Erfreuliche Zahlen Bremens Industrie auf Wachstumskurs

Die Bremer Wirtschaft verbucht einen erfreulichen Wachstumskurs. Vor allem im Fahrzeug- und Maschinenbau steigen die Auftragszahlen, doch trotz dieser Neuigkeiten hat Bremen weiterhin einen schlechten Ruf.
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Bremens Industrie auf Wachstumskurs
Von Carolin Henkenberens

Die Bremer Wirtschaft verbucht einen erfreulichen Wachstumskurs. Vor allem im Fahrzeug- und Maschinenbau steigen die Auftragszahlen, doch trotz dieser Neuigkeiten hat Bremen weiterhin einen schlechten Ruf.

Die bremische Wirtschaft ist weiter auf einem überdurchschnittlichen Wachstumskurs. Die gute Entwicklung ist vor allem der Industrie zu verdanken, die einem Bericht des Statistischen Landesamts zufolge im ersten Halbjahr um 10,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zulegte. Zum Vergleich: In ganz Deutschland wuchs das verarbeitende Gewerbe nur um 2,9 Prozent.

„Ich würde sagen, der Wirtschaftsstandort muss nicht zum Arzt gehen und sich eine Diagnose geben lassen. Er ist gesund“, resümierte Andreas Cors vom Statistischen Landesamt am Montagabend beim 11. Bremer Konjunkturgespräch im Rathaus der Stadt.

Zu diesem hatten das Landesamt und die Hochschule Bremen eingeladen, um über die bremische Wirtschaft zu diskutieren. Neben Cors sprachen die Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel und Mechthild Schrooten vor den etwa 50 Zuhörern, unter denen auch Vertreter der Bremer Wirtschaftsbehörde, Arbeitnehmer- und Handelskammer waren.

Auftragszahlen steigen

Der Umsatz der Bremer Industrie wuchs bis Ende August um 17,6 Prozent auf 16,6 Milliarden Euro. Besonders im Fahrzeug- und Maschinenbau seien die Auftragszahlen gestiegen. Kein anderes Bundesland verzeichnet so hohe Wachstumsraten in der Industrie. Schon im Jahr 2015 hatte die Industrie überdurchschnittlich zugelegt. Damals jedoch schlug sich dies nicht in den Beschäftigtenzahlen nieder – jetzt schon.

Seit Februar wächst die Zahl der Angestellten in diesem Sektor: Bis Ende August ergab sich ein Plus von 1,7 Prozent. Allerdings: Während Jobs im Fahrzeugbau entstehen, sind in der Nahrungs- und Genussmittelwirtschaft Arbeitsplätze abgebaut worden. Insgesamt waren Ende August 47 591 Personen in der Bremer Industrie beschäftigt. Im Einzelhandel hingegen gingen 1,5 Prozent der Stellen verloren.

Statistiker Cors mahnt allerdings: Bremen dürfe sich nicht zu sehr auf die Industrie verlassen. Denn vor allem Exporte seien anfällig, da sie stark vom Weltgeschehen abhängig seien. Außerdem sei der Beitrag des Dienstleistungssektors am Wachstum noch verbesserungsbedürftig.

Mit Zuversicht in die Zukunft

Darüber entspinnt im Publikum eine Diskussion. Jemand stellt die Frage, ob der starke Anteil der Industrie in Bremen nur ein Indikator für die Schwäche in anderen Bereichen sei. Elke Heyduck, die Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer, sagt dazu: „Wir brauchen einen Ausbau der wissensintensiven Dienstleistungen in Bremen.“

Alles in allem blickt Diplom-Ökonom Cors, der schon beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gearbeitet und mit Mechthild Schrooten das Bremer Konjunkturgespräch ins Leben gerufen hat, zuversichtlich in die Zukunft: „Das Jahr 2016 wird aller Voraussicht nach ein sehr erfolgreiches Jahr für den Wirtschaftsstandort Bremen werden.“

Vielleicht könne Bremen es sogar schaffen, im Ranking der Industriestandorte wieder einen Platz gut zu machen. Zuletzt war Bremen von Platz fünf auf Rang acht abgesackt. Schon 2015 lag Bremens Wirtschaftswachstum über dem Bundesschnitt. Cors erwartet, dass auch 2016 der für ganz Deutschland prognostizierte Wert von 1,9 Prozent Wachstum in Bremen übertroffen wird.

Schlechtes Image

Trotz dieser guten Zahlen ist Bremens Image schlecht. „Seit Jahren klafft zwischen der ökonomischen Lage Bremens und der Zukunftsfähigkeit dieses Landes gegenüber dem Image in der Öffentlichkeit und überregionalen Politik eine kontrafaktische Lücke“, beklagte der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel in seinem Vortrag.

Höchste Arbeitslosigkeit bundesweit, schlechte Ergebnisse bei Bildungsvergleichen, hohe Kinderarmut, hoher Schuldenberg: All diese Fehlentwicklungen, sagte Hickel, würden mit der wirtschaftlichen Lage Bremens gleichgesetzt. Das sei der Grund, weshalb positive Entwicklungen in der Wirtschaft kaum wahrgenommen würden.

Ein zweiter Grund für die Lücke zwischen Realität und Wahrnehmung seien statistische Trugschlüsse. Denn in einigen Branchen in Bremen ist nur ein Unternehmen tätig. Weil aber aus Datenschutzgründen keine Rückschlüsse auf einzelne Unternehmen aus Statistiken möglich sein dürfen, müssten naheliegende Produktionsbereiche in Statistiken zusammengefasst werden.

Forderung nach frühzeitiger Vorwarnung der Politik

Wegen der negativen Entwicklung eines Unternehmens würden so oft ganze Branchen als krisenhaft oder schwach wahrgenommen. Oft würden Standortschließungen oder die Verlagerung von Abteilungen als Verfehlung der Bremer Politik dargestellt. „Es ist schlicht naiv zu glauben, dass der Bürgermeister nach Michigan fliegen sollte, um Kellogg‘s in Bremen zu halten“, sagte Hickel.

Solche Konzerne ohne regionale Verankerung ließen sich von Bremens Politik kaum beeinflussen. Der Ökonom forderte deshalb, dass die Regionalforschung in Bremen die laufenden Unternehmensbeobachtungen übernimmt und die Politik frühzeitig vorwarnt. Ein weiterer Punkt müsse sein, Bremer Erfolgsgeschichten zu verbreiten. Erfolge der Wirtschaft würden kaum wahrgenommen, moniert Hickel.

Dabei habe Bremen durchaus einiges vorzuweisen, den Technologiepark an der Universität zum Beispiel, die Automobilindustrie, die Satellitenproduktion oder den Überseehafen. Hickel findet: „Bremen hat beim Überseehafen gezeigt, dass es Strukturwandel kann.“ Erst kürzlich habe sogar die Süddeutsche Zeitung „Das Wunder von der Weser“ gelobt.

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