Landwirt im Nebenjob Von wegen Bauern zweiter Klasse

Über die Hälfte aller Höfe werden in Deutschland heute von Landwirten im Nebenerwerb geführt. Warum sie so wichtig für die Zukunft der Landwirtschaft sind, erklärt Nebenerwerbslandwirt Christian Mühlhausen.
11.09.2021, 08:14
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Von wegen Bauern zweiter Klasse
Von Marc Hagedorn

Christian Mühlhausen ist ein Kind vom Land, aufgewachsen in Lippoldshausen bei Hannoversch Münden. Als er klein ist, betreibt die Familie einen Landgasthof und ein wenig Landwirtschaft. 30 Hektar bewirtschaften die Eltern, bauen Kartoffeln an, halten ein paar Schweine. Wenn damals eine Feier war, traf man sich bei Mühlhausens im Lokal „Zur Brücke“; die Leute aus dem Ort, die Bauern von den Höfen. „Man kannte sich“, sagt Mühlhausen. Ihm hat das damals sehr gefallen, früh wuchs der Wunsch, etwas „mit Landwirtschaft“ zu machen.

Tatsächlich ist Mühlhausen, 44, heute Landwirt. Landwirt im Nebenerwerb. Den größeren Teil seiner Einkünfte erzielt der ausgebildete Forstwirt seit 15 Jahren als Agrarjournalist. Macht Bilder und schreibt Texte für deutsche und internationale Fachmagazine. Beim Landvolk Niedersachsen sitzt er außerdem dem Ausschuss Nebenerwerb vor. In dieser Position kann Mühlhausen, als Landwirt Praktiker und als Journalist Mann des Wortes, sehr gut seine zwei Leidenschaften verbinden und sie für eine Sache einbringen, die ihm am Herzen liegt, nämlich den Menschen bewusst zu machen, wie wichtig Nebenerwerbslandwirte sind.

Wenn Mühlhausen im Land unterwegs ist, muss er feststellen: „Es gibt immer mehr Dörfer ohne Bauern.“ Natürlich sind die Höfe noch da und auch die weiten Wiesen und Felder. Aber auf den Höfen wird dann nur noch gewohnt. Die Felder sind verkauft oder verpachtet an Bauern aus dem Nachbardorf oder noch weiter weg. „Landwirtschaft wird immer weniger sichtbar vor Ort“, sagt Mühlhausen. „Wenn früher der Trecker Stroh auf der Straße verloren hat, war klar, an wen man sich wenden konnte.“ An „seinen“ Bauern. Aber jetzt? „Ist da in immer mehr Ortschaften eine Entfremdung“, sagt Mühlhausen. Umso mehr freut er sich über jeden Betrieb, den Landwirte aus dem Ort noch selbst führen, auch im Nebenerwerb.

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Nebenerwerbsbetriebe sorgen heute entscheidend für das, was Mühlhausen damals in seiner Kindheit so geschätzt hat: ein vielfältiges und persönliches Dorfleben. „Jeder Betrieb ist eine Schnittstelle zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft“, sagt Mühlhausen, „Landwirtschaft wird weniger anonym, wenn der Trecker beim Kirmesumzug mitfährt oder der Bauer beim Aufbau des Osterfeuers hilft.“

Mühlhausen bewirtschaftet 75 Hektar Ackerland und ein bisschen Grünland, baut Weizen, Raps, Mais und Zuckerrüben an. Er macht das gemeinsam mit einem Freund, der über die landwirtschaftlichen Maschinen verfügt, Mühlhausen selbst  kümmert sich vor allem um die Büroarbeit: die Buchhaltung, Dokumentationen, Anträge. Er habe das Glück, sagt Mühlhausen, einen flexiblen Hauptberuf zu haben. Er könne die Arbeitsbelastung ganz gut steuern.

Aber auch dort, wo die Arbeitszeiten lang sind, ist die Zufriedenheit vergleichsweise groß, wie Umfragen unter Landwirten gezeigt haben. Das Fachmagazin „Agrar heute“ berichtet von Untersuchungen, nach denen bei vielen Nebenerwerbslandwirten ideelle Beweggründe eine große Rolle für die Weiterführung des Hofes spielen: die Fortsetzung der Familientradition; die Freude an der Landwirtschaft; das Gefühl, sein eigener Herr zu sein und etwas Nützliches zu tun.

Nicht immer konfliktfrei ist das Miteinander von Haupt- und Nebenerwerbslandwirten, wenn es ums Geld geht. Da sind sie Konkurrenten. Wie die Kollegen im Hauptberuf erhalten auch Nebenerwerbslandwirte Flächenprämien aus dem Topf der EU. Außerdem ist jeder Acker, der im Nebenerwerb bewirtschaftet wird, potenzielles Land für Haupterwerbslandwirte, um weiter wachsen zu können.

Mühlhausen wirbt für ein faires Miteinander, ihm ist wichtig, dass Nebenerwerbslandwirte nicht als „Bauern zweiter Klasse“ wahrgenommen werden, wie er sagt. Deshalb setzt er sich bei den Verbänden, Kammern und Landvolkgruppen auch dafür ein, Fort- und Weiterbildungen anzubieten. Er weiß, dass die Anforderungen an die Landwirte immer größer werden, bürokratische Hürden mitunter hoch sind. „Aber der Papierkram ist kein Hexenwerk“, sagt er. Dass Nebenerwerbslandwirte deshalb ihren Betrieb aufgeben, „das darf nicht passieren“. Es hören schon genug Bauern auf.

Zur Sache

Immer mehr Landwirte im Nebenerwerb

Die Zahlen sind beeindruckend: Über die Hälfte der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland werden inzwischen im Nebenerwerb geführt, in Hessen sind es die meisten, fast jeder siebte Hof, in Niedersachsen rund 40 Prozent, Tendenz steigend. Der klassische Nebenerwerbsbetrieb ist zwischen fünf und 75 Hektar groß, der Durchschnitt in Niedersachsen beträgt rund 30 Hektar. Das sind 20 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche im Land. Betriebe im Nebenerwerb bieten Ferien auf dem Bauernhof an, sie halten kleine Viehbestände, bauen Sonderkulturen an oder betreiben mobile Hühnerställe.

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