Sonntagskolumne „Müßiggang“ Stichtag, Schrittfolge, Studiengang

Üblicherweise trottet er mit Bedacht über Trottoirs. Nur beim (monatlichen) Erscheinen seines Lieblingssudokuheftes wirft Kolumnist Hendrik Werner den inneren Turbo an. Nicht immer mit den begehrten Folgen.
24.11.2019, 19:48
Lesedauer: 2 Min
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Stichtag, Schrittfolge, Studiengang
Von Hendrik Werner

Anderen Menschen mag der Zahltag gegen Monatsende als Fluchtpunkt ihrer Sehnsüchte gelten. Für den Müßiggänger indes ist der 15. eines jeden Monats der höchste weltliche Feiertag. Ein Zahlentag sozusagen. Dann erscheint sein liebstes Druckerzeugnis, das Sudoku-Heft seines Vertrauens: mit großartigen Ziffern, breit gefächerten Schwierigkeitsgraden – und einem betörenden Auflösungsteil. Alles, aber auch wirklich alles setzt unser Mann daran, um eines der raren Exemplare zu ergattern. Während er üblicherweise, seinem Ruf als bedächtiger Flaneur folgend, über Trottoirs trottet, über Bürgersteige bummelt oder, gleichfalls gemessenen Schrittes, über Gehwege gleitet, wirft er am Stichtag frühmorgens voller Vorfreude den inneren Turbo an – und sputet sich spurtenderweise. Muss er auch, weil die Zahlenrätsel-Broschüre, ein Import aus Österreich, nach seiner Kenntnis nur in zwei Geschäften im Bremer Hauptbahnhof vorrätig und entsprechend rasch vergriffen ist.

Weil die Zahl der Mitbewerber horrend hoch ist, kann es leider passieren, dass der Müßiggänger japsend, krebsrot und am Rande eines Nervenzusammenbruchs vor dem Verkäufer (m, w, div) kniet, der ihm neulich groteskerweise ernstlich nahelegte, es doch zur Abwechslung – wirklich nur dieses eine Mal! – mit einem anderen Heft zu versuchen. Hätte der Müßiggänger nicht den erstaunlichen Studiengang „Komplexes Entscheiden“ absolviert, so wäre seine Antwort wohl ein zauderndes „Ja-nö-ja“ (vgl. den vergriffenen Sprachführer „Hannoversch für Anfänger“) oder ein zögerliches „Jein“ gewesen (vgl. das gleichnamige Lied von Fettes Brot). So aber verneinte er das unmoralische Angebot des Printmedien-Krämers mit dem nötigen Nachdruck.

Und doch: Seit diesem tristen Tag fühlt er sich von prinzipiellem Zweifel zernagt. Wie nun, fragt er sich, wenn in dem – angeblich! – allmonatlich neu erscheinenden Sudoku-Heft seiner Wahl wieder und wieder die gleichen Rätsel abgedruckt werden? Inhaltsidentisch, allenfalls hier und da mal in anderer Reihenfolge. Wer macht sich schon die – vermeintlich! – absurde Arbeit einer vergleichenden Überprüfung von Zahlen in Kästchen? Mittlerweile glaubt sich der Müßiggänger einem ungeheuren Skandal auf der Spur und plant deshalb eine Enthüllungsnovelle. Arbeitstitel: „Die Sudoku-Verschwörung“. „Du hast ja einen Ratsch am Kappes“, sagt meine Oma.

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