Der Blick ins Archiv Heizgeld, Fahrverbote und kalte Bäder

Der Blick ins Archiv zeigt Parallelen zwischen der Ölkrise 1973 und der aktuellen Energiekrise, angefangen bei einem Krieg als Ursache über den sozialen Ausgleich für gestiegene Preise bis zum Energiesparen.
19.08.2022, 05:00
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Heizgeld, Fahrverbote und kalte Bäder
Von Timo Thalmann

Der Stadtteilbeirat Mitte fordert die bremischen Behörden auf, "alle gesetzlichen Möglichkeiten zu ergreifen, um die zur Weihnachtszeit übliche dekorative Beleuchtung einzudämmen". Damit könne Bremen einen weiteren Beitrag zur Bewältigung der vor uns liegenden Energiekrise leisten, heißt es in einem Beschluss. Das könnte gerade erst passiert sein, war aber am 20. November 1973 im WESER-KURIER zu lesen. Die rund 49 Jahre alte Meldung zu den Überlegungen zur Energieeinsparung ist nur eine von vielen Parallelen, die sich zwischen der aktuellen Energiekrise und der sogenannten Ölkrise Anfang der Siebzigerjahre ziehen lässt.

Damals wie heute ist etwa die Ursache ein Krieg und der daraus folgende Gebrauch fossiler Energieträger als politisches Druckmittel. 1973 war es der Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel auf der einen und Syrien sowie Ägypten auf der anderen Seite. Er gilt als der vierte arabisch-israelische Krieg im Rahmen des Nahostkonflikts. Weil die USA und der Westen insgesamt Israel unterstützten, beschlossen Algerien, Irak, Katar, Kuwait, Libyen, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, ihre Ölförderung zu drosseln. Gegen die USA und die Niederlande wurde direkt ein Ölembargo verhängt.

Die Folge war ein rasanter Preisanstieg für Heizöl und Benzin sowie die verbreitete Sorge, den Winter ohne Öl überstehen zu müssen - ähnlich wie aktuell die Befürchtung, dass Gas im anstehenden Winter knapp werden könnte oder so teuer, dass Menschen aus finanziellen Gründen im Kalten sitzen. Auch bei den vor 49 Jahren ergriffenen und diskutierten Konsequenzen tun sich erstaunliche Parallelen auf.

Sozialer Ausgleich

Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) forderte jüngst wiederholt eine Übergewinnsteuer für die unternehmerischen Nutznießer der Krise sowie zusätzlich zum bereits beschlossenen Energiegeld von 300 Euro als Einmalzahlung im September ein weiteres Energiegeld, das auch Rentnern und Studierenden zugutekommt. Die aktuelle Bundesregierung verspricht ein Entlastungspaket.

1973 brachte die Bundesregierung ein Heizgeld als Einmalzahlung auf den Weg. Alle Empfänger von Transferleistungen sowie Personen, deren Einkommen unter dem Doppelten des damaligen  Sozialhilferegelsatzes lagen, sollten pauschal 100 Mark erhalten plus 50 Mark für jedes weitere Familienmitglied - heute würde man sagen Haushaltsangehörigen. Der Höchstbetrag war bei 300 Mark gedeckelt. Umgerechnet auf die heutige Kaufkraft entspricht das einer Zahlung zwischen 155 und 465 Euro.

Energieeinsparung

Das Fahrverbot an vier Sonntagen 1973 ist in präsenter Erinnerung, die vier Monate lang von Dezember 1973 bis März 1974 geltende und auch jetzt wieder diskutierte allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen ist dagegen eher vergessen. Haften geblieben ist allein der vom ADAC in einer Kampagne dagegen verwendete Slogan, von der freien Fahrt für freie Bürger. Immerhin: Der ADAC Weser-Ems hat für einige Monate alle seine Motorsport-Veranstaltungen und Orientierungsfahrten abgesagt, um Benzin zu sparen.

Der eingangs erwähnte Vorschlag des Beirats Mitte in Sachen Weihnachtsbeleuchtung wurde damals zwar keine Realität, aber beim warmen Wasser gab es in Bremen 1973 genauso Abstriche wie heute. Hat der Senat 2022 angekündigt, in den Waschräumen der öffentlichen Gebäude bis auf Weiteres nur noch kaltes Wasser bereit zustellen, senkten vor 49 Jahren die Bremer Hallenbäder die Beckentemperatur von 25 auf 22 Grad. "Krise härtet Schwimmer ab" betitelte der WESER-KURIER die zugehörige Meldung, eine Interpretation, die heute mutmaßlich wenig Anklang finden dürfte.

Diskussionen über das Zumutbare wurden allerdings damals auch geführt. So gab es zahlreiche Ausnahmen vom Sonntagsfahrverbot, etwa für Menschen, die an diesen Tagen arbeiten mussten. Um sich bei Kontrollen zu legitimieren, sollten die Arbeitgeber entsprechende Nachweise ausstellen. Die Bremer Handels- und die Handwerkskammer appellierten an ihre Mitglieder, mit diesen Freifahrtscheinen sparsam umzugehen. Wörtlich hieß es in dem Aufruf: „Firmen, die ihren Mitarbeitern Ausnahmegenehmigungen ausstellen dürfen, sollten in jedem Einzelfall prüfen, ob Berufstätige ihren Arbeitsplatz auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen können." Der damalige Bremer Innensenator Helmut Fröhlich (SPD) sah das ähnlich: „Es ist zumutbar, dass diejenigen, die am Sonntag arbeiten müssen, Busse und Straßenbahnen benutzen" wird er am 21. November 1973, dem Mittwoch vor dem ersten autofreien Sonntag, im WESER-KURIER zitiert. Das galt laut Fröhlich übrigens ausdrücklich auch für Polizeibeamte, die sonntags Dienst haben. Der Forderung der Gewerkschaft der Polizei, einfach den Dienstausweis als allgemeine Sonntagsfahrerlaubnis anzuerkennen, erteilte der Senat eine Absage.

Wirtschaftliche Folgen

Der WESER-KURIER konzentrierte sich seinerzeit auf die unmittelbaren Folgen der Sonntagsfahrverbote. So wird von einer Rekordnachfrage bei Bussen und Bahnen berichtet. Alle Fahrzeuge seien "sehr stark besetzt". Die Bremer Straßenbahn AG habe insgesamt 26 als Reserve gedachte Einsatzwagen pausenlos im Einsatz gehabt. Mehr sei personell "nicht drin gewesen", wird ein Sprecher zitiert. Dreimal so viele Fahrgäste wie sonntags üblich, lautete die Bilanz am Montag danach – ganz ohne Neun-Euro-Ticket.

Wo immer die Leute hingefahren sind, in die Restaurants und Kneipen offenbar nicht. Zahlreiche Gastwirte klagen auf Nachfrage über ausbleibende Gäste. Die frühe Dunkelheit im Dezember ist für viele ohne Auto ein Hindernis. "Fahrräder in Massen" mitten im Winter vor der Gaststätte "Zur Schleuse" in Truperdeich sind dem WESER-KURIER immerhin ein Foto wert.

Neue Energien

Windkraft und Solarstrom galten 1973 als wenig chancenreich. Im Mittelpunkt stand der Ausbau der Atomkraft, deren Weiterbetrieb dieser Tage gefordert wird. Und so wie heute Kaminöfen wieder von Interesse sind, waren damals die Kohleöfen und Strom aus Kohle ein großes Thema. Dass die Bremer Stadtwerke wieder Kohlevorräte für drei Monate haben, war ebenso Gegenstand der Berichterstattung, wie die Forderung des stellvertretenden Bremer CDU-Fraktionsvorsitzenden in der Bürgerschaft, Johann-Tönjes Cassens, nach einem Netz von Fernheizwerken, aus dem alle Häuser und Wohnungen in der Hansestadt zentral beheizt werden. "Bereits für die nächste Bürgerschaftssitzung kündigte die Union entsprechende Initiativen an. Per Gesetz will sie Hausbesitzer und Wohnungsgesellschaften zwingen, sich dann an Fernheizungen anzuschließen", heißt es am 18. November 1973 im WESER-KURIER.

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