Ärztliche Versorgung im Lager Wie ein Bremer Medizinstudent im Flüchtlingscamp auf Lesbos hilft

Cemsid Kiy studiert Medizin und absolviert ein Praktisches Jahr am Klinikum Mitte. Doch Erfahrungen sammelt der 27-Jährige auch auf Lesbos, wo er und seine Kollegen bis zu 120 Patienten am Tag behandeln.
22.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus

„Ich habe die Aufgabe, die medizinische Versorgung sicherzustellen“, sagt Cemsid Kiy, der mit dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) kürzlich nach Lesbos geflogen ist, um im dortigen Flüchtlingslager Kara Tepe 2 die medizinische Versorgung zu gewährleisten.

Denn als Anfang September das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos in Flammen stand, konnten die mehr als 12.000 Bewohnerinnen und Bewohner des Camps nur hilflos mitansehen, wie das Feuer auch ihre allerletzten Habseligkeiten und ihr ärmliches Dach über dem Kopf vernichtete. Zuvor lebten sie bereits seit Jahren in menschenunwürdigen Zuständen. In dem für 2800 Menschen ausgelegten Lager gab es zu wenig Lebensmittel und nicht genug Trinkwasser, Krankheiten grassierten und auch Corona macht vor dem Flüchtlingscamp nicht halt. Nach dem Brand wurden viele Migranten in knapp anderthalb Kilometer Entfernung in einem neuen Lager untergebracht, doch auch hier änderten sich die Lebensumstände nicht wesentlich, zudem sind unlängst durch Regenfälle diverse Zelte unter Wasser gesetzt worden.

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Cemsid Kiy fühlt sich gut vorbereitet

Keine einfachen Zustände also, doch der 27-jährige Cemsid Kiy ist auf diesen Einsatz vorbereitet. „Ich bin da reingerutscht“, erzählt der Bremer vor seiner Abreise über seinen Werdegang beim ASB. „Nach dem Abitur wollte ich ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren und habe gesehen, dass der ASB so etwas anbietet. Und dann bin ich in Kontakt mit der Auslandshilfe gekommen.“ In dem sogenannten Fast-Team (First Assistance Samaritan-Team), der schnellen Einsatzgruppe für Katastrophen im Ausland, engagiert sich der ausgebildete Rettungsassistent seitdem. Ehrenamtlich macht er das, in seiner übrigen Zeit studiert er Medizin, derzeit absolviert er sein Praktisches Jahr am Klinikum Bremen-Mitte.

Es gibt gewiss einfachere Wege, sich ehrenamtlich zu engagieren, doch Cemsid Kiy will sein Wissen ins Fast-Team einbringen. Das hilft nach Erdbeben, Überschwemmungen und anderen Katastrophen, in deren Folge die Infrastruktur geschädigt ist. „Im Grunde die Tätigkeit eines Hausarztes“, beschreibt er seine Tätigkeit, die über die Jahre von vielen ASB-Seminaren begleitet wurde. „Hier kann man sich entscheiden, ob man im medizinischen Bereich oder in der Trinkwasseraufbereitung aktiv werden möchte, anschließend kommt man in einen Pool und dann wird abgefragt, wer zu welchem Zeitpunkt Zeit hat.“

„Letztlich ist das wie eine Hausarztpraxis“

Am Zielort angekommen, baut das Team ein Behandlungszelt auf: „Letztlich ist das wie eine Hausarztpraxis – Patienten kommen und werden in ‚akut‘ und ‚nicht akut‘ unterteilt.“ Ein weiterer Bereich stellt die Infektionsprävention dar. „Im vergangenen Jahr war ich zum Beispiel in Sambia, um Kurse zu geben und auch wegen Corona in der Mongolei.“

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Nun aber: Lesbos in Griechenland. „Nach dem Abbrennen des Lagers gab es eine Hilfeanfrage der Weltgesundheitsorganisation WHO“, erzählt er über den Einsatz, „und auf Lesbos lösen wir eine Nichtregierungsorganisation aus Norwegen ab.“ Zusammen mit seinem Kooperationspartner, dem Verein Cadus, will das FAST-Team bis Ende Dezember die medizinische Versorgung der Campbewohner schultern. Zwei Teams, bestehend aus Ärzten, Notfallsanitätern, Rettungsassistenten, Logistikern sowie Pflegekräften werden dann jeweils zwei Wochen die medizinische Betreuung vor Ort übernehmen.

Gespräche mit Kollegen helfen, das Erlebte zu verarbeiten

„Die Leute von Cadus haben uns erzählt, was uns erwartet und wer in dem Camp lebt. Ein wenig wissen wir also, doch was uns dann wirklich erwartet, werden wir sehen“, meint Cemsid Kiy. Auf die Frage, ob er ein dickes Fell habe, antwortet er: „Bei Erkrankungen schon. Doch auf diese Zustände kann man sich nicht vorbereiten. Die sanitären Anlagen sind nicht ausreichend, dazu kommt noch der Wind – das zu sehen, macht etwas mit einem.“ Dann helfe ein Gespräch mit den Kollegen, sagt er, „wir haben auch Runden, in denen wir über solche Sachen reden. Das hilft schon, damit umzugehen.“

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80 bis 120 Personen will das Team des ASB pro Tag behandeln, dafür stehen vier Behandlungsplätze zur Verfügung, die sich das Team mit anderen Organisationen teilt. Von den griechischen Behörden sei das gut strukturiert, zudem gebe es in fünf Kilometern Entfernung ein Krankenhaus. Er sagt aber auch: „Die Insel Lesbos würde das alleine aber nicht schaffen.“

Der Einsatz dauert bis Anfang Dezember

Bis zum 6. Dezember wird Cemsid Kiy auf Lesbos bleiben. Er wird Atemwegserkrankungen, Durchfälle oder Hauterkrankungen wie Pilze oder auch Krätze behandeln müssen. Und er wird den Belastungsstörungen und den psychischen Erkrankungen diverser Patienten gegenüberstehen, die auf ihrem langen Weg nach Europa und im Camp traumatische Erfahrungen machen mussten.

Er selbst sieht sich jedoch gewappnet, wenngleich auch er die eigene psychische Belastung sehr wohl im Blick hat: „Da helfen dann aber die abendlichen Runden. Und bei Verdacht auf Belastungsstörungen gibt es psychologische Hilfe.“

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