WHO-Studie verspätet sich

Forschung gegen Covid-19: Bremer Professor rennt die Zeit davon

Vor Wochen sollte eine WHO-Studie starten, in der Corona-Medikamente getestet werden. Noch ist das nicht passiert. Ein Bremer Professor will helfen im Kampf gegen das Virus. Nun kämpft er gegen die Zeit.
11.05.2020, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Forschung gegen Covid-19: Bremer Professor rennt die Zeit davon
Von Nico Schnurr

Wenn Bernd Mühlbauer morgens um 11 Uhr die kleine Büroküche betritt, erzählt er, dann wirft er gerade immer die gleiche Frage in die Runde. Bevor die tägliche Lagebesprechung im backsteinernen Altbau beginnt, in dem das Institut für Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte untergebracht ist, will der Direktor wissen, welcher seiner Mitarbeiter denn heute etwas Optimismus übrig habe. Irgendwer könne eine Extraportion Zuversicht schon gebrauchen. Nicht selten meint der Professor damit sich selbst.

Mehr als einen Monat ist es her, als das Bremer Gesundheitsressort mitten in der Zeit der schlechten Nachrichten etwas Hoffnung verbreitet: Die Weltgesundheitsorganisation WHO will eine weltweite Studie aufsetzen. Es sollen Medikamente gegen das Coronavirus getestet werden, und Bremen ist daran beteiligt. Professor Bernd Mühlbauer, 62, ein erfahrener Pharmakologe, soll den deutschen Teil der klinischen Untersuchung mit seinem Institut koordinieren, teilt die Bremer Behörde mit. Eine große Sache für den Forschungsstandort. Alles könnte ganz schnell gehen, heißt es, eine Frage von Tagen.

Zeit ist relativ, in der Pandemie noch mehr als sonst

Wochen später hat die Studie noch immer nicht begonnen, die WHO hat den detaillierten Plan nicht wie gedacht vorgelegt, sagen die Bremer Forscher. Nun brauchen sie manchmal schon morgens, nachdem sie die ersten Mails gelesen haben, etwas Zuspruch von ihren Kollegen. „Ich bin nicht mehr der Allerjüngste und habe schon einige Rückschläge in meinem Forscherleben hinnehmen müssen“, sagt Mühlbauer, „aber das toppt alles.“ Er hat das Projekt noch nicht aufgegeben, keine Option, dafür ist ihm das alles zu wichtig. Der Professor hat nicht den Glauben an die Studie verloren, sondern etwas, das für Forscher gerade noch viel kostbarer ist: Zeit.

Zeit ist relativ, das stimmt während einer Pandemie noch mehr als sonst. Für einige fühlt es sich zwischen Isolation und Homeoffice an, als würden die Wochentage verschwimmen, bis nicht mehr klar ist, ob nun Montag oder Freitag ist oder irgendwas dazwischen. Für andere zählt jede Minute. Weil sie um ihr Leben kämpfen. Oder weil sie nach Medikamenten suchen, die diesen Kampf erleichtern sollen.

In weiten Teilen der Welt steigen die Infektionszahlen weiter an, nach wie vor brauchen viele Infizierte dringend medizinische Hilfe. Solange kein Impfstoff in Sicht ist, wird sich daran nicht viel ändern. Die Zahl der Erkrankten mag schwanken. Der Umstand, dass es Corona-Patienten gibt, denen man irgendwie helfen muss, wird erst mal bleiben. Also müssen Forscher weltweit nach Medikamenten suchen, mit dem sich das Virus behandeln und vielleicht sogar bekämpfen lässt. Weil sie muss, hat die Wissenschaft dafür ihren Modus gewechselt. Forschung passiert nun im Zeitraffer. Was sonst Monate oder Jahre dauert, soll in Tagen erledigt werden. Das Eiltempo ist notwendig und gefährlich zugleich.

In den USA ist gerade etwa der Wirkstoff Remdesivir, ursprünglich gegen Ebola entwickelt, in Rekordzeit mit einer Ausnahmegenehmigung durchgewinkt worden. Donald Trump feiert das Medikament. Die Regierung stelle sich „mit voller Kraft“ hinter Remdesivir, sagt Trump, das Mittel sei „sehr vielversprechend“. Der Mann hat es aber auch kurz für nicht völlig abwegig gehalten, Menschen Desinfektionsmittel zu spritzen. Muss also nichts heißen. Bloß ist Trump der US-Präsident, und Remdesivir wird schon bald in den Krankenhäusern seines Landes eingesetzt werden. Dabei ist die Studienlage dürftig. Über Nebenwirkungen bei Corona-Patienten weiß man wenig. Verwendet wird das Medikament dennoch. „Das ist nicht nur fragwürdig, sondern kann auch gefährlich sein“, sagt Professor Mühlbauer, „da schrillen die Alarmglocken eines Pharmakologen.“

Forscher in den Startblöcken

Will man sich Forschung als Sport vorstellen, bietet sich ein Laufvergleich an: Mit dem Ausbruch des Coronavirus ist aus dem Marathon ein Sprint geworden. Alle rennen los, und die Aufgabe von Bernd Mühlbauer und seinem Institut liegt darin, hinterherzurennen. Der Pharmakologe soll testen, ob die Wirkstoffe, die Forscher nun als Mittel gegen Corona handeln, wirklich halten, was sie versprechen. Doch bislang ist es nicht dazu gekommen. Im Sportsprech: Während Forscher auf der ganzen Welt schon Runden rennen, müssen die Pharmakologen der WHO-Studie noch immer in den Startblöcken warten.

Die WHO hat eine klinische Studie eingeleitet, um mehr über mögliche Medikamente zu lernen. Sie soll in mindestens zehn Ländern stattfinden. Vier Therapien werden getestet: Remdesivir, das im Laborversuch gegen das Coronavirus wirkt. Hydroxychloroquin, ein Malaria-Medikament, das in China auch gegen Corona eingesetzt worden ist. Eine Kombination aus Lopinavir und Ritonavir, eigentlich ein Aids-Mittel. Dazu noch ein Präparat, bei dem das HIV-Medikament mit Interferon kombiniert wird. Den Corona-Patienten, die an der Studie teilnehmen wollen, wird einer dieser Wirkstoffe verabreicht. Welcher es wird, entscheidet der Zufall. Ärzte protokollieren, wie die Patienten auf die Mittel reagieren. Gespeichert werden die Ergebnisse online, in einer Datenbank, auf die alle Forscherteams zugreifen können.

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Vielleicht stellt sich dabei heraus, welches Medikament besonders hilft gegen das Coronavirus. Vielleicht zeichnet sich ab, dass eine Patientengruppe auf ein Mittel besonders gut anspricht oder gar nicht. Vielleicht wird auch klar, dass ein Wirkstoff den Patienten mehr schadet als nützt. Dann wird das Medikament aus der Studie genommen und Mediziner werden weltweit gewarnt, das Mittel nicht mehr zu verwenden. Soweit die Theorie. In der Praxis ist das alles noch nicht passiert.

Ein Morgen im Mai, 9 Uhr. Anruf im Institut für Pharmakologie. Man hört einem Professor zu, der bemüht ist, Sätze ins Telefon zu sprechen, die seinen Ärger etwas kaschieren, aber nicht verschleiern, dass er sich nicht verantwortlich sieht für das Stocken der Studie. „Das Verhalten des WHO-Teams war wenig professionell“, sagt Mühlbauer, „es drängt sich der Eindruck auf, dass dort kein Wissen darüber existiert, wie man eine klinische Studie nach europäischem Prüfrecht durchführt.“

„Für Ärger ist keine Energie mehr da“

Die Initiatoren hätten das Projekt angekündigt, ohne viel mehr als die Idee ausgearbeitet zu haben. Nur habe das lange niemand geahnt. „Die WHO hat uns hingehalten und vertröstet.“ Erst nach Wochen, vielen Telefonaten und noch mehr Mails sei klar geworden, dass die anspruchsvolle Studie kaum vorbereitet gewesen sei. Da sei es schon Mitte April gewesen. Man hätte darüber gerne mit der WHO gesprochen, doch die Anfragen des WESER-KURIER in den Regionalbüros in Bonn und Kopenhagen bleiben unbeantwortet.

Professor Mühlbauer hebt nun seine Stimme am Telefon. „Ich konnte gar nicht glauben, wie unfertig dieses Konzept war“, sagt er, „es war nicht einmal definiert, bei welcher nachteiligen Entwicklung für die Patienten die Behandlung mit einem Medikament abgebrochen werden müsste.“

Was macht man da? Kämpferisch klingender Professor am Telefon: „Für Ärger ist keine Energie mehr da, die brauchen wir für andere Dinge.“ Sein Institut habe sich sofort daran gesetzt, selbst einen Plan zu entwickeln. Eine Woche habe das gedauert. Danach habe man sich mit einem Forscherteam aus Frankreich zusammengetan, um die Studie endlich starten zu können. Doch in deren Konzept hätten sich kleine Fehler geschlichen, die der Ethikkommission aufgefallen seien. Die Franzosen hätten nachbessern sollen. Und wieder hätten die Bremer warten müssen.

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Wer zum Coronavirus forscht, arbeitet unter enormem Druck. Selten hat Wissenschaft so sehr unter dem Brennglas der Öffentlichkeit stattgefunden. Selten sind die Erwartungen so groß gewesen. Selten haben die Ergebnisse so viele Menschen unmittelbar betroffen. Auch Professor Mühlbauer will helfen im Kampf gegen das Virus. Doch nun führt er vor allem einen Kampf gegen die Zeit. „Ich kriege Anrufe von Kollegen“, sagt Mühlbauer, „die wollen wissen: Was ist los, wann kommen die Ergebnisse?“

Mit jedem weiteren Tag, an dem Mühlbauer warten muss, dürfte es unwahrscheinlicher werden, dass der Professor genug Patienten auf den Bremer Stationen für seine Studie findet. Solange sich das Infektionsgeschehen beruhigt, bleibt das ideale Mittel gegen Corona wohl unentdeckt. Gibt es wenig Erkrankte, die an der Studie teilnehmen können, wird man womöglich auch weniger über die Medikamente gegen das Virus erfahren.

Eine Frage von Tagen

Am Telefon vermittelt Professor Mühlbauer nun einen Eindruck davon, wie es ihm zuletzt ergangen ist. „Es wurde öffentlich mitgeteilt, dass es losgeht, und dann passiert erst mal nichts“, sagt er, „natürlich fühlt man sich da komisch.“ Wie es nun weitergeht? „Wir empfinden es als unsere verdammte Aufgabe, mit dieser Studie für mehr Klarheit zu sorgen.“

Nicht mehr lange, denkt Mühlbauer, dann dürften die französischen Forscher grünes Licht bekommen, und die Studie könnte starten. Eine Frage von Tagen. Der Professor glaubt: diesmal wirklich.

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