Ein letztes Interview mit Koschnick

"Wir waren alle Suchende"

Der große Bremer Hans Koschnick sprach in seinem wohl letzten Interview über sein Leben, die Nachkriegszeit und politische Themen von heute.
24.04.2016, 00:00
Lesedauer: 14 Min
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Der große Bremer Hans Koschnick sprach in seinem wohl letzten Interview über sein Leben, die Nachkriegszeit und politische Themen von heute. Hans Koschnick erzählte, warum sich seine Mutter gar nicht freute, als er anfing, sich politisch zu engagieren und warum sein Vater nach 1939 nichts mehr mit der Politik zu tun haben wollte.

Bremens Ex-Bürgermeister sprach auch über seinen Eintritt in die SPD. Darüber, warum er mit dem Eintritt eine Weile wartete: Er wollte nicht, dass andere dachten, er bekäme einen guten Job nur, weil er Sozialdemokrat war. Also trat er erst ein, als er seine Prüfungen mit guten Ergebnissen bestanden hatte und im Öffentlichen Dienst als verbeamteter Verwaltungsinspektor eingestellt worden war. In dem Interview sprach Hans Koschnick auch über die Integration der vielen Menschen, die ab 1945 nach Bremen kamen, und über die Probleme, die es gab. Unser Mitarbeiter Frank Hethey führte das Interview im Oktober vergangenen Jahres. Postum wird der ergreifende Text nun erstmals veröffentlicht.

Herr Koschnick, Sie stammen aus einer Arbeiterfamilie, einer politischen Familie. Als Kommunist saß Ihr Vater jahrelang im KZ, auch Ihre Mutter war eine Zeit lang inhaftiert. Hat Sie das geprägt, war Ihnen die politische Betätigung sozusagen in die Wiege gelegt?

Hans Koschnick: Nein. Sie können sich vorstellen, dass meine Mutter darüber nicht gerade sehr erfreut war, nachdem sie selbst die „1000 Jahre des Nazi-Reichs“ erlebt und davon noch über ein Jahr gesessen hat. Ihre Hoffnung war: Hoffentlich nie wieder ein Kind, das sich politisch betätigt.

Ihre Eltern hatten der Politik entsagt? Auch Ihr Vater, der sich bis zu seiner Verhaftung im Mai 1933 so stark engagiert hatte?

Er war eindeutig. Er war ein überzeugter Kommunist, er hat dafür gesessen, hat gelitten und hat mit seinen Freunden gebrochen, als der Hitler-Stalin-Pakt kam ...

... der deutsch-russische Nichtangriffspakt vom August 1939, geschlossen eine Woche vor Kriegsbeginn, vor dem Überfall auf Polen.

Aber mein Vater brach mit seinen Freunden nicht nur aus politischen Gründen, nach dem Motto: Wie kann man so etwas tun? Sondern weil er sich sagte: Wir sitzen doch im Gefängnis oder im Zuchthaus oder im KZ und dann schließt der Stalin mit Hitler einen solchen Vertrag. Das war sozusagen eine Enttäuschungsentscheidung. Und damit verbunden war auch: Dann aber keine Politik mehr. Für meine Mutter war das ganz eindeutig.

War das für Ihren Vater auch so eindeutig, dann keine Politik mehr?

Ich bin ganz sicher, dass er nach 1939 nichts mehr damit zu tun haben wollte. Aber was heißt: Ich bin ganz sicher? Er kann nicht mehr antworten darauf. Ich weiß nur, dass er mit meiner Frau Mutter lange Diskussionen geführt hat, und am Ende stand fest: Schluss damit.

Auf einmal spielte die politische Zukunft keine Rolle mehr?

Die angesprochene politische Dimension war nicht entscheidend. Die entscheidende Frage war: Wie kriegen wir die Kinder, für die wir zu sorgen haben, gut über die Runden? Welche Überlebenschance haben sie? Meine Geschwister wurden geboren, als mein Vater aus dem KZ kam. Es liegt ein Unterschied von zehn Jahren zwischen meiner Schwester und mir. Da war die Sorge der Mutter für ihre Kinder ein ganz entscheidender Beitrag, dass politisch keine große Betätigung mehr stattfand. Deswegen war sie nicht für die Nazis, ganz im Gegenteil.

Und dann der nächste Bruch in der Familienbiografie: Ihr Vater ist im Herbst 1944 gefallen,in Finnland ...

In Finnland, ja, da hat er gedient. Das war die Zeit, als die Finnen sich aus dem Bündnis mit Hitler lösten ... Da kämpften dann plötzlich die früheren Verbündeten gegeneinander: Finnen gegen Deutsche, die Finnen im Bündnis mit den Russen. Eine ziemlich unübersichtliche Situation. Und ob dann die Russen oder die Finnen geschossen haben, wer weiß das? Die Todesnachricht haben wir vom Kompaniechef erhalten, der hat uns angeschrieben. Das muss im Oktober gewesen sein. Denn zu dem Zeitpunkt war ich im Schippeinsatz in Wilhelmshaven.

Sie waren am Friesenwall eingesetzt?

Ob das Friesenwall hieß, weiß ich nicht. Ich glaube, die Bezeichnung war damals auch nicht so ganz wichtig.

Hitler hatte im August 1944 befohlen, die deutsche Nordseeküste zum Schutz vor einer alliierten Invasion zu befestigen. Man fürchtete vor allem eine Luftlandeoperation.

So ist es. In der ganzen Ecke rund um Wilhelmshaven sind damals viele Abwehreinrichtungen gebaut worden. Größtenteils waren die unbrauchbar. Die Pfähle, die wir in die Erde gerammt haben, um daran Stacheldraht zu befestigen, damit Fallschirmjäger nicht abspringen konnten, versanken relativ schnell im Schlamm. Sechs Wochen lang waren wir in Rüstersiel untergebracht. Ganze Jahrgänge aus den Schulen mussten mitmachen.

Nach Ihrem Schulabschluss Anfang 1945 ging es trotz Krieg und Zerstörung um eine Berufsausbildung ...

Ich wusste: Die Einberufung steht vor der Tür. Du wirst eingezogen, jetzt musst du dich irgendwie entscheiden. Ich habe mich bemüht, Zollbeamter zu werden.

Zollbeamter?

Ein ganz naiver Gedanke: War ja interessant, Schmuggler zu fangen. Zum Glück haben die keinen genommen. Und die haben dann gesagt: Geh’ mal zum Rathaus.

Wie sind Sie ausgerechnet auf den öffentlichen Dienst gekommen?

Weil ich es einfacher haben sollte als meine Eltern es hatten. Vater war nicht mehr da. Und meine Mutter meinte, das wäre eine Chance, zu einem besseren Leben zu kommen. Dahinter steckten keine langen Überlegungen, da ging es nicht um die richtige Berufswahl und so was. Man war ja froh, wenn der Krieg zu Ende ging und man überlebt hatte.

Ein Stück weit Sicherheit im Staatsdienst?

Davon gehe ich aus. Jedenfalls in einem Bereich, wo ich nicht als Handwerker arbeiten musste. Weil ich nach Meinung meiner Mutter zwei linke Hände hatte. Womit sie übrigens Recht hatte.

Ihr Vater ist als Kommunist im KZ gewesen. War es da nicht schwierig, diesem Staat zu dienen?

Wenn Sie meinen, wir hätten damals so weit gedacht, dann tun Sie mir außerordentlich leid.

Eingestellt wurden Sie zum 1. April 1945, einen Tag vor Ihrem 16. Geburtstag. Aber dazu kam es nicht mehr.

Weil ich zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wurde.

Zum Reichsarbeitsdienst?

Ja.

Nicht zur Wehrmacht? In der Biografie von Karla Müller-Tupath heißt es, Sie seien zur Wehrmacht eingezogen worden.

Bis zur Wehrmacht habe ich’s nicht geschafft. Ich bin im Arbeitsdienst hängen geblieben.

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Gab es nach dem Krieg eine Aufbruchsstimmung in Ihrer Generation?

Wir waren alle Suchende. Und als Suchende überlegten wir, was ist der richtige Weg? Welcher ist der Weg, den wir mitgehen wollen? Wir wollten damals – das war eines der Grundprinzipien, die uns als Junge so bewegt haben – mit anpacken, damit etwas anderes entstand als das, was wir von Hitler überlassen bekommen haben.

Engagiert haben Sie sich zuerst gewerkschaftlich, nicht in der SPD. Gab es ein Misstrauen gegenüber den Parteien?

Nein. Es kamen Angebote der verschiedenen neuen demokratischen Parteien. Aber wir wollten uns Zeit nehmen. Da man sich parteipolitisch nicht entscheiden wollte, war die gewerkschaftliche Betätigung die beste. Da waren wir fast alle zusammen, da konnte man um Beschäftigung ringen, man konnte um den Neuaufbau ringen – nicht um den Wiederaufbau – und man konnte sich engagieren.

Der Begriff Wiederaufbau ist für Sie ein Reizwort ...

... weil wir zuerst mal eine Aufbauarbeit wollten. Beim Wiederaufbau wird das Alte wieder mit aufgebaut. Das war eines der Probleme damals: fertig zu werden mit den alten Nazis – ich meine gar nicht so sehr als Partei, sondern ideologisch, im Denken. Wiederaufbau bedeutete: Ich kriege das wieder, was früher da war ...

Und Sie wollten einen gesellschaftlichen Neuanfang.

Wir kämpften um den Aufbau. Und die anderen kämpften um den Wiederaufbau. Und dieser Gegensatz blieb lange... Je älter man war oder jünger man war, desto mehr kämpfte man für den Aufbau oder den Wiederaufbau. Und die mit dem Wiederaufbau haben gesiegt. Deutschland ist wiederaufgebaut, leider nicht aufgebaut worden.

Das klingt kompromisslos. Was hat Sie davon abgehalten, in die Fußstapfen Ihres Vaters zu treten? Sich den Kommunisten anzuschließen?

Die Einsicht, dass aus dem Osten heraus eben nicht die neue Gesellschaft entstehen konnte oder würde, sondern nur ein neues Regime, das den Menschen nicht genügend Freiheiten lässt. Aber das hieß nicht, dass wir gleich zu den Sozis gegangen sind. Wie gesagt: Wir waren suchend. Über Jahre Suchende.

Aber Ihre Familienvergangenheit wird doch eine Rolle gespielt haben. Die Tatsache, dass Sie aus dem Arbeitermilieu kamen.

Das Arbeitermilieu ist unbestritten. Aber nicht in dem Sinne, dass ich sagen kann: Ich bin wegen meiner Familie Sozialdemokrat geworden. Wenn ich das sagen würde, würde meine Mutter aus dem Lachen nicht wieder rauskommen. Genau das hat sie nicht vermutet.

Und was hat dann den Ausschlag für die SPD gegeben?

Die Ergebnisse der Politik, die nach 1945 von Sozialdemokraten verkörpert wurden. In Bremen war das Wilhelm Kaisen. Kaisen mehr als Schumacher.

SPD-Parteichef Kurt Schumacher galt als Hardliner. Bürgermeister Kaisen dagegen eher als einer, der den Kompromiss suchte.

Als junge Menschen haben wir das in dem Maße gar nicht gemerkt. Der Kaisen hat damals dafür gesorgt, dass die Menschen was zu essen kriegten.

Aber er hat das berühmte Bündnis zwischen Arbeiterschaft und Kaufmannschaft geschmiedet, also einen Konsens gesucht für die großen gesellschaftlichen Herausforderungen der frühen Nachkriegsjahre.

Ja gut. Aus seinen Erfahrungen aus der Weimarer Zeit. Aber das war eine Schlussfolgerung, die ein 17- , 18- , 19-Jähriger gar nicht haben konnte. Wir sahen präzis: Es geht aufwärts. Da sind Leute, die packen an. Die reden nicht nur, die tun was. Die sind nicht zufrieden damit, wie die Vergangenheit abgehandelt wird, die hatten eine eigene Position, und das waren eben die Sozialdemokraten. Deswegen hat man sich ganz allmählich immer stärker den Sozialdemokraten zugewandt.

Sie sind am 1. Mai 1950 in die SPD eingetreten. Nicht früher, nicht später. Dafür wird es gute Gründe gegeben haben.

Richtig, im April war ich mit meiner Prüfung fertig und wurde als verbeamteter Verwaltungsinspektor eingestellt. Ich war also nicht mehr in der Position, wo man sagen konnte: Er wird was, weil er Sozi geworden ist. Ich war fertig, hatte meine Prüfung mit guten Ergebnissen bestanden, war anerkannt, hatte einen guten Job gekriegt. Aber nicht,weil ich Sozialdemokrat war.

Also war der 1. Mai 1950 schlichtweg der nächstmögliche Termin nach bestandener Prüfung und Anstellung?

Ja. Für den, der sich entscheiden wollte. Und ich wollte mich entscheiden.

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Sie haben sich auch entschieden, ihr sicheres Beamtenverhältnis nach nur einem Jahr wieder aufzugeben und stattdessen hauptamtlich als Gewerkschaftsfunktionär zu arbeiten, bei der ÖTV. Eine Zusammenarbeit, die 1954 im Streit zu Ende ging.

Ja. Sagen wir es mal so: Der Vorsitzende der ÖTV, mit dem ich später gut konnte, war damals der Meinung, ich wäre ein bisschen... sagen wir mal: zu eigensinnig. Und nicht immer bereit, die Linie der ÖTV mitzutragen. Und aus diesem Krach heraus sagte ich mir: Brüder, ihr könnt mich nicht zwingen, ich muss ja bei euch nicht arbeiten. Und dann hatte ich Angebote aus der deutschen Kommunalwirtschaft, aus Braunschweig und anderen Bereichen, und das erfuhren sie im Rathaus, und sagten: Hans, wenn du wieder zurückkommen willst, du bist bei uns herzlich willkommen. Wir holen dich ab, du kannst wieder im Rathaus Bremen anfangen.

Ohne dass Ihr Parteibuch eine Rolle spielte?

Allerdings. Ich habe mich nicht beworben. Die haben mich gebeten zu kommen. Das ist vielleicht ein Zeichen, dass ich kein sehr schlechter Beamter war.

Nach Ende Ihrer Anstellung bei der ÖTV kam Ihre Parteikarriere in Schwung, 1955 wurden Sie erstmals in die Bürgerschaft gewählt. Als gerade einmal 26-Jähriger.

Es war ja praktisch die zweite Wahl, die zweite demokratische größere Wahl, die in Bremen stattfand. Und da waren die sozialdemokratischen Führungsgremien der Meinung, es sollten nicht nur alte Säcke dabei sein, sondern auch ein paar Jüngere.

Sie waren damals der jüngste Bürgerschaftsabgeordnete.

Einer ist immer der Jüngste. Man muss nur sehen, dass man nicht zu lange der Jüngste bleibt. Nach vier Jahren war dann die Zahl derer, die aus der jüngeren Generation der SPD hinzu stießen und Abgeordnete wurden, schon sehr viel größer geworden.

Sie waren auch entschiedener Pazifist.

Ja.

Und befanden sich damit nicht unbedingt auf Parteilinie ...

Ich habe mich häufig nicht unbedingt auf Parteilinie bewegt. Aber die Bremer hatten schon immer ihren eigenen Kopf. Die waren schon vor 1933 in manchen Situationen anders gepolt als die Mehrheit der SPD. Deswegen ist es in Bremen ganz schwer, von Parteilinie zu sprechen.

Was wäre richtiger? Kaisen-Linie?

Ist auch schwierig. Wilhelm Kaisen haben wir hoch verehrt. Aber bei manchen Dingen waren wir der Meinung, das könnte noch ein bisschen flotter gehen. Es ist ja nicht so, dass wir alles für gut gehalten haben, was der alte Herr gemacht hat. Er selbst war ja auch durchaus einer, der wider den Stachel löcken konnte.

Kaisen hat im Grunde vorgemacht, dass man nicht immer mit der Mehrheit konform gehen musste...

Ja.

... und damit auch gut existieren konnte in der SPD.

Eindeutig. Es war aber auch nicht gefordert, nur ein Lied zu singen. Aber dafür einzutreten, zu begründen, warum man anderer Meinung war, das war die entscheidende Frage. Er hat uns Mut gemacht, das Maul aufzumachen und zu sagen: Wir sehen das anders. Er war offen für eine grundsätzliche Politik-Diskussion. Wir haben’s nicht immer richtig gesehen. Aber anders.

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Und das wurde von Kaisen auch respektiert?

Er brauchte uns doch. Wir haben doch nicht gegen ihn votiert. Wir haben vielleicht gegen den Parteivorstand votiert. Mit uns hatte Kaisen einen Kreis von jungen Leuten hinter sich, von denen er wusste, die stehen zu mir. Wenn die auch in der einen oder anderen Frage unterschiedlicher Meinung sind.

Zum Beispiel?

Kaisen war nicht der gleichen Meinung wie wir, was den Bereich der Jugendpolitik anbelangt. Wir waren für Annemarie Mevissen als Jugendsenatorin. Und haben darum gekämpft. Und er wollte sozusagen eine Gutachterin haben für Jugendfragen. Aber nicht eine Frau mit eigenen Entscheidungsbefugnissen. Da haben wir mit Mevissen gemeinsam gekämpft, bis wir eine Jugendsenatorin hatten, wie wir es haben wollten. Und das war ja nicht nur eine Frage der Sozialdemokraten, da waren auch die Christdemokraten und zum Teil die Freien Demokraten mit uns Jüngeren der Meinung, das sollten wir so tun. Das war ja kein Einheitsbrei im bremischen Parlament.

Und in dem Zusammenhang sind Sie ihm dann zum ersten Mal begegnet?

Begegnet weiß ich nicht, aber aufgefallen. Er hat uns registriert, er hat uns zur Kenntnis genommen, ja.

Herr Koschnick, ein anderes Thema: Die Baupolitik der Nachkriegsjahre hat keinen guten Ruf, insbesondere der Umgang mit jener Altbausubstanz, die den Krieg halbwegs überstanden hatte. Kritiker führen gern die Börse am Markt oder das Lloyd-Gebäude an.

Na gut, das nehme ich zur Kenntnis. Aber wer kann denn heute der alten Börse nachtrauern, wenn man genau sah, welche Sub-stanz das war. Ich behaupte nicht, dass das Luckhardt-Gebäude

das Nonplusultra ist. Aber das war nun kein Grund, es anzugreifen. Und das Lloyd-Gebäude war angeschlagen, das hätte grundsätzlich renoviert werden müssen. Hätten wir damals den Mut gehabt, einen Teil des Neubaus in Bremen nicht zu machen, sondern dafür die alten Gebäude herzurichten, hätten wir sicher ein paar mehr Gebäude gerettet. Aber 10 000 Menschen hätten keine Wohnung gehabt.

Soll heißen: Sie haben andere Prioritäten gesetzt.

Erstens: Die Menschen brauchen eine Wohnung. Zweitens: Die müssen was zum Essen haben, und drittens, sie brauchen Arbeit, wenn’s geht langfristig. Das waren die Pole der entscheidenden Ansätze. Es gibt einige Städte, die sich mehr Zeit gelassen haben mit dem Wiederaufbau. Und gut geworden sind. Münster zum Beispiel ist ganz schön geworden. Zugegebenermaßen waren die vielleicht weiter als wir. Umgekehrt aber waren wir mal die Großstadt mit den meisten Neubauwohnungen. Und nur der, der selbst eine Wohnung hatte und keine neue brauchte, kann darüber meckern. Aber wer eine Wohnung brauchte, wird einen Teil dieser Art von Kritik nicht begreifen. Das ist ein Teil der alten Diskussion, die nicht endet.

Und die Sie kennen.

Die da anfangen zu diskutieren frage ich immer: Wann hast du eine Wohnung gekriegt? Wo hast du leben dürfen? Hast du Arbeit bekommen? Gab es andere Fragen? Es kann ja sein, dass einer sagt, alte Gebäude sind mir wichtiger als das andere. Das muss ich akzeptieren, aber nicht teilen. Wohnraum war damals gefragt, Schulen waren gefragt, Krankenhäuser mussten gebaut werden. Man darf nicht so tun, als ob das alles da war.

An die Nachkriegsjahre erinnert die aktuelle Flüchtlingskrise. Einen Massenzustrom gab es auch, als die Flüchtlinge und Vertriebenen kamen. Eine schwierige Situation angesichts der Wohnungsnot und fehlender Arbeitsplätze. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Sehr unterschiedlich. Ein Teil von uns war der Meinung, das sind Deutsche, die die Kriegslasten zu tragen haben, die müssen wir mit unterbringen, die gehören zu uns. Und es gab andere, die der Meinung waren, ja, aber die müssen nicht gerade bei uns zu Hause sein.

Sie sprechen von Einquartierungen?

Von der Einquartierung bis zu anderen Fragen. Jeder Flüchtling, der kam und der aufgenommen wurde, war zugleich auch ein Konkurrent um Wohnung, um Verpflegung und um Arbeit. Ich kann Ihnen nur sagen, viele Diskussionen von heute sind nicht mehr zu begreifen, wenn man weiß, unter welchen Bedingungen die Flüchtlinge nach 1945 aufgenommen wurden ... Allerdings, wir haben sie ja nicht nur freiwillig aufgenommen.

Es gab ja auch Quotenregelungen.

Das war nicht das Problem. Die Alliierten haben dafür gesorgt.

In Bremen und anderen Großstädten versuchte man, den Flüchtlingszustrom mit einer Zuzugsperre irgendwie zu kontrollieren.

Zu kanalisieren.

Jedenfalls konnten Illegale nicht mit Behördenhilfe rechnen: bei der Unterbringung, bei der Suche nach Arbeit.

Bremen konnte eben nicht alle aufnehmen. Denn sie mussten ja irgendwo unterkommen. Wenn einer Verwandtschaft mit Wohnraum hatte, ging das... aber den gab es damals ja so gut wie gar nicht. Darum die Entscheidung von Kaisen, wir nehmen sie auch in Kleingärten auf. Sie dürfen nicht vergessen, die Menschen kamen nicht alle auf einmal: Da waren erst einmal die Heimkehrer, die im Kriege verschickt worden waren, weil der Bombenkrieg drohte. Das waren die Familien mit Kindern. Und dann kamen diejenigen, die einen Job brauchten, weil ihrer verloren gegangen war. Dann kamen die nächsten aus dem Osten. Zum Teil auch aus dem Westen, je nachdem wo der Druck am stärksten war. Für die gab es nicht ausreichend Platz, viele mussten auch außerhalb Bremens unterkommen.

Sie meinen im Umland? Im dörflichen Umland?

Wenn es ging, war man da gesichert. Wenn man Pech hatte, bekam man dort keinen Job. Keinen Job und keine Unterkunft. Da haben doch viele in Ställen geschlafen. Und dann die Zwangsarbeiter, die mussten auch versorgt werden. Ob wir es wollten oder nicht. Dafür sorgten die Alliierten schon. Da flogen die einen aus ihren Wohnungen raus, und die Zwangsarbeiter kamen da rein. Das war ein ständiges Kommen und Gehen. Sehr belastend. Die Not der Menschen war so spürbar für jeden, der damals mit offenen Augen durch die Welt ging.

Da blieben Ressentiments nicht aus.

Keine Frage. Wenn ich daran denke, dass in Schleswig-Holstein relativ wenig passiert war an Zerstörungen, mit Ausnahme von Kiel, wenn man da von den Ostdeutschen sprach, den Flüchtlingen aus dem Osten...

Die wurden sogar rassistisch beleidigt als

Polacken.

Polacken, ganz genau! Da haben einige sehr leiden müssen.

Gab es denn solche massiven Vorbehalte auch in Bremen?

Die gab es auch, nur nicht in dieser Massierung. Bremen war in dieser Frage offener. Auch deswegen offener, weil die nach 1945 sich einsetzenden Kräfte – und zwar nicht nur einer Partei – sehr dafür gesorgt und beigetragen haben, dass das Klima ein wenig anders wurde. Anders auch als in Süddeutschland.

Und doch gab es skandalöse Fälle auch in Bremen. Gab es Menschen, die sich an den Flüchtlingen schamlos bereichert haben.

Es war schon ein Problembereich, wie wir mit denen, die in Not waren, umgegangen sind. Es ist manche Schweinerei entstanden an Menschen, die in Not waren. Die eben keine Hilfe bekamen, obwohl andere das Glück hatten, gut durch den Krieg gekommen zu sein. Aber die menschliche Unvollkommenheit, die unterstellen Sie mal bei allen. Da würde ich Bremen nicht herausnehmen, weder im Positiven noch im Negativen.

In Geschichtsbüchern wird gern die schnelle Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen hervorgehoben. Muss das Bild der reibungslosen Integrationsleistung revidiert werden?

Nicht grundsätzlich. Die Leistung war ja trotz allem da – aber am Ende, nicht am Anfang.

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