Geplante Baumfällung wegen Deichschutz Neustädter wollen Platanen retten

Stattliche Platanen säumen den Neustädter Deich. Das könnte sich bald ändern - die Bäume sollen dem Hochwasserschutz weichen. Eine Bürgerinitiative will das verhindern.
13.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel

Stattliche Platanen säumen den Neustädter Deich. Das könnte sich bald ändern - die Bäume sollen dem Hochwasserschutz weichen. Eine Bürgerinitiative will das verhindern.

Wer in diesen Tagen unter den stattlichen Platanen am Neustädter Deich spazieren geht, kann kaum glauben, dass all diese mächtigen Bäume vielleicht schon in zwei Jahren der Säge zum Opfer fallen sollen. „Manche von ihnen haben den Zweiten Weltkrieg überstanden, doch einen grünen Umweltsenator überleben sie nicht“, ärgerte sich kürzlich ein Neustädter, der einem Aufruf der neuen Bürgerinitiative „Platanen am Deich“ zu einer Versammlung gefolgt ist. Gemeinsam haben dort etwa 50 Frauen und Männer beraten, wie sie die 125 Platanen retten können.

Denn die Baumreihe soll entlang der Stadtstrecke zwischen Stephanibrücke und Rotes Kreuz Krankenhaus abgesägt werden, wenn dort die Bauarbeiten für einen höheren Deich beginnen (wir berichteten). Hintergrund für dieses Großbauprojekt ist der Generalplan Küstenschutz. Dieser gibt vor, dass Bremen seine Deiche fit machen muss für Extremhochwasser der Zukunft. Dass alles dafür getan werden muss, um die Deichsicherheit zu gewährleisten, bestreiten auch die Mitglieder der Bürgerinitiative nicht. Jedoch sind sie der Überzeugung, dass die Platanenreihe am Neustädter Weserufer dafür nicht gefällt werden muss.

„Der Erhalt vieler Bäume zwischen Beck‘s und Wilhelm-Kaisen-Brücke wäre laut Baumgutachten durchaus möglich und sogar etwa zwei Millionen Euro günstiger, daher fragen wir uns, warum die Umweltbehörde gegen den Bürgerwillen die Bäume fällen will“, erklärte Gunnar Christiansen, der für die Piratenpartei im Neustädter Beirat sitzt und die Initiative mit ins Leben gerufen hat. Besonders ärgerlich findet sein Mitstreiter und Beiratskollege Wolfgang Meyer (Linke), dass als Argument für die Baumfällung die mangelnde Deichsicherheit herangezogen werde. „In der Machbarkeitsstudie steht eindeutig drin, dass der Hochwasserschutz bei allen Varianten gewährleistet ist – also auch mit den Platanen.“

Die Bürgerbeteiligung, die zu dem Thema von der Umweltbehörde angeboten wurde, hat viele der Anwesenden nicht überzeugt. Denn ihrer Überzeugung nach hätte dort auch mindestens eine Variante zur Diskussion stehen müssen, die den Deichumbau mit den Bäumen in Einklang bringt. Ein städtebaulicher Wettbewerb, der nur die „Vorzugsvariante“ der Gutachter ohne Baumerhalt vorsieht, macht aus Perspektive der Bürgerinitiative keinen Sinn.

Umweltbehörde: „Erhalt der Bäume wäre nicht nachhaltig gedacht“

Denn aus ihrer Sicht erfüllen die Bäume wichtige Aufgaben: Sie sind Luftreiniger, Schattenspender, schützen vor Lärm und prägen zeitgleich das Stadtbild, das Menschen am anderen Weserufer beim Blick auf die Neustadt schätzen. „Das darf man nicht leichtfertig aufgeben und behaupten, kleine Nachpflanzungen könnten ab sofort das Gleiche leisten“, so eine Besucherin des Treffens. Auch der unabhängige Baumgutachter Andreas Block-Daniel war zu der Versammlung gekommen, der in den Vorjahren zu dem Thema den zuständigen Behörden zugearbeitet hatte.

Er bestätigte seine Einschätzung, dass der Großteil der Platanen auch bei einem Deichumbau erhalten werden könne, sofern stark luft- und wasserdurchlässiges Material im Wurzelbereich eingebaut würde. 36 Exemplare seien allerdings bei seiner letzten Untersuchung 2015 so stark von der aggressiven Massaria-Krankheit befallen, dass sie nicht mehr zu retten seien.

Die verbleibende Lebenserwartung der gesunden Bäume schätzte Block-Daniel bei den ältesten Platanen aus den 1930er- Jahren auf etwa 60 Jahre. Die jüngeren Exemplare könnten sogar noch etwa 90 Jahre alt werden – aber nur, wenn sich an ihren Lebensbedingungen nichts verändere. „Beim Einbau einer Spundwand werden die Wurzeln allerdings vermutlich stark beschädigt, was die restliche Lebenserwartung deutlich reduziert“, gab er zu bedenken. Außerdem sei ein regelmäßiger und starker Rückschnitt der Kronen nötig, was zusätzlichen Stress für die Bäume bedeuten würde.

In der Umweltbehörde sehen die Verantwortlichen das ähnlich: „Theoretisch ist ein Erhalt der Bäume am Deich mit einem immens hohen Aufwand an Baumpflege und Deichbau tatsächlich möglich, doch das wäre sehr kurzfristig und nicht nachhaltig gedacht“, sagt Jens Tittmann auf Nachfrage. Der Sprecher von Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne) verweist darauf, dass die Baumkontrolleure vermeldeten, dass sich immer mehr Platanen am Deich mit der Massaria-Krankheit infizieren. Und auch die erwartete Restlebensdauer der gesunden Bäume von 20 bis 40 Jahren stehe „in keinem Verhältnis dazu, was wir langfristig durch eine gut ausgeführte Nachpflanzung erreichen können“. Noch dazu sollten Linden gepflanzt werden, die einen deutlich positiveren Effekt auf das Stadtklima hätten.

Und ein weiterer Vorwurf steht im Raum: Denn die Bürgerinitiative hat in Erfahrung gebracht, dass die Kosten für Nachpflanzungen der Bund übernimmt. Die hohen Pflegekosten für die alte Baumreihe müsste hingegen das Land Bremen schultern. „Solche Überlegungen haben in unserem Haus keine Rolle gespielt“, sagt der Behördensprecher dazu.

Er verwahre sich gegen die Darstellung, der grüne Senator treibe Baumfällungen wider besseres Wissen voran. Tittmann: „Das Gegenteil ist der Fall: Er sorgt dafür, dass auch nachfolgende Generationen dort ein grünes Stadtbild vorfinden.“

Die Bürgerinitiative will sich damit jedoch nicht zufriedengeben und überlegt, ob sie mit einem Bündel aus Unterschriftensammlung, Bürgerbegehren und weiteren Aktionen, die Bäume doch noch vor der Säge bewahren kann.

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