Reportage zum Glücksspiel

Jagd auf den nächsten Kick

Potenziell lukrativer Zeitvertreib oder gefährliches Hobby? Spielhallen sind umstritten, allein in Bremen gibt es Schätzungen zufolge 1100 bis 3100 Spielsüchtige. Zu Besuch in einem Casino am Bahnhof.
22.01.2020, 09:38
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Jagd auf den nächsten Kick
Von Katharina Frohne
Jagd auf den nächsten Kick

Deutschlandweit gibt es mehr als 13 000 Spielhallen. Ihr Gesamtumsatz belief sich 2017 auf über 7,9 Milliarden Euro.

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Der Mann im grauen Kapuzenpulli ist fertig. Für heute. 50 Euro hat er verzockt, in zweieinhalb Stunden. Sein Tageslimit. „Wenn die weg sind, ist Schluss“, sagt er. Hinter ihm flackert und blinkt es, auf den Displays der Automaten leuchten Spiele mit Namen wie „Velvet Lounge“, „Rockin‘ Fruits“ oder „Lucky Pharao“.

Der Mann ist Mitte 50, trägt kurzes graues Haar, Hornbrille, Cargohose, Turnschuhe. Er kommt oft her, seit vielen Jahren schon. Manchmal zweimal pro Woche, manchmal dreimal. Meistens nachmittags, so wie an diesem Dienstag. Es ist kurz nach 18 Uhr, und das „Merkur“-Casino in der Bremer Bahnhofstraße ist gut besucht. Vor einem der grellbunten Bildschirme lümmeln zwei junge Männer in zerrissenen Jeans, im Raucherbereich sitzen ein paar Herren um die 60 und trinken Kaffee. Alle anderen sind allein da.

Für ihn sei der Laden „ein netter Zeitvertreib“, sagt der Mann. Seinen Namen in der Zeitung lesen möchte er trotzdem nicht – „weil man ja weiß, was die Leute davon halten“. Davon, um Geld zu spielen? Ja, sagt der Mann. Er könne das ja auch verstehen, er habe „traurige Sachen“ gesehen, auch hier, in Bremen. Er erzählt von einem Typen, „der eine neue Waschmaschine brauchte und dachte, dass er hier die letzten 120 Euro zusammenkriegt“, von „Hartz-IV-Empfängern, die ihre ganze Kohle verkloppen und dann nicht wissen, wie sie die Miete zahlen sollen“.

Automaten-Spiele mit hohem Suchtrisiko

Mehrere hunderttausend Menschen gelten deutschlandweit als spielsüchtig, exakt zu beziffern ist ihre Zahl kaum. 2011 kam eine Studie zu pathologischen Glücksspielen und Epidemiologie (PAGE) auf eine halbe Million Betroffene. In Bremen gibt es laut Schätzungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 1100 bis 3100 pathologische Spieler, weitere 1600 bis 3000 Bremer gelten als gefährdet. Die größte Suchtgefahr gehe dabei von Spielautomaten aus – solchen, wie sie auch im „Merkur“ am Bahnhof stehen.

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Wissenschaftler wissen, warum das so ist: Automaten-Spiele bergen ein besonders hohes Suchtrisiko. Erzielt ein Spieler einen Gewinn, schüttet sein Zwischenhirn den Botenstoff Dopamin aus, auch Glückshormon genannt. Die Folge: Sein Körper jubelt, er fühlt sich großartig, will mehr, am besten sofort. Sein Gehirn merkt sich das; es speichert nicht nur das angenehme Gefühl, sondern auch die Gerüche in der Spielhalle, die bunten Lichter, das Automatengedudel. Schnell reichen schon diese Begleitreize, um Freude auszulösen. Vorfreude auf den nächsten Kick. Ein Kick, der deutlich heftiger ausfällt als bei anderen Formen des Spiels, etwa beim Lotto oder Ziehen eines Freimarkt-Loses. Denn der nächste Gewinn – und damit der nächste Rausch – ist vermeintlich nur wenige Sekunden entfernt.

Neben der körpereigenen Belohnung gibt es eine weitere: Geld. Wenn man, nun ja, Glück hat. Allerdings: Das große Geld ist in Automaten-Casinos wie dem in der Bahnhofstraße nicht zu holen. Das sagt auch David Schnabel, Geschäftsführer im Bereich Spielbetriebe der Gauselmann-Gruppe, die bundesweit mehr als 250 Spielhallen betreibt. Auch „Merkur“ am Bahnhof gehört dazu. Es gehe um Spaß, nicht darum, sich systematisch große Summen zusammenzuspielen.

Viele Mitarbeiter reagieren falsch

Trotzdem nehme das Unternehmen die Suchtgefahr sehr ernst. Das muss es auch – denn der sogenannte Glücksspielstaatsvertrag zwischen allen 16 Bundesländern verlangt, dass die Betreiber „Voraussetzungen für eine wirksame Suchtbekämpfung“ schaffen. Was heißt das konkret? Im Fall der Gauselmann-Gruppe, dass man alle Mitarbeiter viermal jährlich zum Thema Spielsucht schule, sagt Schnabel. Trainiert werde dabei etwa, wie sich Betroffene erkennen lassen und wie sie einfühlsam angesprochen werden können.

Theoretisch ist in Sachen Suchtprävention also alles klar. Und praktisch? Da liegt einiges im Argen. Das sagt zumindest Gerhard Meyer, Professor am Institut für Psychologie und Kognitionsforschung an der Uni Bremen. 2016 machte der Suchtexperte den Test: Er schickte Studierende in Spielhallen – um herauszufinden, wie gut die Servicemitarbeiter potenziell pathologische Spieler identifizieren konnten. Das abschließende Urteil, sagte Meyer damals dem WESER-KURIER, sei wenig schmeichelhaft ausgefallen: Obwohl die Studierenden Suchtverhalten simulierten, etwa das Personal um Geld anbettelten oder am Telefon ihren Aufenthaltsort verleugneten, sei nur in vier Prozent der Fälle eine angemessene Reaktion erkennbar gewesen.

Ohnehin ist Meyer skeptisch, ob es überhaupt im Interesse der Spielhallen-Betreiber liegen kann, Süchtige auszuschließen. Immerhin seien die wichtige Kunden. „50 bis 80 Prozent der Bruttospielerträge stammen von Süchtigen“, sagt er. Es sei also fraglich, ob das Geschäftsmodell Automaten-Casino ohne sie überhaupt tragbar sei.

Verbieten oder kontrollieren?

Wäre es also besser, es ganz zu verbieten? David Schnabel von der Gauselmann-Gruppe hat dazu eine klare Meinung. Der Mensch habe immer schon gespielt und er werde immer spielen, sagt er. Da sei es doch besser, er spiele legal und unter Kontrolle als illegal in irgendwelchen Hinterzimmern.

Der Mann im grauen Kapuzenpulli hält selbst das für nicht unbedingt notwendig. „Jeder ist für sich selbst verantwortlich“, sagt er. Ins Casino komme schließlich nur, wer volljährig sei, also hoffentlich über genügend Selbstkontrolle verfüge. Und wenn nicht? „Das ist dann scheiße“, sagt der Mann.

Und dann, ein paar Minuten später, sagt er noch etwas. Er erzählt, dass er einen Job habe, in dem er fast ausschließlich nachts arbeite, dass er deshalb nur tagsüber Freizeit habe. Dann also, wenn all seine Kumpel mit ihren normalen Berufen beschäftigt seien. „Für mich gibt es deshalb zwei Alternativen: allein vor dem Fernseher hängen oder ins Casino, nicht immer zum Spielen, manchmal auch nur zum Reden. Ich bin ganz ehrlich: Wenn das anders wäre, würde ich lieber Freunde treffen. Dann wäre ich nicht hier.“

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