Pläne des Regisseurs Harry Kupfer

Bilder des Musicals "Elisabeth" sollen unter die Haut gehen

Bremen. 'Ich will die Magie des Theaters entwickeln', sagt Harry Kupfer im Exklusivgespräch mit dem WESER-KURIER. Seine Inszenierungen haben bereits Theatergeschichte geschrieben. Aktuell studiert er das Musical "Elisabeth - die wahre Geschichte der
17.10.2009, 00:10
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Von Sigrid Schuer

Bremen. Seine Inszenierungen haben Theatergeschichte geschrieben. Er ist nach wie vor an den renommiertesten Opernhäusern der Welt ein begehrter Regisseur. Von 1981 bis 2001 war Harry Kupfer Chef-Regisseur an der Komischen Oper Berlin, nachdem er zuvor knapp zehn Jahre die Staatsoper Dresden geleitet hatte. Seit Anfang Oktober probt Harry Kupfer 'Elisabeth - die wahre Geschichte der Sissi' von Michael Kunze und Sylvester Levay in Bremen.

Zu weltweit diskutierten Theaterereignissen wurden Kupfers Inszenierungen für die Bayreuther Festspiele, Richard Wagners 'Der fliegende Holländer' und 'Der Ring des Nibelungen'. Dass der hochdekorierte Regisseur Interviews gibt, ist eine Seltenheit. Wir trafen ihn zum Exklusiv-Gespräch im Bremer Musicaltheater.

Die überarbeitete Version des erfolgreichsten deutschsprachigen Musicals ist vom 19. Januar bis 14. Februar am Richtweg zu erleben. Die Deutschland-Premiere findet am 21. Oktober in München statt. Als Kupfer 1992 die Uraufführung von 'Elisabeth' im Theater an der Wien inszenierte, war das für das Musical ein Ritterschlag. Obwohl Kupfer von Haus aus Opern-Regisseur ist, hatte er nie Berührungsängste mit der schweren Kunst des Leichten. 'Ein Stoff interessiert mich immer dann, wenn das Buch gut und seriös ist, so wie bei "Elisabeth". Michael Kunze erzählt die Geschichte der österreichischen Kaiserin nicht larmoyant als Biographie, sondern setzt ganz bei der komplexen Psychologie der Titelfigur an. Das ist ein kluger Schachzug', sagt Kupfer.

Sehr europäisch

'Elisabeth', darauf weist der Librettist hin, ist auf Grund seiner historisch-politischen Dimension ein sehr europäisches Musical. Michael Kunze entwirft eine Ménage à trois zwischen der österreichischen Kaiserin, ihrem doch eher ungeliebten Gatten Kaiser Franz Joseph und einem ungemein attraktiven, androgynen Tod.

'Elisabeth geht eine personifizierte Beziehung mit dem Tod ein. Sie führt quasi einen Vernichtungsfeldzug gegen sich selbst. Man kann es schon als Ironie des Schicksals bezeichnen, dass sie am Ende einen völlig sinnlosen Tod stirbt, der nichts bewirkt', sagt Kupfer. Der italienische Attentäter Luigi Lucheni, aus dessen Perspektive das Musical erzählt wird, ersticht die Kaiserin in Genf mit einer Feile. Der in sich zerrissene Charakter der Elisabeth ist Symbol der Umbruchszeit des Fin de Siècle und des Niederganges des Habsburger Reiches. Auf der Bühne des Musicaltheaters ist das sehr deutlich zu sehen. Hans Schavernoch, mehrfach ausgezeichneter Bühnenbildner, der nicht nur Kupfers Bayreuther 'Ring' ausstattete, sondern mit ihm auch die Levay/Kunze-Produktion 'Mozart' für die Uraufführung im Theater an der Wien erarbeitete, lässt Oliver Arno, den jungen Tod, über eine Stahl-Brücken-Konstruktion auftreten, Symbol einer überdimensionalen Feile. Unter ihm revoltiert hasserfüllt das Volk:

'Die neue Zeit ist da!' und beklagt sich, dass es zu wenig Milch habe, während die Kaiserin Schönheitsbäder darin nehme. Szenenwechsel: Annemieke van Dam, die die Titelrolle verkörpert, liefert sich in dem Duett: 'Wenn ich tanzen will' ein ruppiges Duell mit dem Tod. Im Hintergrund ist das gestürzte Bildnis der Hofburg zu sehen. Über allem schwebt ein riesiger schwarzer Adler, der sich in einer Spiegel-Wand verdoppelt. Der Tod ist auch in Schavernochs Bühnenbild allgegenwärtig. Wie in der Kapuzinergruft in Wien ist ein schwarzer Totenkopf mit einer Kaiserkrone gekrönt. Kupfer ist angetan von der Bühnenpräsenz der jungen Niederländerin: 'Annemieke hat eine große Wandlungsfähigkeit, denn sie muss die Kaiserin als sehr junge und dann als reife Frau darstellen. Das sind heute richtige Sängerschauspieler, die auf der Bühne alles machen können, weil sie mit ihrem Microport sehr beweglich sind'. Die Möglichkeit einer rollenidentischen Besetzung empfindet der Regisseur als Segen: 'Das gab es früher in Ausnahmefällen zwar auch schon, wenn ich beispielsweise an Anja Silja denke.'

Annemieke van Dam kommt dem gertenschlanken Schönheitsideal, das Elisabeth von Österreich zeit ihres Lebens vorlebte, sehr nahe. Harry Kupfer geht mit seinem Librettisten Michael Kunze d'accord, dass Elisabeths Leben eigentlich die Geschichte einer 'fehlgeleiteten Emanzipation' ist. 'Denn sie erreicht eigentlich nichts.' Weil das Naturkind Sissi vor den Zwängen des in Wien vorherrschenden spanischen Hofzeremoniells floh, 'verlor sie den Kontakt zur Realität und lebte immer mehr in ihrer ganz eigenen Welt der Träume und Gedichte. Da war schon auch eine große Portion Egoismus mit im Spiel', sagt der Regisseur.

Neues Bühnenbild

Für die jetzt anstehende 'Elisabeth'-Tournee durch mehrere deutsche Großstädte hat Harry Kupfer seine Inszenierung überarbeitet. 'Ich bin immer neugierig auf neue Möglichkeiten des Bühnenbildes. Mit Video-Installationen können wir, anders als vor 17 Jahren, schnell wechselnd völlig neue Räume und Bilder schaffen. Die technischen Finessen dürfen jedoch nicht zum inflationären Selbstzweck werden', betont er. 'Der handelnde Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Die Bilder sollen unter die Haut gehen. Denn ich will die Magie des Theaters weiterentwickeln.'

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