Zur zweiten Welle Die Chancen und Grenzen der Corona-Warn-App

„Zahnloser Tiger“ oder wirksames Instrument zur Bekämpfung der Corona-Pandemie - an der Warn-App der Bundesregierung scheiden sich die Geister. Wir haben mit Experten, Politikern und Nutzern gesprochen.
29.10.2020, 05:00
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Die Chancen und Grenzen der Corona-Warn-App
Von Marc Hagedorn

Katja Ittermann hat damals nicht lange gezögert. Vielleicht eine Woche sei die Corona-Warn-App auf dem Markt gewesen, als sie die Software auf ihr Smartphone installiert habe, erinnert sich die Bremerin. Im Juni war das, und sie, selbst Risikopatientin, habe gewisse Erwartungen an die App gehabt: „Dass sie mich warnt, wenn ich Kontakt mit jemandem hatte, der positiv getestet ist, und dass sie mir sagt, wann genau der Kontakt stattgefunden hat.“ Heute, rund vier Monate später, fragt Ittermann sich: Brauche ich die App wirklich?

Die Corona-Zahlen schießen seit einiger Zeit in die Höhe. Politiker und Experten zerbrechen sich den Kopf darüber, wie die Ausbreitung des Virus eingedämmt werden kann. Der Bundesregierung gilt die App gerade jetzt mit Eintritt der zweiten Welle als ein wirksames Hilfsmittel, „neben Hygienemaßnahmen wie Händewaschen, Abstandhalten und Alltagsmasken“, wie es auf der entsprechenden Homepage heißt. Rund 20 Millionen Mal ist die App inzwischen heruntergeladen worden, etwa 16 Millionen Menschen in Deutschland sollen sie nutzen.

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Von der Wirksamkeit sind nicht alle überzeugt. Zwar verteidigt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die App unermüdlich als „ein wichtiges Werkzeug unter vielen“, aber andere wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprechen bei der Corona-Warn-App von einem „zahnlosen Tiger“. Gespalten sind auch die Nutzer, die an einer Facebook-Umfrage des WESER-KURIER teilgenommen haben. Jörg Hermann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen, sagt: „Politiker müssen in Extremen reden, damit sie Gehör finden. Angemessen sind beide Formulierungen nicht. Die App ist sicher nicht die Superlösung, aber sie ist auch kein Mist. Corona wird uns noch jahrelang begleiten. Wenn man die App weiterentwickelt, kann sie ein hilfreicher Wegbegleiter sein.“

Empfehlung für die App

Werbung für die App macht die Bremer Gesundheitsbehörde. „Die App ergänzt und unterstützt die Arbeit der Gesundheitsämter“, sagt Sprecher Lukas Fuhrmann. Über die App können Testergebnisse sehr schnell übermittelt werden – sofern die Technik mitspielt, was vor allem anfangs nicht zuverlässig der Fall war. „Es wird aber immer besser“, sagt Fuhrmann. Daneben kann die App etwas, das die Scouts der Gesundheitsämter nicht können: bestimmte Kontakte nachvollziehen und darüber informieren. Fuhrmann nennt ein Beispiel: Ein Nutzer wird positiv getestet.

In den Tagen zuvor ist er – ohne von seiner Infizierung zu wissen – noch in der Stadt unterwegs gewesen, zum Einkaufen in Geschäften, zum Bummeln in der Fußgängerzone. Für diese Zeit kann der Infizierte dem Gesundheitsamt später im besten Fall die Kontakte und Orte melden, die ihm namentlich bekannt sind und an die er sich erinnert. Die App dagegen registriert automatisch alle Kontakte im Umfeld des Infizierten und informiert anonymisiert. Vorausgesetzt, die Kontaktpersonen nutzen ebenfalls die App. „Deshalb empfehlen wir die App“, sagt Fuhrmann, „möglichst viele Menschen sollten sie nutzen.“

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16 Millionen Nutzer in Deutschland sind im europaweiten Vergleich ein starker Wert. Allerdings sind 16 Millionen auch nur ein knappes Fünftel der bundesdeutschen Bevölkerung. Reicht das für einen effektiven Einsatz? Ja, sagt das Robert-Koch-Institut (RKI), Herausgeber der App. „Die Corona Warn-App ist nicht perfekt, aber sie hat einen Nutzen“, erklärte Lothar H. Wieler, Präsident des RKI, Anfang Oktober bei einer Online-Konferenz des bayerischen Gesundheitsministeriums.

Dass die App nicht perfekt ist, hat Katja Ittermann früh gemerkt. Bei ihr ging es gleich nach der Installation los. „Ich habe ein iPhone XS, und es gibt immer wieder technische Schwierigkeiten“, sagt sie, „ich wurde zum Beispiel wochenlang aufgefordert, die sogenannte Risikoermittlung einzuschalten, obwohl diese aktiviert war.“ Tatsächlich gibt es Mindestanforderungen an die Handys und die Betriebssysteme. Die App läuft auf iOS-Smartphones ab dem iPhone 6s unter iOS 13.5, bei Android-basierten Smartphones ab Android 6.

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Die permanenten Hinweise, die Risikoermittlung in ihrer App zu aktivieren, hätten sie ziemlich genervt, sagt Katja Ittermann. Gelöscht hat sie die App trotzdem nicht gleich wieder, weil sie ihr eine Chance geben wollte. Inzwischen hat Ittermann die erste Meldung auf ihr Handy bekommen. Eine Begegnung mit „niedrigem Risiko“ habe sie gehabt, zeigte ihr das Display auf grünem Hintergrund am vergangenen Wochenende an.

Das habe sie überrascht, sagt sie, denn an dem Wochenende habe sie lediglich Spaziergänge unternommen, ganz ohne Kontakt zu anderen Menschen gehabt zu haben. Inzwischen weiß sie, dass der ermittelte Kontakt mehrere Tage zurückliegen kann, dass die Verzögerung also kein technischer Fehler war. Und sie weiß auch, dass sie sich keine Sorgen machen muss, sondern erst dann Kontakt zum ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117, zum Hausarzt oder zum Gesundheitsamt aufnehmen muss, wenn die App auf rotem Hintergrund ein „erhöhtes Risiko“ anzeigt.

Kontakt-Tagebuch

Was Ittermann und alle anderen Nutzer dagegen nicht wissen: An welchem Tag und zu welcher Uhrzeit genau es zum Kontakt mit einem positiv getesteten Menschen gekommen ist. So will es der Datenschutz. In Ittermanns Familie sind inzwischen zwei Coronafälle aufgetreten, in einem Fall kam der Hinweis auf ein „erhöhtes Risiko“ über die App, genau wie später das positive Ergebnis nach der Durchführung eines Tests. Um sich besser an ihre Begegnungen erinnern zu können, führt Katja Ittermann jetzt ein Kontakt-Tagebuch. Jeden Abend setzt sie sich hin und notiert, welchen Menschen sie wann wo und unter welchem Umständen begegnet ist.

Ein Zugeständnis an den Datenschutz ist auch, dass die Nutzer selbst entscheiden, ob sie nach einem positiven Test diesen Befund in ihrer App mit den anderen Nutzern teilen. Die Schätzungen darüber, wie viele das tun, schwanken. Das RKI hat nach eigener Auskunft festgestellt, dass zwei von drei Nutzern diese Information freigeben. Heißt aber auch: Jeder Dritte behält den Befund für sich. Dafür hat Katja Ittermann kein Verständnis. „Ich würde ein positives Ergebnis sofort teilen, nur dann macht die App doch Sinn“, sagt sie, „es geht schließlich auch darum, andere zu schützen.“ Oft denkt sie darüber nach, die App zu löschen. Getan hat sie es bisher noch nicht.

Info

Zur Sache

Neue Funktionen

Wie bei vielen digitalen Anwendungen ist die Entwicklung der Warn-App nicht abgeschlossen. Nach dem jüngsten Update (Version 1.5) ist zum Beispiel die Risiko-Ermittlung auch länderübergreifend möglich, zunächst für Irland und Italien. Bis zum Jahresende sollen 16 Länder angeschlossen werden. Außerdem gibt es die freiwillige Funktion zur Symptomerfassung für Personen, die positiv auf Corona getestet worden sind. Das soll dabei helfen, das Infektionsrisiko genauer zu berechnen.

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