Graphic Novel "Slocum" Ein Schiffsunglück in Bildern

Der Untergang des Ausflugsdampfers PS General Slocum zählt zu den größten zivilen Schiffskatastrophen der Vereinigten Staaten. Der gebürtige Bremer Jan Soeken hat aus der Geschichte ein Comic gemacht.
27.12.2021, 12:56
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Ein Schiffsunglück in Bildern
Von Alexandra Knief

Es ist der 15. Juni 1904. An einem Pier des New Yorker East Rivers ist der Ausflugsdampfer PS General Slocum bereit abzulegen. An Bord: Hauptsächlich Deutsch-Amerikaner aus der St. Marks Gemeinde, die wie jedes Jahr einen Ausflug zum Erholungspark Locust Grove machen wollen, um dort das Ende des Schuljahres zu feiern. 

Doch schon kurze Zeit später steht der Raddampfer in Flammen. Knapp 1400 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, sind auf dem Schiff, mehr als Tausend von ihnen überleben den Ausflug nicht. Der Dampfer brennt komplett aus und sinkt. Bis heute gilt die brennende Slocum als größte zivile Schiffskatastrophe der Vereinigten Staaten

Absurde Details

Der 1980 in Bremen geborene und heute in Hamburg lebende Comiczeichner und Illustrator Jan Soeken hat aus der tragischen Geschichte eine Graphic Novel, also ein Comic in Buchformat, gemacht. Mehrere Jahre hat er daran gearbeitet. Was ihn an der Geschichte fasziniert hat? "Ich habe von dem Unglück in einem Zeitungsartikel gelesen und war ganz baff von der Fülle an Dingen, die da schief gegangen sind", erzählt er. "Je weiter ich dann recherchiert habe, desto mehr absurde Details zu dem Unglück sind zum Vorschein gekommen."

Den Erzähltext des Buches hat Soeken aus verschiedenen Quellen, die über das Unglück berichten, zusammengestellt. Mit den "absurden Details" meint er, dass das Unglück hätte verhindert werden können, wenn alle Beteiligten ihren Job richtig gemacht hätten. Die Schläuche zum Löschen waren marode und brachen, die Crew war nicht auf einen Notfall vorbereitet und auch die Schwimmwesten an Bord waren unbrauchbar. Auch kaum zu fassen: Die Rettungsboote wurden so oft neu gestrichen, dass sie am Schiffsrumpf festklebten und nicht zu Wasser gelassen werden konnten. Während der Kapitän des Schiffes anschließend in Haft kam, mussten die Verantwortlichen der Schifffahrtsgesellschaft, die für die Mängel an Bord verantwortlich waren, nur eine geringe Geldstrafe zahlen. Gerechtigkeit sieht anders aus. 

Historischer Ausflug

All das findet Platz in Soekens Buch, ebenso ein kurzer historischer Ausflug der erklärt, wer General Slocum, nach dem das Schiff benannt wurde, eigentlich war. Soeken schlachtet nicht die Katastrophe als solche aus, er macht die Geschichte zu einem Kammerspiel und erzählt sie mit viel schwarzem Humor. "Für mich war das, was ich über das Unglück gelesen habe auch sehr stark von einer absurden Komik geprägt", sagt er. "Ich fand also die Frage spannend, ob ich das als Komödie erzählen kann. Und wenn ja, wie?"

Soeken erschafft in seinen einfachen, aber detailverliebten blau gedruckten Bleistiftzeichnungen groteske Szenerien, die zum Teil an Loriot oder Monty Python erinnern. Zum Beispiel, als der aufdringliche und tollpatschige Pastor Haas durch ein schief hängendes Bild auf der Schiffsbrücke dafür sorgt, dass Kapitän William van Schaick erst viel zu spät das Feuer bemerkt und eingreifen kann. Alles so passiert? "Haas gab es wirklich. Er war auch wirklich mit an Bord der Slocum", sagt Soeken. "Allerdings war er höchstwahrscheinlich nicht so ein nerviges Arschloch." Die Szenen auf der Schiffsbrücke sind also frei erfunden. Sie füllen Lücken, wo die Quellen versagen. Und gerade sie geben dem Buch die absurde Komik, durch die die Geschichte, die schon sehr oft literarisch und filmisch erzählt wurde, noch einmal einen ganz neuen Blickwinkel erfährt. 

Erst zum Ende der Graphic Novel, wenn klar wird, dass für viele Menschen auf dem Schiff jede Hilfe zu spät kommt, Slapstick zu Tragik wird, bleibt dem Leser das Schmunzeln im Hals stecken. Die heitere Stimmung kippt. Wenn dieses Unglück eine Sache klarmacht, dann diese: Der Teufel steckt manchmal im Detail. Im Fall der Slocum waren es viele Teufel.

Info

Jan Soeken: Slocum - Schiffbruch auf dem East River. Avant-Verlag, Berlin. 120 Seiten, 22 €.

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