Serie: Die Tricks der Täuscher Paketagent gesucht

Bis zu 100 Pakete im Monat sollte ein Nordbremer Ehepaar annehmen, umpacken und weiterschicken. Dafür wurde ihnen eine gute Bezahlung geboten. Beide ahnten nicht, dass sie damit zu Geldwäschern wurden.
04.02.2020, 22:37
Lesedauer: 4 Min
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Paketagent gesucht
Von Patricia Brandt

Paketagent gesucht, hohe Verdienstmöglichkeit bei flexibler Zeiteinteilung. Was verlockend klingt, wurde 2019 für zahlreiche Nordbremer zum Verhängnis. Einer Studentin aus dem Stadtteil Vegesack blieb zuletzt nur der Weg in die Privatinsolvenz.

Das Phänomen „Paketagent“ oder „Warenagent“ ist der Polizei seit Jahren bekannt, wirkt aber bei ahnungslosen Jobsuchenden auch heute noch. Nach Angaben des Landeskriminalamtes Berlin bieten international agierende Tätergruppen über Online-Jobbörsen und Annoncen scheinbar lukrative Jobangebote. Manchmal würden diese Jobangebote sogar mit dem Jobcenter oder großen Bremer Arbeitgebern verlinkt.

„Gesucht werden unter anderem Paketmitarbeiter oder Testkäufer“, berichtet der stellvertretende Kripo-Chef Jürgen Osmers. Den Arbeitssuchenden werden hoch bezahlte Heimarbeitsplätze versprochen. Ihre Aufgabe ist simpel. Sie sollen die Pakete annehmen, Rechnungen entnehmen, den Zustand dokumentieren, die Waren umpacken, und an die vom Arbeitgeber benannten Adressen zumeist im Ausland weiterleiten. „Sie bekommen 20 bis 50 Euro pro Paket. So steht es auch in ihrem Arbeitsvertrag“, sagt Osmers.

Seriöse Firmen-Logos und Arbeitspapiere

„Täter und Opfer lernen sich nie kennen, denn die Täter sitzen im Ausland. Alles läuft per E-Mail-Verkehr“, so Osmers. Es wirke mit Arbeitsverträgen und Firmen-Logos alles seriös. Doch oftmals bemühten die Täter für die Kommunikation mit ihren Opfern Übersetzungsprogramme.

Dem Ehepaar aus Bremen-Nord wurden 50 bis 100 Pakete pro Monat angekündigt, berichtet ein leitender Ermittler. Die Pakete wurden ihnen von einem Paketdienstleister nach Hause geliefert. „Es handelte sich um Fernseher, weitere Elektrotechnik und hochwertige Kleidung verschiedener Warenhäuser. Der Wert des Paketinhalts betrug jeweils zwischen 1000 und 5000 Euro“, berichtet der Ermittler weiter. Diese Waren sollten ins Ausland geschickt werden. Als Grund wurde dem Ehepaar erklärt, dass deutsche Versandhäuser nicht ins Ausland liefern.

Entlohnt wurde das Ehepaar nach Angaben der Ermittler nicht. Stattdessen bekam es nach einiger Zeit selbst Rechnungen. Sie kamen von den geschädigten Versandhäusern, deren Waren sie umgepackt und weitergeschickt hatten. Für die Versandhäuser war der Fall klar: Denn die Pakete waren von den Betrügern mit gestohlenen Kreditkarten auf den Namen des Ehepaares bestellt worden, und das Paar aus Bremen-Nord war auch Empfänger gewesen.

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Wie die Polizeibeamten erläutern, missbrauchten die kriminellen Arbeitgeber das Paar als Strohmänner, um die Herkunft der illegal erworbenen Waren zu verschleiern. Mithilfe der Opfer konnten die Waren wieder in den Wirtschaftskreislauf gebracht werden. Die Eheleute wurden, ohne es zu ahnen, zu Geldwäschern. „Geldwäsche“, warnt Jürgen Osmers, „wird mit einer Freiheitsstrafe von drei bis fünf Jahren verfolgt.“

Die genaue Schadenshöhe im Fall des Nordbremer Ehepaares wollen die Beamten nicht bekannt geben. Lieber sprechen sie davon, dass Betrüger jährlich Schäden in Millionenhöhe anrichten. Denn das Ehepaar aus dem Bremer Norden ist kein Einzelfall. Allein in den Stadtteilen nördlich der Lesum erfasste die Polizei 2018 exakt 170 solcher „Paketagenten“. Für gesamt Bremen wurden in dem Jahr 800 ähnliche Fälle registriert. Die Straftaten werden unter dem Stichwort Warenkreditbetrug zusammengefasst, der 2018 insgesamt 2555 Fälle umfasste. Die Aufklärungsquote betrug hier laut Franka Haedke 53,6 Prozent. Manchmal gelingt es der Polizei, die Paketabholer zu schnappen.

Für 2019 liegen noch keine Daten über erfasste Fälle des Phänomens Paketagent vor. Der stellvertretende Kripo-Chef geht aber davon aus, dass die Zahlen konstant hoch sein werden. Ermittelt werden solche Betrugsfälle in der Wirtschaftsabteilung der Kripo mit hohem Personalaufwand. Hinter jedem der Fälle stecke eine Menge Ermittlungsaufwand. „Ständig gibt es neue Maschen“, berichtet der stellvertretende Kripo-Chef.

Phänomen Finanzagent

Eine Abwandlung des Phänomens Paketagent ist der Finanzagent. Der Finanzagent stellt sein Konto für Überweisungen zur Verfügung und hebt eingegangenes Geld in bar ab oder transferiert es mittels eines Finanzdienstleisters wie Western Union ins Ausland. Dafür werden ihm Provisionen von bis zu zehn Prozent der Überweisungssumme zugesagt, heißt es bei verschiedenen Polizeidienststellen. Was der Kontoinhaber nicht weiß: Das Geld, das auf seinem Konto gutgeschrieben wird, stammt aus Computerbetrugsstraftaten. Das Opfer macht sich auch hier der Geldwäsche strafbar. In der Regel sperrt die Bank das Konto nach der ersten betrügerischen Überweisung. Die Täter suchen deshalb immer neue Finanzagenten. Teilweise werden Arbeitssuchende auch auf der Straße angesprochen.

„Ständig werden neue Zielgruppen ins Visier genommen“, so Osmers über die Betrüger. Unter den Opfern befinden sich auch Studenten. Eine junge Asiatin aus Bremen-Nord hatte sich durch das Umpacken und Weiterschicken von Paketen ein Zubrot verdienen wollen. „Sie hatte sich nichts dabei gedacht, denn in Asien sind solche Jobs normal: Es gibt in den ländlichen Gebieten keine Warenversandstellen“, berichtet ein Ermittler aus der Polizeiakte.

Die junge Frau sollte ihrem „Arbeitgeber“ eine Kopie ihres Personalausweises schicken und an einem Videosichtverfahren teilnehmen. Sie hatte fälschlicherweise geglaubt, dies sei zur Identifizierung für den Arbeitgeber notwendig.

Im Hintergrund sei jedoch ein Konto auf ihren Namen eröffnet worden, berichtet der Ermittler. Das Konto wurde von den Betrügern genutzt. „Die Studentin wusste nicht mal, dass sie dieses Konto hat.“

Am Ende ihrer Karriere als Paketagentin sah sich die junge Frau mit einer fünfstelligen Rückforderung konfrontiert. Nach Schilderung der Beamten blieb ihr schließlich daher dann nur noch der Weg in die Privatinsolvenz.

Info

Zur Sache

So schützen Sie sich:

•Prüfen Sie Jobangebote. Je verlockender das Angebot, desto kritischer sollten Sie sein: Ist der Arbeitsauftrag sinnvoll und logisch?

•Stellen Sie keiner fremden Person per Internet Adresse und Kontodaten zur Verfügung.

•Übersenden Sie keiner Firma/Person eine Kopie Ihres Ausweises.

•Speichern Sie Ihre Korrespondenz mit dem Arbeitgeber.

•Sollten Sie bereits als Paketagent tätig sein, informieren Sie die Polizei, leiten Sie keine Pakete mehr weiter.

(Tipps der Polizei)

Weitere Informationen

In der Serie „Die Tricks der Täuscher" befassen wir uns mit den unterschiedlichen Deliktsmustern bei Betrug. Am kommenden Mittwoch, 12. Februar, geht es um falsche Gewinnversprechen.

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