nach in der Nähe des Ikea-Möbelhauses in Brinkum zu einer Schlägerei verabredet. Aus Polizeikreisen war am Montag zu hören, nach diesem vereitelten Aufeinandertreffen am frühen Nachmittag sei man für den Rest des Tages von einer ruhigen Lage ausgegangen.

In der Halbzeitpause habe die Polizei dann aber Hinweise erhalten, dass sich in einigen Blöcken der Westkurve etwa zehn rechte Hooligans mit ihren Familien eingefunden hätten. Kurz vor Abpfiff seien die Männer unbemerkt aus dem Stadion gelangt. Die Polizei habe sie aus dem Blick verloren.

Werder-Präsident lobt Sprechchöre

Ein Mitarbeiter des Fanprojekts berichtet im Gespräch mit dem WESER-KURIER, in der Ostkurve sei zu Beginn der zweiten Halbzeit bekannt geworden, dass sich auf den Sitzplätzen und im Umlauf der Westkurve etwa 20 Mitglieder der Bremer Hooligangruppen Standarte und Nordsturm Brema aufhalten würden – darunter auch stadtbekannte Neonazis.

Daraufhin hätten die Fans in der Ostkurve „Nazischweine“-Rufe angestimmt. Augenzeugen berichten übereinstimmend, Anhänger der Ultras seien daraufhin in die Westkurve gelaufen und dort von den Hooligans bedroht und beschimpft worden. Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald lobt die Sprechchöre aus der Ostkurve gegen die rechten Hooligans.

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Diese Form des verbalen Protestes unterstütze der SV Werder ausdrücklich: „Es ist wichtig, Protest gegen Sympathisanten rechtsextremistischen Gedankenguts entschlossen vorzubringen, aber es muss gewaltfrei bleiben.“ Selbstjustiz sei hingegen keine Option in einem Rechtsstaat, sagt Hess-Grunewald. Aggressive Reaktionen oder Provokationen spielten gewaltbereiten extremen Gruppierungen in die Karten und seien kontraproduktiv für den Protest gegen Rechtsextremismus

Weil die Polizei die Partie zwischen Werder Bremen und Mainz 05 im Vorfeld als weitgehend konfliktfreies „Grünspiel“ eingestuft hatte, verzichteten die Beamten darauf, nach dem Spiel die in Richtung Steintorviertel laufenden Ultras eng zu begleiten. Angeführt von zwei Kontaktbeamten lief die Gruppe stattdessen, wie üblich bei solchen als harmlos eingestuften Spielen, quasi unbegleitet in Richtung Sielwallkreuzung.

Hinners: vor allem Ultras verantwortlich

Aufgrund der Grün-Einstufung sei die Polizei auch nicht sofort mit genug Beamten vor Ort gewesen, um unmittelbar einzugreifen, als die Lage eskalierte, hieß es. Auf Nachfrage wollte sich die Pressestelle der Polizei am Montag nicht näher zu den Geschehnissen äußern. Die Einsatztaktik für kommende Spiele werde nach den Geschehnissen nun angepasst, teilte eine Sprecherin mit. Was das konkret bedeutet, ließ sie offen.

Für Wilhelm Hinners, innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, sind für die Eskalation der Gewalt vor allem die Ultras verantwortlich: „Wie weit sind wir gekommen, dass eine von der Polizei begleitete Gruppe sich nicht von der Anwesenheit der Beamten abschrecken lässt, sondern gewaltsam Scheiben einschlägt und die Verletzung Unbeteiligter billigend in Kauf nimmt?“

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Vor diesem Hintergrund forderte Hinners, Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) müsse außerhalb des Stadions die Sicherheit der Bremer gewährleisten und dafür sorgen, „dass die einschlägig bekannten Gruppierungen keine Gewalttaten mehr ausüben können.“

Eine Anfrage der CDU an den Senat habe eindeutig gezeigt, dass alle polizeibekannten Ultra- und Hooligangruppen bereits in Zusammenhang mit Straftaten auffällig geworden seien. In der nächsten Sitzung der Innendeputation erwarte er von Mäurer einen umfassenden Bericht über die Einsatzvorbereitung und die angedachten Änderungen bei kommenden Einsatzplänen.

In Bremen kommt es immer wieder zu Gewalt zwischen linken Werder-Ultras und rechten Bremer Hooligans. Im Jahr 2007 überfielen die Rechten eine Ultra-Feier im Ostkurvensaal. Am 19. April 2015 gerieten beide Lager nach dem Werder-Heimspiel gegen den Hamburger SV an der Kneipe „Verdener Eck“ im Viertel aneinander.

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