Diskussion über die Kontaktsperre Lichtblick für Heimbewohner in Bremen

Besuchsbeschränkungen in Bremer Heimen wegen der Corona-Pandemie machen Bewohnern und Angehörigen zu schaffen. Kommende Wochen soll sich der Senat mit möglichen Lockerungen befassen.
12.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Lichtblick für Heimbewohner in Bremen
Von Justus Randt

Die durch Corona bedingten rigiden Besuchs- und Freiheitsbeschränkungen für Heimbewohner und ihre Angehörigen machen den Beteiligten zu schaffen. „Wir brauchen jetzt den Kontakt zu unseren Eltern und Großeltern. Solange sie noch unser Leben bereichern können, wollen und müssen wir ihres bereichern. Jetzt!“, heißt es in der Petition einer Bremerin an die Bürgerschaft. „Uns läuft die Zeit davon, die sich die Politik hier gerade nimmt.“ Unterdessen haben die öffentlichen und die privaten Heimbetreiber am Donnerstag eine Stellungnahme zu Lockerungen abgegeben, die das Sozialressort am Dienstag dem Senat vorliegen will.

Ehepartner, die sich nicht treffen können, weil sie auf unterschiedlichen Stationen eines Heimes untergebracht sind, Demenzkranke, die nicht verstehen, warum ihre Kinder sie alleinlassen: Das sind Beispiele, über die der WESER-KURIER bereits berichtet hat. Weitere Leserinnen und Leser haben sich gemeldet. Unter anderem wundert sich ein Sohn, dass er das defekte Hörgerät seiner Mutter nicht im Pflegeheim abholen darf, weil „angeblich ein Corona-Fall durch eine Reinigungskraft bekannt wurde“.

Besuche von bis zu zwei Stunden könnten möglich werden

Laut Arnold Knigge, Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Bremen (LAG), strebt das Sozialressort an, die Besuchsbeschränkung möglichst bald von 45 Minuten pro Woche auf zwei Stunden zu verlängern. Besucher sollen sich abwechseln können, die Altersuntergrenze von 16 Jahren soll fallen, ebenfalls das Verzehrverbot bei Besuchen. Dazu wurde die LAG angehört und ist sich in ihrer Stellungnahme einig mit der Landesbeauftragten des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste, Johanna Kaste.

„Wir können die Wünsche nachvollziehen und befürworten weitere Lockerungen“, sagt Knigge. „Aber nur dann, wenn die systematische Testung bei Erstaufnahme aus dem häuslichen Bereich oder dem Krankenhaus kommt und von Zeit zu Zeit auch das Personal ge­testet wird. Und es muss Klarheit darüber geben, welche hygienischen Regelungen individuell handhabbar sind.“ Personell und or­ganisatorisch seien viele Häuser „überfordert von dem langen Katalog der Hygieneanforderungen“.

Lesen Sie auch

Heike Einwächter-Langer aus Bremen-­Grohn hatte sie sich „wochenlang geärgert“ über die Beschränkungen und deshalb die Petition eingereicht. Zeitweilig sei der Kontakt zu ihrer demenzkranken Mutter gekappt gewesen – und ist bisher auf höchstens 45 Minuten pro Woche begrenzt. „So soll es nicht bleiben“, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts, „aber wir müssen die Infektionszahlen gering halten“. Jede Regelung sei mit Hygienekonzepten verbunden.

Die Limitierung auf höchstens 45 Minuten, die aufgrund der Intervention der Träger zustande gekommen sei, sei just am Dienstag aufgehoben worden, sagt Bernd Schneider, Sprecher des Sozialressorts. Bestand hat unter anderem das Mindestalter und dass Besucher nicht wechseln dürfen. „Uns ist bewusst, dass sich da Dramen abspielen“, sagt Schneider. Und: Es gebe auch Missverständnisse bei der Auslegung der Restriktionen. „Uns ist immer wieder berichtet worden, dass Pflegekräfte Besucher die ganze Zeit begleitet hätten. So ist es aber nicht gemeint, und das bindet natürlich unnötig Personal.“ Dass eine Begleitung vorgeschrieben ist, beziehe sich auf die Kontaktaufnahme, also die Ankunft.

Kritik von CDU-Bürgerschaftsabgeordnete

Mit der Streichung des Wortes „höchstens“ sei die inzwischen „Siebente Corona-Verordnung“ vom 9. Juni, „wie jedes Mal, wenn etwas verändert wurde, um eine weitere Woche verlängert“ worden, kritisiert die Bürgerschaftsabgeordnete Sigrid Grönert (CDU). Sie hatte sich, wie berichtet, eine Diskussion über die Veränderung der Verordnung auch in der Sozialdeputation gewünscht.

Sigrid Grönert sei die einzige Abgeordnete gewesen, die auf ihren Hilferuf reagiert habe, sagt Heike Einwächter-Langer, und sie habe ihr zu der Petition geraten. Bis Donnerstagabend hatte die Eingabe 140 Unterstützer. Die Behauptung, die Bremer Regelungen für Besuchszeiten seien „die restriktivsten Begrenzungen bundesweit“, lässt sich schwer widerlegen. Was die Regeln der Länder betreffe, sagt Bernd Schneider, sei „alles im Fluss“.

Lesen Sie auch

Info

Zur Sache

Hochrechnung zur Corona-Sterblichkeit

Pflegebedürftige Menschen sind durch die Corona-Pandemie besonders stark gefährdet: Nach Hochrechnungen von Forschern der Universität Bremen waren in Deutschland 60 Prozent aller Covid-19-Verstorbenen stationär in Pflegeheimen oder ambulant von Pflegediensten Betreute. Von allen bundesweit mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 Infizierten habe diese Gruppe einen Anteil von 8,5 Prozent, teilte die Universität Bremen mit.

„Pflegeheime sind der wichtigste Ort in Bezug auf Covid-19-Verstorbene, obwohl nur ein Prozent der Bevölkerung in dieser Wohnform lebt“, betont der Co-Autor der Studie, Heinz Rothgang. Die Sterblichkeit unter Pflegebedürftigen sei mehr als 50-mal so hoch wie im Rest der Bevölkerung. Für die Studie befragte das Forscherteam online bundesweit 824 Pflegeheime, 701 Pflegedienste und 96 teilstationäre Einrichtungen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+