Politische Karriere des Hans Koschnick Vom Oberinspektor zum EU-Administrator

"Seine Ironie wird geschätzt", schrieb der WESER-KURIER 1963 über Hans Koschnick. Die Straßenbahnunruhen, die Gründung der Uni und die Schließung der AG Weser fielen in die Amtszeit des Ex-Bürgermeisters.
21.04.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Erika Thies

"Seine Ironie wird geschätzt", schrieb der WESER-KURIER 1963 über Hans Koschnick. Die Straßenbahnunruhen, die Gründung der Uni und die Schließung der AG Weser fielen in die Amtszeit des Ex-Bürgermeisters.

Das Wort „Kronprinz“ mochte er nicht, zumal es so gar nicht zu einem Sozialdemokraten passte. Doch Hans Koschnick galt in Bremen schon früh als kommender Mann und ist den Erwartungen dann politisch und persönlich auch gerecht geworden. Bremens einstiger jüngster Bürgerschaftsabgeordneter wurde 1967 – mit 38 Jahren – jüngster bundesdeutscher Länderchef und war als EU-Administrator in Mostar eine moralische Instanz weit über die deutschen Grenzen hinaus.

Lesen Sie auch

Die erste, im Archiv unserer Zeitung abgeheftete Meldung über Koschnick dokumentiert einen der Ausgangspunkte seines Aufstiegs: „Das Amt für Leibesübungen hat am Wochenende einen neuen Leiter bekommen: den bisherigen Oberinspektor bei der Senatskommission für das Personalwesen, Hans Koschnick, der gleichzeitig zum Amtmann befördert wurde.“ Dieser Text ist am 3. Februar 1958 erschienen, und es sollten unzählige weitere folgen. Bald schon sollten die Artikel länger sein und auch überregional erscheinen.

WESER-KURIER: "Seine Ironie wird geschätzt, sein Sachverstand respektiert"

Über den „erstaunlich jungen“ Bremer Innensenator, der „weder ein Protektionskind noch ein Strebertyp“ sei, hieß es da 1963: „Er ist beliebt, seine Ironie wird geschätzt, sein Sachverstand wird respektiert.“ Schon an diesem jüngsten bundesdeutschen Länderminister fielen damals seine „ausgeprägte Kontaktfreudigkeit“, sein „entschiedenes, oft saloppes Auftreten“, seine „überragende geistige Präsenz“, das reiche Wissen, die persönliche Integrität, der Sinn für Humor und die fast unglaubliche Schnelligkeit seines Redeflusses auf.

Seinen frühen Erfolg schob er bescheiden gern auch auf das Glück, das er gehabt habe, und: Mit Mittelschulabschluss und ohne Abitur, habe er eben „gelesen, gelesen, gelesen“. Für die Lehrstelle im Rathaus, die er im Herbst 1945 antrat, seien schon fünf Monate später nur noch Abiturienten infrage gekommen. „Sie haben doch hoffentlich eine Führungsposition in der HJ (der Hitlerjugend; Anm. d. Red.)?“, hatte ihn im Januar 1945 bei der Bewerbung der zuständige Beamte gefragt. Derselbe Mann fragte ein Dreivierteljahr später: „Sie hatten doch hoffentlich k e i n e Führungsposition in der HJ?“

Zwischen den beiden Rathausbesuchen lagen Arbeitsdienst, Kriegseinsatz und Gefangenschaft. Ein alter Marinemaat verhinderte, dass die 16-jährigen Soldaten in Belgien befehlsgemäß noch Straßen und Eisenbahnübergänge verminten; vermutlich wären dabei alle umgekommen. Eine Führungsposition in der Hitlerjugend aber war für den jungen Hans Koschnick sowieso nie infrage gekommen. Die Mutter hätte es nicht erlaubt. Der Vater saß ab 1933 als Kommunist jahrelang im Konzentrationslager, wurde 1943 für „bedingt wehrwürdig“ befunden, kam 1944 als Soldat in Finnland um.

Über 55 Prozent bei der Bürgerschaftswahl

Beim letzten Heimaturlaub mahnte er seinen Ältesten: „Wenn ihr was Neues aufbauen wollt, werdet vorher klug, nicht erst hinter Gittern.“ Hans war vier, als die Gestapo die Wohnung das erste Mal durchsuchte. „Die haben alles ausgeräumt.“ Bettdecken aufgeschnitten, die Federn verstreut, die roten Inletts mitgenommen – „damit wir daraus keine roten Fahnen machen könnten“.

Lesen Sie auch

Einem breiten deutschen Fernseh-Publikum bekannt wurde Koschnick vielleicht erst 1971. Da war er als Bremer Bürgermeister und Präsident des Senats schon sechs Jahre im Amt und hatte – ein stattlicher 1,90-Meter-Mann – als Bundesratspräsident in Vertretung des Bundespräsidenten den zierlichen japanischen Kaiser zu betreuen. Es war am Tag nach seinem bisher größten Bremer Sieg: Die SPD hatte bei der Bürgerschaftswahl fast 55,3 Prozent erreicht – sogar noch 0,6 Prozent mehr als unter Wilhelm Kaisen in dessen bester Zeit.

In ihrem Artikel „Der rote Riese von Bremen“ schrieb damals „Die Zeit“, die Landesväter der bundesrepublikanischen Gründerzeit wie Kaisen, Brauer, Weichmann, Zinn und Kopf habe Platz machen müssen für die Generation der Söhne wie Koschnick, Stoltenberg und Kohl, die „dem Charakter und dem Wesen nach keine Landesväter“ seien. Doch auch in die Vaterrolle wächst ein Mann ja wohl erst hinein.

Christine Koschnick: "Du kannst ja nach Bonn gehen, aber ich bleibe hier"

Daran, dass Hans Koschnick Bremen irgendwann verlassen würde, weil es in Bonn auf höherer Ebene nicht mehr ohne ihn ging, bestand lange kaum ein Zweifel. Diesbezügliche Fragen zog er gern ins Lächerliche: „Ich bleibe im Lande und nähre mich redlich.“ Hinzu kam, dass seine Frau gesagt haben sollte: „Du kannst ja nach Bonn gehen, aber ich bleibe hier.“ Sie wäre dann aber wohl sicherlich mitgegangen. Hans und Christine Koschnick liebten einander und brauchten einander sehr. Sie im Alltag miteinander zu erleben, konnte sehr vergnüglich sein, weil sie sich gern schlagfertige Wortgeplänkel lieferten. Für ihn war sie aber auch „mein politisches Gewissen“.

Lesen Sie auch

Kennengelernt hatten die beiden sich 1950 über die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV). Christine, gebürtig aus Marsberg im Sauerland, war Jugendsekretärin im ÖTV-Bezirk Hannover. Hans, damals noch Verwaltungsbeamter im Bremer Rathaus, strebte das Amt des Jugendsekretärs im Bezirk Bremen an. Sie fand ihn – als Beamten – dafür ungeeignet, konnte sich aber nicht durchsetzen. Er bekam die Stelle, kehrte aber 1954, im Jahr der Heirat, in den bremischen öffentlichen Dienst zurück.

Gründung der Universität

Nachdem das junge Ehepaar zunächst zur Miete gewohnt hatte, bezog es 1971 in der Gartenstadt Vahr ein eigenes Haus. Christine Koschnick gewöhnte sich daran, dass ihr Mann wegen allzu vieler Verpflichtungen in Bremen oder auch in Bonn und anderswo abends selten vor elf, zwölf zu Hause war und sich auch daheim am Wochenende durch Aktenstapel arbeitete.

Aber war Hans Koschnick tatsächlich der „Hans im Glück“, als der er damals in der Presse öfter auftauchte? Bremen wurde in seiner Zeit auch von den Straßenbahnunruhen und vom Bauland-Skandal erschüttert, im Vorfeld der Universitätsgründung zerbrach die SPD/FDP-Koalition, die neue Universität wurde kostspieliger als erwartet, die Steuerreform 1969/70 brachte dem Land Bremen mit seinen rund 100.000 Beschäftigten aus Niedersachsen große finanzielle Einbußen – und doch schien jahrelang alles noch gut zu laufen; die Wähler und Wählerinnen dankten es Koschnick und der SPD an den Wahlurnen.

Trotz AG-Weser-Schließung: Koschnick bleibt Bürgermeister

Der Schein ungestörten wirtschaftlichen Wachstums trog. Der weltweite Konjunktureinbruch ließ auch in Bremen die Arbeitslosenzahlen sprunghaft steigen. Mit Tränen in den Augen teilte „Hans im Glück“ im September 1983 den Beschäftigten der AG „Weser“ die Schließung ihres Betriebes mit. Parteistrategen rauften sich die Haare: Warum hatte er diese Bekanntgabe nicht noch zwei Tage hinausgeschoben, bis nach der Bürgerschaftswahl? Aber honorierte man in Bremen nicht vielleicht gerade diese Offenheit? Das Ergebnis sprach für diesen Kurs: Trotz einer Arbeitslosenquote von fast 14 Prozent und einer Pro-Kopf-Verschuldung von bereits 11.234 D-Mark holte die SPD noch 51,3 Prozent.

Lesen Sie auch

Zwei Jahre später endete dann nach fast 18 Jahren seine Amtszeit als Bremer Bürgermeister und Präsident des Senats. Hans Koschnick war nun wieder schlichter Abgeordneter in der Bürgerschaft. Ein Botschafterposten in Warschau oder Tel Aviv hätte ihn wohl reizen können. Das ihm angebotene Amt als Bundesverkehrsminister schlug er lieber aus. Seit 1987 Bundestagsabgeordneter, ging er im Juli 1994 für die Europäische Union als Administrator – eine Art Bürgermeister – ins kriegszerstörte Mostar, um dort nach dem Jugoslawien-Krieg den Wiederaufbau in Gang zu setzen. Als er die Stadt im April 1996 verließ, klappte die Wasser- und Stromversorgung wieder, Häuser konnten wieder bezogen werden – aber er selbst hatte auch ein Stück weit resigniert: „Guter Wille allein genügt nicht, man muss ihn auch umsetzen können.“

Mittler, Mahner, Christ

Ehrenbürger von Danzig war er schon seit 1985, Ehrenbürger von Bremen wurde er 1999, und nachdem ihn bereits 1997 die Universität Haifa zum Ehrendoktor ernannt hatte, zog 2004 auch die Bremer Universität nach. Fast Jahr um Jahr wurden ihm dann immer neue Auszeichnungen zuteil. Sich mal auf seinen Lorbeeren ausruhen wollte er nie. Solange es die Kräfte zuließen, wirkte er weiter: als Mittler, Mahner – und auch als Christ. Christine Koschnick ist katholisch. Ihr Mann ließ sich 1964 evangelisch taufen, und als die Sparkasse 1985 ihren damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden zum Abschied beschenken wollte, erbat Hans Koschnick sich eine denkmalpflegerische Maßnahme: die seit dem 19. Jahrhundert nur noch als Kohlenkeller und Abstellraum dienende St.-Veits-Krypta unter der Liebfrauenkirche möge restauriert werden. Was dann auch geschah.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+