Kühne + Nagel Die Spediteure und die Nazis

Das weltweit operierende Logistik-Unternehmen Kühne + Nagel will sich in Bremen für die Zukunft aufstellen, scheut aber den Blick in die Vergangenheit.
25.02.2016, 00:00
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Die Spediteure und die Nazis
Von Stefan Lakeband

Das weltweit operierende Logistik-Unternehmen Kühne + Nagel will sich in Bremen für die Zukunft aufstellen, scheut aber den Blick in die Vergangenheit.

Ein einfacher Zweckbau für Büros. 1961 fertig geworden. Weder besonders hübsch noch hässlich – aber funktional, unauffällig. Wenn es nach Kühne + Nagel geht, könnte es wohl auch so bleiben. Nicht mit dem Büro-Komplex, der einem Neubau weichen soll, sondern mit der Unauffälligkeit.

Wichtiger Standort Bremen

Dabei ist Bremen ein wichtiger Standort für den Logistiker. 1890 haben August Kühne und Friedrich Nagel in der Hansestadt das gegründet, was 125 Jahre später zu einem weltweit agierenden Konzern werden sollte. Mehr als 1000 Standorte in über 100 Ländern, 63 000 Mitarbeiter. 125 Jahre, in denen viel passiert ist. Bei Kühne + Nagel und auf der ganzen Welt. Und an manchen Stellen der Geschichte haben sich Weltgeschehen und der Bremer Logistikkonzern überschnitten. Im Dritten Reich etwa.

„Spediteure haben eine zentrale Rolle bei der Raubpolitik der Nazis in Europa gespielt“, sagt der Historiker Johannes Beermann. Der 30-Jährige hat in Bremen studiert und ist bei den Recherchen zur Enteignung von Juden in Bremen auch auf die Verstrickungen von Kühne + Nagel und dem Nazi-Regime gestoßen.

Der Konzern hatte demnach eine Schlüsselrolle bei der sogenannten M-Aktion. Hierbei wurden Möbel und andere Gegenstände aus den verlassenen Wohnungen von Juden aus den besetzten Westgebieten abtransportiert. Im besten Fall waren diese Menschen zuvor geflohen, im schlimmsten Fall wurden sie in Vernichtungslager deportiert. Ihre Möbel wurden jedenfalls nach Deutschland gebracht. Erst, um Amtsstuben auszustatten; später wurde die Gegenstände günstig an Deutsche verkauft, die durch Bombenangriffe geschädigt wurden. Dabei half: Kühne + Nagel.

Konzern in der Verantwortung

„Als Dienstleister hatten sie eine große Rolle bei der wirtschaftlichen Existenzvernichtung von Juden in Europa“, sagt Beermann. Die Staats- und Parteidienststellen hätten allein nicht das Know-how gehabt, um die Verfolgungspolitik auf ökonomischem Gebiet praktisch umzusetzen. Das kam dem Logistikkonzerns gelegen. Denn nach Beginn des Kriegs musste er neue Geschäftsfelder erschließen. „Für Seehafenspediteure wie Kühne + Nagel war der Zweite Weltkrieg ein riesiger Einschnitt“, sagt der Historiker. Mit Hilfe des Logistikers wurden bis August 1944 mehr als eine Million Kubikmeter Möbel aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Luxemburg in das Deutsche Reich gebracht – der Inhalt von fast 70 000 Wohnungen, in denen zuvor Juden gewohnt hatten.

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„Das ist eine Form der Leichenfledderei“, sagt Frank Bajohr vom Münchner Zentrum für Holocauststudien. Der Massenmord der Nazis sei ein bürokratisch organisierter Prozess aus Personen, Institutionen und Firmen gewesen. „Und Kühne + Nagel war an diesem Prozess beteiligt.“ Den Logistiker sieht er in „einer relativen Nähe zum Massenmord“. Zwar hätten die Vertreter der Firma nicht an den Mordgruben oder in den Vernichtungslagern gestanden. Doch sei der Bremer Konzern in der Verantwortung. Eine Verantwortung, die der Konzern bis heute nicht öffentlich aufgearbeitet habe.

"Schändliche Vorkommnisse während des Dritten Reiches"

Einzige Stellungnahme zu den Funden der Historiker ist eine Pressemitteilung aus dem März 2015. „Kühne + Nagel ist sich der schändlichen Vorkommnisse während der Zeit des Dritten Reiches bewusst und bedauert sehr, dass es seine Tätigkeit zum Teil im Auftrag des Nazi-Regimes ausgeübt hat“, heißt es darin. Auch dass man den Besitz „politisch und rassisch Verfolgter“ transportiert habe, wisse man. „Zu berücksichtigen sind die seinerzeitigen Verhältnisse in der Diktatur sowie die Tatsache, dass Kühne + Nagel die Kriegswirren unter Aufbietung aller seiner Kräfte überstanden und die Existenz des Unternehmens gesichert hat.“ Auch eine Nachfrage hilft nicht. „Das war unser offizielles Statement“, sagt eine Sprecherin in der Schweizer Konzernzentrale. Mehr nicht.

Historiker wie Beermann und Bajohr bedauern das. Sie würden gern weiter forschen. „Es geht dabei nicht um personalisierbare Schuld“, sagt Bajohr. Sondern um die Frage, wie eine Firma in so einen Prozess gerät. „Das sind wichtige Lernprozesse.“

Prozesse, die man bei Kühne + Nagel offenbar nicht haben möchte. Aus Angst, sie könnten genau zeigen, in welchem Umfang der Spediteur am Massenmord der Nazis beteiligt war? Schon jetzt kann Johannes Beermann sagen, dass Kühne + Nagel kein einfacher Auftragnehmer war. Unterlagen belegen, dass ein Niederlassungsleiter bei offiziellen Gesprächen in Brüssel dabei gewesen ist, auf denen die Möbeltransporte geplant wurden. Der Vorstand hat auf jeden Fall gewusst, was dort transportiert wird und aktiv um Aufträge geworben, sagt Beermann. „Kühne + Nagel hatte ein Quasi-Monopol auf die lukrativen Transporte.“

Historische Aufarbeitung wird erwartet

Klar ist aber auch, dass Kühne + Nagel nicht der einzige Bremer Logistiker war, der an der Deportation von Juden verdient hat. Das Buch „Raub von Amts wegen“ nennt auch F.W. Neukirch – ein Speditionsunternehmen, das es noch heute gibt. Während des Dritten Reichs hat die Firma explizit bei Juden um die Verschiffung ihrer Habseligkeiten geworben. Vor dem Leiter des Amtes für Handel und Handwerk soll der Neukirch-Geschäftsführer gesagt haben: „Wir haben während unserer ganzen erfolgreichen Praxis (…) nur an Juden verdient, niemals aber Juden etwas zu verdienen gegeben.“ In „Raub von Amts wegen“ heißt es: „Die F.W. Neukirch AG wurde bald zu einem verlässlichen Partner der bremischen Behörden bei der fiskalischen Ausplünderung der europäischen Juden (…).“ Auf Nachfrage kann sich niemand bei Neukirch dazu äußern. „Uns liegt leider kein Material mehr zu dieser Zeit vor“, sagt ein Sprecher.

Historiker Jaromír Balcar, der zusammen mit Beermann, zu Kühne + Nagel geforscht hat, kennt die ablehnende Haltung von Logistikern – und kann sie doch nicht erklären. „Wir wollten untersuchen, wie sich Logistikunternehmen im Dritten Reich verhalten haben“, sagt er. Bei allen angefragten Unternehmen sei die Antwort aber gleich gewesen: eine Absage. „Das erinnert mich an die 80er-Jahre, in denen man dachte, man könnte die Zeit im NS-Regime unter den Teppich kehren“, sagt Balcar. Doch gerade die Aufarbeitung werde von vielen Unternehmen heutzutage erwartet. In den seltensten Fällen verlören sie dadurch Aufträge.

Sträubt sich Kühne + Nagel gegen die Aufarbeitung, weil Mehrheitseigner Michael Kühne seine Vorfahren nicht belasten möchte? „Vielleicht“, sagt Balcar. „Andererseits hat es auch in vielen Familien in den 70er-Jahren eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte gegeben.“ Die sei zwar schmerzlich gewesen, aber sie sei passiert.

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