Kulturbetrieb im Ausnahmezustand

Wie das Theater Bremen durch die Corona-Krise kommen will

Die Corona-Krise stellt den Kulturbetrieb auf den Kopf. Kinos und Theater sind dicht, wie es weitergeht, ist ungewiss. Das Theater Bremen stellt sich schon auf eine längere Pause ein. Mit welchen Folgen?
21.04.2020, 08:44
Lesedauer: 3 Min
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Wie das Theater Bremen durch die Corona-Krise kommen will
Von Iris Hetscher
Wie das Theater Bremen durch die Corona-Krise kommen will

Die meisten Mitarbeiterinnen der Kostümabteilung nähen zu Hause – nur einige sind in der Werkstatt im Theater aktiv.

Christina Kuhaupt

Das Theater Bremen stellt sich auf eine längere Pause ein. Wie Intendant Michael Börgerding am Montag bei einem Presse­termin im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung erklärte, plane man „optimistisch für September“, was eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs angeht. Börgerding bleibt allerdings, auch was diese Prognose angeht, vorsichtig: „Man weiß nicht, wie sich die Situation im Herbst darstellt, es ist einfach schwierig.“

Hintergrund ist das bundesweite Verbot von Großveranstaltungen bis zum 31. August, dem das Theater wegen der Anzahl seiner Plätze wahrscheinlich unterliegt. Er gehe davon aus, dass der Senat in seiner Sitzung am Dienstag die Einstellung des Spielbetriebs verlängern werde, so Börgerding. Damit wäre die jetzige Saison offiziell beendet.

Trotz fehlender Einnahmen wohl kein Minus

Und dann? Vieles musste am Montag im Konjunktiv bleiben. Die Premieren der Oper „Falstaff“ nach Verdi im Musiktheater und des Brecht-Dramas „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ im Schauspiel würden, sollte es im September wieder losgehen, zum Spielzeitauftakt gezeigt. Bei beiden Produktionen seien die Proben so gut wie beendet gewesen, bevor das Theater Mitte März schließen musste, so Börgerding. Die ersten neuen Produktionen der Spielzeit 2020/21 würden voraussichtlich im November zu sehen sein, darunter „Ronja Räubertochter“ als Weihnachtsstück.

Am Theater ist man optimistisch, finanziell glimpflich durch die Krise zu kommen. 75 Prozent der Belegschaft sei bereits seit dem 20. März in Kurzarbeit, so Geschäftsführer ­Michael Helmbold. Davon waren zunächst 400, jetzt 350 Beschäftigte betroffen, darunter auch die fest angestellten Schauspieler. Da die Spielzeit bis zu ihrem Zwangsstopp „die erfolgreichste ist, seit ich hier bin“, so Michael Börgerding, rechnet das Theater trotz nun fehlender Einnahmen nicht mit einem Minus.

Noch nicht erbrachte Leistungen für die Abonnenten wolle man in die nächste Spielzeit schieben; wer bereits Einzeltickets für nicht gezeigte Vorstellungen gekauft habe, könne sich das Geld erstatten lassen. Es sei allerdings auch möglich, die Karte verfallen zu lassen und den Betrag zu spenden. „Wir stellen dafür Spendenquittungen aus“, sagte der Intendant.

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Unrealistisch sei es, beide Häuser unter Wahrung der Abstandsregeln bespielen zu wollen. Michael Helmbold: „Im Großen Haus blieben dann von 800 Plätzen 106, im kleinen hätten wir 26 zur Verfügung, das macht keinen Sinn.“ Nachgedacht werde im Schauspielensemble aber über alternative Möglichkeiten, etwas zu inszenieren; auch unter Einbeziehung von Video oder Streaming. Momentan gibt es auf Instagram regelmäßig literarische oder musikalische Kostproben von Schauspielern und Musikern zu sehen und zu hören.

Auch um die bereits engagierten Gäste kümmert sich das Theater. Den freischaffend tätigen Künstlerinnen und Künstlern werde ein Ausfallhonorar bezahlt. Dabei handele es sich um eine Vorschussleistung, betonte Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz (SPD). Das Geld werde jetzt überwiesen für ein Projekt oder eine Produktion, die später stattfinde: „Es gibt nichts umsonst.“

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10.000 Masken pro Monat

Währenddessen hat sich die Kostümabteilung im großen Stil auf das Nähen von Masken verlegt. Seit dem 23. März seien 4000 bis 5000 Mundschutz-Tücher gefertigt worden, schätzt Claudia Hartmann, Leiterin der Kostümabteilung: „Das Ziel sind 10.000 Masken pro Monat.“ 80 Prozent der 40 Mitarbeiterinnen arbeiteten zu Hause, ausgeliefert würden die Masken ausschließlich an den Corona-Krisenstab Bremen, der sie an Krankenhäuser und andere Einrichtungen verteile.

Auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtbibliothek würden demnächst mit diesem Mundschutz ausgestattet, so Carmen Emigholz – die Bibliotheken sollen in einigen Tagen wieder öffnen (wir berichteten). Ein Aufruf an die Bremer, Stoff zu spenden, sei auf große Resonanz gestoßen: „Wir können die Hälfte aller Masken daraus herstellen“, so Claudia Hartmann. Zuvor habe man auf eigenes Material zurückgegriffen

Unterstützt werden die Schneiderinnen von Kolleginnen und Kollegen aus der Tischlerei oder der Deko-Abteilung, die zum Beispiel Drähte aus alten Telefonkabeln heraustrennen. Die Tischlerei wird zudem noch eine andere Aufgabe bekommen. Dort sollen Plexiglas-Trennwände hergestellt werden, die beispielsweise in Bibliotheken die Mitarbeiter am Info-Tresen schützen sollen.

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