Bühne frei für Neue Musik Alles andere als konventionell

Neue Musik führt oft ein Schattendasein. Sie auf die große Bühne zu bringen ist das Ziel des neuen Realtime-Festivals, das jetzt im Bremer Metropol Theater Premiere feierte.
23.10.2021, 20:35
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Von York Schäefer

Auch mehr als 100 Jahre nach den ersten Brüchen mit der klassisch-romantischen Musiktradition, der teils radikalen Erweiterung von Klang, Harmonie, Melodie und Rhythmus durch Neutöner wie Igor Strawinsky, Arnold Schönberg oder Karlheinz Stockhausen führt das, was man unter Neuer oder Zeitgenössischer Musik zusammenfasst, ein Schattendasein in der öffentlichen Wahrnehmung.

Vergleiche mit der damaligen Aufbruch- und Pionierzeit sind aufgrund der heute vielfach präsenter aufgestellten populären Musik und deren massenhafter medialer Verwertung natürlich nicht so recht statthaft. Mit einer gewissen Bewunderung blickt man aber schon auf die Tumulte und Handgemenge eines aufgebrachten Publikums bei Aufführungen etwa von Richard Strauss’ Oper „Salome“ 1905 oder Strawinskis Ballettmusik „Le sacre du printemps“ aus dem Jahr 1913. Wagemutige, provokative und experimentelle Musikformen hatten auch schon damals einen schweren Stand bei Publikum und Hütern der öffentlichen Moral – so wie Jahrzehnte später Punk, Hip Hop oder Metal anfangs vor allem bürgerlichen Anfeindungen ausgesetzt waren.

Mehr Publikum verdient

Letztere Musiken sind längst handzahm geworden, drehen sich in ewigen Revival-Schleifen um sich selbst oder schwimmen im lukrativen Mainstream mit. Ob es der Neuen Musik je so ergehen wird – und ob deren Vertreter das überhaupt wollen – ist eine andere Frage. Ein bisschen mehr Publikum hätten die zeitgenössisch Neutönenden auf jeden Fall verdient. Genau das hat sich das neue Real Time -Festival für Neue Musik zum Ziel gesetzt, das jetzt im Bremer Metropol Theater mit recht großem Bahnhof eröffnet wurde. „Wir wollen einen Zugang zur Neuen Musik ermöglichen und zeigen, dass diese Musik nicht nur unbequem und auch nicht spaßfrei ist“, sagte die Bremer Konzertpianistin und Festival-Mitbegründerin Claudia Janet Birkholz.
Ein hehres Ziel der Musik-Vermittlung, für dessen Umsetzung die Macher um Birkholz’ Ehemann Gerhard Köster keine Kosten und Mühen gescheut haben. Schon beim Eintritt bekommt man ein Kärtchen an die Hand mit Anregungen für den gepflegten Plausch über eine sperrige Musik. Das Real Time-Programm unter dem Motto „Begegnungen“ mit Pop-up-Konzerten in Viertel und Innenstadt, einer Musikvideo-Gala, Lectures über Neue Musik und Kinderprogramm ist ebenso ambitioniert wie die Marketing-Kampagne im Vorlauf.

Mit dem Metropol-Theater als Veranstaltungsort ist man für das Eröffnungswochenende dem Motto „Think big“ gefolgt. Mit 180 Besucherinnen und Besuchern sind die ersten zehn Ränge gut gefüllt, was recht ordentlich ist für diese Art fordernder Musik – auch wenn man sich sicher mehr erhofft hatte.

Zum Auftakt spielt Claudia Janet Birkholz das Klavierstück XIII „Luzifers Traum“ aus dem Opernzyklus „Licht“ von Karlheinz Stockhausen. Zuvor erklärte ein ehemaliger Stockhausen-Assistent, der Filmkomponist Henning Lohner, den spielerisch-kindlichen Antrieb im Werk des zu Lebzeiten als streng geltenden rheinischen Katholiken.

Griff in die Innereien des Flügels

Dass dies keine Widersprüche sein müssen, hört man auch in Birkholz’ Performance. Die folgt der formelbasierten Komposition von „Luzifers Traum, setzt mit stimmlich expressiv vorgetragenen Aufzählungen und Eingriffen in die Innereien des Flügels, aber auch auf freie Elemente und eigene Interpretationen des Stückes über das Licht als göttliche Metapher.

Sehr überzeugend in seiner Gesamtkonzeption zeigte sich das Ensemble Kwartludium aus Polen, dem Gastland des ersten Real Time-Festivals. Das Quartett mit Violine, Klavier, Klarinette und Percussion befasst sich in seinen Kompositionen mit den Zusammenhängen zwischen Musik und den aktuellen politischen Verhältnissen in Polen, mit Musik als heilender Kraft und dem Zusammenspiel zwischen Musik, Wissenschaft und Wahrnehmungen von Wahrheiten, Fakten und Geschichten im Zeitalter von Fake News. Das erste Werk „Real Life Proof“ ist ein atonales Glissando-Feuerwerk, „General Theory of Relativity“ überzeugt mit einem harsch-düsteren Klangbild, das auch mal Platz lässt für gradlinige Rhythmen und melodische Spuren. Der Ansatz des Gesprächskonzertes mit Moderator Ralf Besser hatte interessante Ideen, war aber insgesamt zu lang.

Aber Neue Musik und ihre Organisationsformen waren auch vor 100 Jahren schon Work in Progress.

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