AnnenMayKantereit im Schlachthof

Schon krass

Wenig Gerede, dafür aber viel Musik - so präsentierten sich AnnenMayKantereit am Mittwoch bei ihrem Konzert im restlos ausverkauften Bremer Schlachthof und ließen eineinhalb Stunden wie im Flug vergehen.
14.02.2019, 13:53
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Schon krass
Von Alexandra Knief
Schon krass

Mit viel Gefühl und Reibeisenstimme: Henning May von AnnenMayKantereit.

Frank Thomas Koch

Es gibt Bands, die auch nach zwanzig Jahren auf der Bühne die gleichen drei oder vier alten Songs immer und immer wieder spielen müssen, weil es eigentlich nur diese sind, auf die die Fans warten. Gerade, wer zu Beginn seiner Karriere große Erfolge landet, hat es oft schwer, daran mit späteren Songs anzuknüpfen.

Es ist beruhigend, dass es der Kölner Band AnnenMayKantereit wohl nicht so ergehen wird. Erst im Dezember 2018 veröffentlichten die vier Musiker mit "Schlagschatten" ihr zweites Album, welches sich seitdem in den deutschen Albumcharts festgebissen hat. Ihr Erstlingswerk "Alles nix konkretes" hält sich dort bereits seit unglaublichen 138 Wochen.

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Doch es sind nicht nur die "alten" Songs, wie "Pocahontas", "Oft gefragt" oder "Barfuß am Klavier", die die Fans am Mittwoch im restlos ausverkauften Schlachthof hören wollen. Auch das neue Album hält – wie die Reaktion der Fans schnell zeigt – einige Songs mit neuem Hitpotenzial bereit. Und AnnenMayKantereit spielen ein Lied nach dem anderen, ohne große Worte zwischendurch. "Wohin du gehst" ist einer der Songs, der von den Konzertbesuchern phrenetisch gefeiert und textsicher begleitet wird. Er handelt von auseinandergelebten Freundschaften. Gitarrist Christopher Annen greift im Refrain zur Mundharmonika und sowieso wechseln die Multiinstrumentalisten immer wieder das Equipment. Hier spielt Sänger Henning May Melodica, da präsentiert er ein Solo am Keyboard oder packt die Ukulele aus. Beim unglaublich berührenden Song "Sieben Jahre" verlässt Severin Kantereit sein Schlagzeug und greift zur Gitarre. Nur Malte Huck hält sich an seinen Bass. Den spielt er ja auch ziemlich gut, abgesehen davon, dass die Technik ihn zur Mitte des Abends ein wenig überdreht.

Up-Tempo-Rausschmeißer

"Ich geh heut nicht mehr tanzen", brüllt ein Mädchen aus dem Zuschauerraum auf die Bühne, als es gerade mal etwas stiller ist. "Warum bist du dann hier?", kontert May, auch wenn er natürlich genau weiß, dass der Zwischenruf eigentlich ein Musikwunsch ist. Doch den gleichnamigen Track heben die Kölner sich bis ganz zum Schluss auf, quasi als Up-Tempo-Rausschmeißer für alle in die Jahre gekommenen Feierwütigen, die mit Mitte 20 schon merken, dass drei Tage Party am Stück irgendwann nicht mehr so einfach sind.

Nach Hause will an diesem Abend aber noch niemand. Die "Zugabe"-Rufe stimmen schon an, da ist die Band noch nicht einmal von der Bühne runter. Weg musste sie da trotzdem erst einmal, bevor es weitergehen konnte, denn AnnenMayKantereit hatten sich als Bonus noch etwas Besonderes überlegt: Die erste Zugabe spielten sie auf dem Podest der Technik, mitten im Publikum – a-Kapella und mehrstimmig präsentieren sie einen ganz neuen Song mit dem Titel "Ozean". Alleine für diesen kurzen Auftritt hat es sich gelohnt, dass AnnenMayKantereit im Schlachthof spielten und nicht in einer größeren Location, die die Band zweifelsohne auch problemlos hätte füllen können (vergangenes Jahr traten sie noch in Halle 7 auf). Atmosphärisch und akustisch ist die Kesselhalle einfach zu Recht für viele Künstler die liebste Bremer Anlaufstelle. Und auch als Gast ist man mittendrin statt nur dabei.

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Spannender Support

Eine Erwähnung wert ist auch Alli Neumann, die AnnenMayKantereit als Support mit nach Bremen gebracht haben. Etwas mehr Bekanntheit erreichte Neumann vergangenes Jahr, als sie die Hauptrolle im Film "Wach" des ehemaligen Echt-Frontmanns und jetzigem Regisseur Kim Frank übernahm. Im Oktober 2018 veröffentlichte sie mit "Hohes Fieber" ihre erste EP. Wie man Alli Neumann beschreiben könnte? Stilistisch erinnert ihre Musik sehr an die Neue Deutsche Welle der 80er-Jahre. Wohl auch, weil Neumann stimmlich stark an Nena erinnert und von der eher rotzigen Attitüde an Nina Hagen denken lässt. Eine interessante Kombi, die zweifelsohne aus dem Braves-deutsches-Mädchen-Klischee, das ansonsten aktuell Erfolge feiert, hervorsticht und positiv in Erinnerung bleibt.

"Schon krass" heißt ein Song auf dem neuen Album von AnnenMayKantereit, in dem es um Drogen geht, um die Karriere, aber auch um Liebe. Und ja, all das, was AnnenMayKantereit in den vergangenen drei Jahren erlebt haben, ist schon krass. Doch die vier Kölner stehen zurecht da, wo sie jetzt stehen, mit teils alltäglich-simplen und dennoch klugen Texten, mit ihrer unglaublichen Bodenständigkeit und der unverwechselbaren Reibeisen-Stimme von Sänger Henning May. Das alles ist eben irgendwie genau das: schon krass. Und weckt bereits jetzt die Vorfreude auf alles, was diese vier jungen Ausnahmekünstler in den kommenden Jahren noch abliefern werden.

AnnenMayKantereit treten in diesem Jahr beim Hurricane Festival in Scheeßel auf. Das Musikfest findet vom 21. bis 23. Juni auf dem Eichenring statt. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.

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19. - 21. Juni, Eichenring, Scheeßel
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