Schlägerei an der „Schänke“ Polizei rechtfertigt Einsatz bei Massenschlägerei

Nach der Schlägerei zwischen Werder-Ultras und Bremer Hooligans im Viertel fühlen sich die Verantwortlichen der Bremer Polizei zu Unrecht kritisiert.
19.12.2017, 18:00
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Polizei rechtfertigt Einsatz bei Massenschlägerei
Von Jan Oppel

Nach der Auseinandersetzung zwischen linken Ultras und rechten Hooligans im Viertel hat sich die Bremer Polizei am Dienstag ausführlich zu den Vorfällen geäußert. Polizeipräsident Lutz Müller hob bei der Pressekonferenz hervor, für die Eskalation der Gewalt seien allein die Beteiligten und nicht die Polizeitaktik verantwortlich. Müller kündigte an, dass es beim Pokalspiel gegen den SC Freiburg am Mittwoch keinen Fan-Marsch durchs Viertel geben werde. Mit den Ultragruppen werde eine neue Route vereinbart. Zudem sollen mehr Beamte im Einsatz sein, als am vergangenen Spieltag.

Nach dem Spiel gegen Mainz hatte eine Gruppe Bremer Hooligans den Werder-Ultras am Sonnabend auf dem Rückweg vom Weserstadion offenbar aufgelauert. Vor der Kneipe „die Schänke“ kam es zu einer Schlägerei. „Die wissen, dass die Ultras nach jedem Spiel dort lang laufen“, sagte ein Mitarbeiter des Fanprojekts im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Unter den Hooligans seien auch Neonazis gewesen. Der Fanprojekt-Mitarbeiter glaubt, dass die Polizei die Hooligans unterschätzt hat. Am Dienstag hatte auch Horst Wesemann, der für Die Linke in der Innendeputation sitzt, der Polizei vorgeworfen, sie habe die rechte Szene in Bremen nicht im Blick.

„Das ist falsch“, sagte Müller. „Und wir werden natürlich nicht nur gegen die Ultras, sondern gegen alle Beteiligten dieser Schlägerei ermitteln.“ Elf Tatverdächtige wurden nach der Auseinandersetzung an der Kneipe „Schänke“ vorläufig festgenommen. Sollte die Gewalt zwischen Werder-Ultras und Bremer Hooligans zum Dauerzustand werden, müsse die Polizei ihre Taktik an den Spieltagen künftig neu ausrichten, sagte der Polizeipräsident.

Laut Rainer Zottmann, Leiter der Direktion Einsatz, wurde die Polizei am Sonnabend von den Hooligans überrascht. Zuvor waren die Männer bereits im Weserstadion aufgefallen: In der Halbzeitpause hatte die Polizei Hinweise erhalten, dass sich in einigen Blöcken der Westkurve rechte Hooligans mit ihren Familien eingefunden hätten. Aus der Ostkurve waren „Nazischweine“-Rufe zu hören. Kurz vor Abpfiff gelangte die Gruppe aber unbemerkt aus dem Stadion. Die Polizei hatte die Männer aus dem Blick verloren.

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Als die Ultras auf dem Rückweg vom Stadion die Hooligans schließlich in der „Schänke“ entdeckten, seien einige der jungen Männer sofort vermummt auf die Kneipe zugestürmt, berichtet Zottmann. Fensterscheiben wurden mit Flaschen eingeworfen, gleichzeitig gingen die Hooligans aus der Kneipe zum Gegenangriff über. „Wenn wir gewusst hätten, dass sie sich in der Schänke aufhalten, hätten wir die Kneipe vorher abgeriegelt“, so Zottmann. Die „Schänke“ sei der Polizei bislang aber in keiner Weise als Treffpunkt von Rechten oder Hooligans aufgefallen, betonte Heinz-Jürgen Pusch, der für die Koordination der Fußball-Einsätze verantwortlich ist. „Das ist eine eher linke Kneipe.“

Die Partie gegen Mainz war im Vorfeld von der Polizei als harmloses „Grün-Spiel“ eingestuft worden, deshalb habe man die Ultras an der „langen Leine“ durchs Viertel laufen lassen, ohne sie eng zu begleiten, sagte Zottmann. Märsche dieser Art gebe es nach jedem Spiel. Bislang sei nie etwas passiert. Insgesamt wurden bei der Schlägerei am Sonnabend nach Polizeiangaben sechs Personen verletzt. Der Großteil der Beteiligten sei der Polizei entkommen. Das liege auch daran, dass anfangs kaum Beamte vor Ort waren. „Zwischen den Fronten standen plötzlich nur noch zwei Kontaktbeamte“, so Zottmann.

Polizeipräsident Müller kritisierte die Ultras für ihr Verhalten nach der Konfrontation. Die würden sich jetzt zwar als Opfer inszenieren, gehe es aber um Zeugenaussagen oder Befragungen, würden die Ultras die Zusammenarbeit mit der Polizei stets verweigern. „Stattdessen werden jetzt Gerüchte und Halbwahrheiten verbreitet“, kritisierte Müller. „Wenn jemand Angst vor rechten Hooligans hat, soll er zu uns kommen.“ Selbstjustiz sei kein legitimes Mittel, um sich gegen Rechtsradikale zu wehren.

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Am Dienstag befragten Polizisten Anwohner im Viertel zu den Ereignissen und verteilten Infoflyer. Zeugen sind aufgerufen, den Ermittlern Fotos und Videoaufnahmen der Auseinandersetzung zur Verfügung zu stellen. Parallel arbeitet eine Gruppe aus Beamten der Polizei und des Staatsschutzes weiterhin an der Aufklärung des Vorfalls.

Nach Polizeiangaben gehören der Ultraszene in Bremen mittlerweile etwa 500 Personen an, die sich auf verschiedene Fangruppen verteilen. Die Mehrheit gilt als links-orientiert. 300 Ultras werden als „gewaltsuchend“ eingestuft oder sind Schlägereien zumindest nicht abgeneigt. Der Bremer Hooliganszene werden 80 Personen zugerechnet, darunter etwa 15 Rechtsradikale. Neben diesen beiden Lagern hat es die Polizei seit einiger Zeit aber auch noch mit einer dritten Gruppe zu tun: Deren Anhänger bezeichnen sich selbst als „Riot Ultras“ und gelten als unpolitisch. „Das sind in Teilen erlebnisorientierte Kampfsportler, die uns das Leben schwer machen“, sagte Pusch. Bereits am Mittag hatte die Polizei am Sonnabend eine verabredete Schlägerei der „Riot Ultras“ mit Hooligans aus Mainz und Duisburg am Bremer Stadtrand verhindert.

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