Literatur- und Stiftungsstandort „Bremen ist und bleibt eine Günter-Grass-Stadt“

Stiftungsvorstand Christian Weber will das Gedenken an den Literaturnobelpreisträger nicht an Lübeck abtreten, Vorstandsvorsitzender Klaus Meier will den Medienarchivbestand zeitgemäß aufbereiten.
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„Bremen ist und bleibt eine Günter-Grass-Stadt“
Von Hendrik Werner

Bremen. Wie innig das Verhältnis der Stadt zum Dichter Günter Grass (1927-2015) ist, ließ sich unlängst im Haus der Bürgerschaft studieren. Dort wurde dem Literaturnobelpreisträger (1999) unter dem Motto „Günter Grass – grafisch / poetisch / politisch“ eine Ausstellung mit etwa 100 Exponaten gewidmet. Doch Innigkeit rechnet sich nicht – und strahlt auch nicht über Bundeslandgrenzen. Darum sollen die Modalitäten der Nachlasspflege zeitgemäßer werden. Das betrifft die Dokumente, die das Medienarchiv der Günter-Grass-Stiftung Bremen in einer Forschungsstelle an der Jacobs University bewahrt. Bis ins Jahr 1955 reichen die Ton- und Filmdokumente zurück, die das Archiv von Rundfunkanstalten bezog. Doch das riesige Forschungsinteresse, das man sich unter Germanisten erhofft hatte, blieb bislang aus.

Wege zur Mehrung Bremer Meriten skizziert Klaus Meier, Vorstandsvorsitzender der Stiftung: Zum einen werde „mit Hochdruck an einer Form der digitalisierten Archivierung“ gearbeitet, die den Zugriff für Forscher praktikabler und attraktiver mache – etwa durch „bessere Verschlagwortung“. Zum anderen sei man in Gesprächen mit dem Göttinger Germanisten und Grass-Spezialisten Heinrich Detering, um die mögliche Anbindung des Medienarchivs an das Seminar für Deutsche Philologie zu prüfen.

Was bei dieser Gelegenheit auch geprüft werden sollte, ist eine weitere Kooperation: jene mit Grass' Verlag, der auch in Göttingen sitzt. Verleger Gerhard Steidl hat im Juni 2015 ein Pendant zum hiesigen Archiv aus der Taufe gehoben, das Korrekturfahnen, Korrespondenzen, Manuskripte, Zeichnungen, Skizzen und Umschlagentwürfe umfasst. Synergieeffekte in der digitalen Ära sind leicht zum Vorteil aller Partner zu leisten – falls das Gespräch gesucht wird.

Das erscheint notwendig, um das Aufgehen der Stiftung samt audiovisuellem Nachlass in Lübeck abzuwenden. Dessen Günter-Grass-Haus, mithin die Kulturstiftung der Hansestadt, wirbt um hiesige Bestände. In Bremen hingegen lahmt der vormalige Elan. Fast scheint es, als sei die Stadt seit 2012 verzagt, als der mit dem Albatros-Preis der Stiftung ausgezeichnete Autor Dave Eggers der Verleihung unter Hinweis auf Grass' israelkritisches Gedicht „Was gesagt werden muss“ fernblieb.

Schon nach Grass' Waffen-SS-Zugehörigkeitsgeständnis im Text „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) hatte sich Stiftungsvorstand Christian Weber positioniert. Sein Bekenntnis hat er jetzt erneuert: „Bremen ist und bleibt eine Günter-Grass-Stadt.“ Daher müsse man den Schatz namens Medienarchiv hegen, ja aufwerten. Recht hat er. Schon deshalb, weil die Gründung der Grass-Stiftung im Jahr 2001 eine späte Abbitte für die Verkennung des Romanciers war. Eine Eselei, die darin bestand, dass der Senat 1960 der Zuerkennung des Bremer Literaturpreises für das Jahrhundertwerk „Die Blechtrommel“ nicht zustimmte. Das Abwandern des Archivs wäre eine weitere Blamage.

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