Musikfest Bremen

Brahms Psychogramm trifft auf Schumann

Ein kammermusikalisches Fest hatte Musikfest-Intendant Thomas Albert angekündigt. Ein perfekt austariertes Ensemble nahm sich in der Glocke der Herausforderung an - zur Freude der Zuhörer.
12.09.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Gerd Klingeberg
Brahms Psychogramm trifft auf Schumann

Ein Fest der ­Kammermusik sollte es geben, und die ­Zuhörer wurden nicht enttäuscht. In der Glocke ­ertönten gelungene Interpretationen
von Johannes Brahms und Robert ­Schumann.

Kerstin Völz

Bremen. Ein kammermusikalisches Fest hatte Musikfest-Intendant Thomas Albert eingangs angekündigt. Zu Recht, obwohl das Klavierquartett Nr.3 c-Moll von Johannes Brahms kaum als festlich bezeichnet werden kann. Zumeist düstere Klangfarben dominieren bei diesem oft sperrig anmutenden Opus, einer Art Psychogramm des Komponisten in einer Zeit tiefer persönlicher Krisen. Die Aufführung in der Glocke brachte die heftigen Stimmungswechsel aus cholerisch aufbegehrendem Poltern und melancholisch-elegischen Partien in scharfer Kontrastierung zum Ausdruck.
Pianist Kristian Bezuidenhout am Hammerflügel, einem prachtvoll gemaserten ­Blüthner von 1867, dazu Violinistin Lorenza Borrani, Bratschistin Simone von Rahden sowie Luise Buchberger (Violoncello) erwiesen sich als optimal austariertes, exzellent aufspielendes Ensemble, das die enormen interpretatorischen Herausforderungen dieses anspruchsvollen, schwer eingängigen Werkes mit virtuoser Ausführung und tief auslotender Gestaltung bravourös meisterte. Zwar hätte man sich den dritten Satz Andante mit der ariosen Cello-Melodik noch etwas inniger vorstellen können, aber das eher unweinerliche, dennoch von Wehmut durchdrungene Kolorit fügte sich in ein stimmiges Gesamtbild.


Zugewandter und deutlich luftiger gerieten Robert Schumanns „Märchenerzählungen“ als optimistische, in ihrer Volkstonalität problemlos rezipierbare kleine Charakterstücke in seltener Besetzung: Klarinette (Nicola Boud), Viola und Klavier. Da konnte man sich etwa beim dritten Satz, angegeben mit „Ruhiges Tempo, mit zartem Ausdruck“, geradezu hineinversetzt fühlen in eine beschauliche großelterliche ‚Es war einmal‘-Erzählrunde voller netter Begebenheiten. Sie kamen im feinsinnigen, atmosphärisch dichten Zusammenspiel der Instrumente bildhaft zum Ausdruck, die ungeachtet ihrer unterschiedlichen Timbres bestens harmonierten.

Lesen Sie auch


Wer dennoch weiterhin auf das angekündigte Fest gewartet hatte, der dürfte an diesem Konzertabend spätestens mit Robert Schumanns häufiger zu hörendem Klavierquintett Es-Dur voll auf seine Kosten gekommen sein. Unter Mitwirkung der Geigerin Maia Cabeza legte das Ensemble einen mitreißenden, ungestüm vorandrängenden ersten Satz vor, dessen markantes Thema bei jeder Wiederholung in brillanter Farbigkeit akzentuiert wurde.
Höchste Präzision im Zusammenspiel bewiesen die fünf profilierten Instrumentalisten beim funebren, indes metronomisch straffen Marschmetrum des in pointiertem Pianissimo angegangenen zweiten Satzes. Ein scharfer Kontrast nicht nur zum aufwühlend wilden Satz-Mittelteil, sondern auch zum nachfolgenden, mitreißend agilen und leichthändig dargebotenen Scherzo. Und gleichermaßen zum krönenden Finalsatz, der zur Freude der Zuhörer zupackend schnellpulsig mit resolutem Nachdruck und ausgeprägter musikantischer Leidenschaft präsentiert wurde.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+