An der Tiefer statt an der Schlachte

Neuer Vorschlag für Mahnmal-Standort

Eigentlich ist das Mahnmal zur Erinnerung an den Raub jüdischen Eigentums unter den Nazis für die Schlachte geplant. Nun bringen die Initiatoren des Kunstwerks aber noch einen anderen Ort ins Gespräch.
29.04.2019, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Neuer Vorschlag für Mahnmal-Standort
Von Nina Willborn
Neuer Vorschlag für Mahnmal-Standort

So sollte das Mahnmal zur Erinnerung an den Raub jüdischen Eigentums an der Schlachte aussehen.

Kreikenbaum / Oettingshausen.

Seit mehr als fünf Jahren wird in Bremen über die Errichtung eines Mahnmals zur Erinnerung an den Raub jüdischen Eigentums während der Herrschaft der Nationalsozialisten diskutiert. Gebaut werden soll es an den Stufen der Schlachte ‒ das war, wenn auch in einigen Punkten ein Kompromiss, letztlich seit 2016 Konsens aller Fraktionen. Jetzt aber treten erneut die Initiatoren der Mahnmal-Idee um den ehemaligen taz-Redakteur Henning Bleyl auf den Plan und fordern die Prüfung eines alternativen Standorts.

Bleyl und die Künstlerin Angie Oettingshausen, nach deren Entwurf das Mahnmal gebaut wird, halten die Mauer zwischen den Arkaden an der Tiefer und der östlichen Seite der Wilhelm-Kaisen-Brücke für geeigneter als den bislang beschlossenen Ort. Ihre Begründung: Der Standort an der Tiefer käme mit rund sechs Metern Tiefe für den geplanten Sichtschacht, aus dem das Kunstwerk besteht, dem ursprünglichen Entwurf näher als die Schlachte-Stufen. Dort wären nur rund 3,15 Meter Tiefe möglich.

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Ganz neu ist der Tiefer-Vorschlag nicht. Bisher sah er vor, das Mahnmal in das bestehende Gemäuer zu integrieren – was unter anderem aus Gründen des Hochwasserschutzes extrem aufwendig gewesen wäre. Nun scheint es möglich, das Kunstwerk auch vor die historische Mauer zu setzen. Dafür müsste der unte­re Teil der Treppe an der Tiefer umgebaut werden. „Der Platz an der Schlachte ist gut, aber wir sind davon überzeugt, dass es auch besser geht“, sagt Bleyl. „Deshalb hoffen wir, dass wir eine neue Diskussion anregen und die Kulturdeputation einen neuen Auftrag zur technischen und finanziellen Prüfung vergibt.“

Die Kosten für das Mahnmal an der Schlachte werden bislang auf rund 660 000 Euro geschätzt. Der Preis kommt auch durch die Integration in den Hochwasserschutz zustande; für das Kunstwerk alleine sind rund 40 000 Euro veranschlagt. An der Tiefer könnte die Maßnahme, so Bleyls Schätzung, günstiger werden, zumal dort ab Herbst die Arkaden saniert werden sollen. Eine Prüfung dieses Ortes würde laut seinen Angaben rund 6000 Euro kosten. „Erinnern kennt keinen Preis. Die ,Angemessenheit‘ eines dauerhaften Zeichens gegen Antisemitismus ist nicht in Euro zu beziffern. Aber es wäre positiv für die grundsätzliche Realisierbarkeit und breite Akzeptanz des Mahnmals, wenn es mit weniger Geld ginge“, sagt Bleyl. Elvira Noa, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, unterstützt den Vorschlag. „Ich finde den Freizeitcharakter der Schlachte-Stufen in Verbindung mit dem Mahnmal nicht ideal. Die Qualität des Gedenkens wäre an der Tiefer besser“, sagt sie.

Das Kulturressort dagegen reagiert verhalten auf den Vorstoß, der letztlich bedeuten würde, das gesamte Planungsverfahren inklusive der Einbindung des Beirats Mitte größtenteils von vorne zu beginnen. „Gerade bei diesem sensiblen und wichtigen Thema hat die Kulturbehörde mit großem Engagement daran gearbeitet, eine für alle akzeptable Lösung zu finden“, sagt Staatsrätin Carmen Emigholz (SPD). „An das einstimmige Votum der Deputation werden wir uns halten.“

Eine Berichtsbitte zum Stand der bisherigen Mahnmal-Planungen stand sowieso schon auf der Tagesordnung der Deputationssitzung an diesem Dienstag, nun wird voraussichtlich auch über den Vorstoß diskutiert. Bausenator Joachim Lohse (Grüne) ist dem Vorschlag einer Prüfung aufgeschlossen gegenüber, zumal wenn sich dadurch ergäbe, dass das Mahnmal schneller, sicherer und günstiger gebaut werden könnte. Ähnlich äußert sich auch Michael Rüppel (Grüne) als Sprecher des Beirats Mitte, gibt allerdings den Zeitdruck zu bedenken. „Es wird schwierig, das jetzt noch vor der Wahl zu diskutieren.“

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Ein weiterer Aspekt des Tiefer-Standorts wäre, dass das Mahnmal dort doch in unmittelbarer Nähe des Firmensitzes von Kühne + Nagel rücken würde. Durch die Frage nach der Rolle der Spedition im Nazi-Regime war die ganze Mahnmal-Idee entstanden. „Der Senat hat zu Recht festgestellt, dass dieses Mahnmal die Rolle Bremens bei der Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und Europa insgesamt in den Blick nehmen muss und dass eine Fokussierung auf einzelne Aspekte zu kurz greifen würde. Es ist daher sinnvoll, dass das Mahnmal an einem der momentan angedachten Standorte realisiert wird“, teilt Kühne + Nagel-Sprecher Karl Olaf Petters mit.

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