Schließung des Kellogg-Werkes Ein Schock für alle

Im Bremer Kellogg-Werk standen die Bänder 24 Stunden lang still. Die Mitarbeiter sollten Zeit bekommen, die Werksschließung zu verarbeiten. Der Schock ist allen, die das Werk verlasen, anzumerken.
11.10.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Lisa Schröder Maren Beneke

Im Bremer Kellogg-Werk standen die Bänder 24 Stunden lang still. Die Mitarbeiter sollten Zeit bekommen, die Werksschließung zu verarbeiten. Der Schock ist allen, die das Werk verlasen, anzumerken.

Der Parkplatz ist fast leer. Die Produktion im Kellogg-Werk in der Überseestadt steht nun seit einer Stunde still. Nach und nach verlassen die letzten Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz durch das Tor. Die meisten von ihnen wollen nicht über das sprechen, was sie gerade erst erfahren haben: Ihre Fabrik wird geschlossen. Der US-amerikanische Konzern will die Produktion in Bremen komplett aufgeben.

Fassungslosigkeit, Angst, Frust, Wut – die Nachricht kommt überraschend. Es ist ein überwiegend grauer, trüber Oktobertag, kaum Sonne, als hätte auch das Wetter versucht, sich der Situation anzupassen. Die schlechten Nachrichten treffen den Standort Bremen, aber vor allem die Mitarbeiter der Fabrik und ihre Familien.

Einer der Angestellten fährt mit seinem Auto vom Hof, passiert die Schranke. Er hält an und lässt das Fenster hinab. „Bitte heute noch nicht“, sagt er freundlich, aber sichtlich schockiert. Dann fährt der Mann weiter. Er ist nur einer der insgesamt 250 Mitarbeiter, die von der Entscheidung des Konzerns betroffen sind. Dieser Heimweg am Montag bleibt ihm und sicherlich der gesamten Belegschaft in schlechter Erinnerung.

Die Bänder stehen still

Nach und nach fahren weitere Autos vom Parkplatz. Zwei Frauen kommen aus dem Gebäude und gehen durch die Sicherheitskontrolle. Sie blicken zu Boden und gehen in die andere Richtung. „Kein Kommentar“, sagt eine von ihnen noch.

Einen Tag hält die Produktion inne. Von 14 Uhr, dem Tag der Nachricht, bis wiederum 14 Uhr, dem Tag danach. Die Mitarbeiter sollen etwas Zeit bekommen.

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Die Bänder stehen still. Doch Lkw steuern das Werk wie gewohnt an. Männer in Sicherheitswesten dirigieren und weisen an. Der Pförtner geht seiner Arbeit nach und hält Stellung. Nein, er sei nicht bei der Veranstaltung gewesen. Er weiß vermutlich noch von nichts. Weitere Mitarbeiter. Einige von ihnen beginnen noch vor der Pforte, eigentlich der befreienden Schwelle in den Feierabend, zu telefonieren.

„Das war schon sehr hart. Das hat keiner erwartet“, sagt ein Kellogg-Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Es habe immer im Raum gestanden, dass die Produktion in Europa überproportioniert sei, dass abgebaut werden müsse innerhalb des Konzerns. Dennoch sei die Schließung der Fabrik ein Schock für alle.

Versprechen an den Standort gebrochen

Ein Schock vor allem, weil die Mitarbeiter in Bremen glaubten, dass die Ausweitung der Produktion auf das Wochenende jüngst ein gutes Zeichen gewesen sei, ein Versprechen an den Standort. „Wir Mitarbeiter haben schließlich lange mit der Geschäftsleitung darum gerungen.“ Das Werk habe sein Produktionsvolumen durch die sogenannte Contischicht vergrößern wollen. Das habe aber offensichtlich nicht wie erhofft funktioniert, erklärt sich der Mitarbeiter die Entscheidung. Er kann den großen Frust über die Nachricht verstehen. „Die Kollegen standen hier also am Samstag und Sonntag. Im Endeffekt haben sie ihren Job doch verloren.“

Der Mann setzt seinen Weg zum Auto fort. Er wirkt relativ gefasst. Jeder nimmt die Nachricht anders auf. Ein junger Mann verlässt einen Moment später den Hof. Er hat nichts zu sagen, blickt weg und und geht rasch den Weg zur Ampel. Die meisten verlassen das Gelände ganz allein, für sich. Sie lassen den beigen Koloss hinter sich, das große Gebäude mit dem Umriss der Bremer Stadtmusikanten.

Die Enttäuschung der Mitarbeiter entlud sich auch bei der Versammlung. Es soll laut geworden sein, dort hinter den verschlossenen Türen. „Das Frustventil ist aufgegangen“, sagt Betriebsratschef Rainer Folkers. Natürlich seien zunächst einmal alle geschockt gewesen, aber es sei auch lautstark protestiert worden. Zumal es in den vergangenen Jahren immer wieder Zugeständnisse seitens der Belegschaft gegeben hat – zuletzt mit der Contischicht. Viele Mitarbeiter wollten nicht von der Fünf- auf eine Sieben-Tage-Woche wechseln.

Schnellstmöglich Klarheit schaffen

Der Konzern begründete die Notwendigkeit dieses Modells damit, wettbewerbsfähig mit den anderen europäischen Standorten bleiben zu wollen. Genützt hat es offenbar nichts. Genauso wenig wie der Tarifabschluss, der erst vor wenigen Wochen erzielt wurde. 1,7 Prozent mehr Gehalt sollten die Beschäftigten bekommen, der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Bremen, Dieter Nickel, findet diese Vereinbarung – aus Arbeitgebersicht – „moderat“.

Die Ereignisse müssen sich überschlagen haben: In der vergangenen Woche erfuhr die Werksleitung nach Angaben eines Unternehmenssprechers von der Schließung – eine Entscheidung des Topmanagements. Am Montag nun teilte sie es den Mitarbeitern mit. Erst morgens bekamen diese die Einladung zur Informationsveranstaltung am Nachmittag, zu der sie alle kommen sollten. Mitarbeiter, die nicht in der Fabrik waren, habe man noch telefonisch zu erreichen versucht. Am Abend sollte es eine weitere Veranstaltung geben. So schnell wie möglich wolle man Klarheit für die Mitarbeiter schaffen, sagt der Sprecher.

Das Bremer Kellogg-Werk, in dem 1964 die ersten Frühstücksflocken vom Band rieselten, hat erst vor Kurzem sein 50-jähriges Bestehen gefeiert. Damals beschied Werksleiter Rainer Frerich-Sagurna, der sich derzeit auf einem längeren Kuraufenthalt befindet, der Fabrik wegen seines direkten Zugangs zum Wasser eine „einzigartige Lage“. Tatsächlich bildet die Fabrik das Tor zur Überseestadt, das Grundstück dürfte für Investoren mehr als attraktiv sein. Was aus dem Gelände wird, wenn dort keine Cerealien mehr produziert werden, steht noch nicht fest.

Umstrukturierungen schon länger Thema

Noch 2004 investierte Kellogg im großen Stil in den Standort mitten in der Überseestadt. Ein Betrag von 20 Millionen Dollar floss in die neue Produktionslinie von „Special K“. Drei Jahre später traf das Sparprogramm des Konzerns dann aber auch Bremen: Hunderte Stellen wurden abgebaut, Produktionen ausgelagert.

Im November 2013 ordnete Konzern-Chef John Bryant weitere Einsparungen an. Titel des Programms: „Projekt K“. In vier Jahren sollte die Kellogg-Belegschaft weltweit um sieben Prozent abgebaut werden. 2014 verließ dann die Kellogg Deutschland GmbH den Standort Bremen. Vertrieb und Marketing für den deutschsprachigen und nordeuropäischen Raum wurden zusammengelegt – am neuen Standort Hamburg.

Ein Mitarbeiter kommt vom Hof durch die Pforte. Er möchte seinen Namen ebenfalls lieber nicht in der Zeitung lesen. „Es war abzusehen“, sagt er einigermaßen nüchtern über die Entlassungen. Die Umstrukturierung im Konzern sei schon länger ein Thema gewesen. Doch auch er ist geschockt und schüttelt den Kopf. Nein, von der plötzlichen Aufgabe des Standorts zu diesem Zeitpunkt habe nun wirklich niemand etwas geahnt.

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