Untersuchungen und Studien Kurzsichtigkeit bei Kindern nimmt zu

Untersuchungen und Studien deuten darauf hin, dass der Anteil von Kurzsichtigkeit bei Kindern in der Pandemie zugenommen hat. Bremer Fachleute teilen diese Einschätzung.
30.09.2021, 20:49
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Von Patricia Brandt Frank Hethey

Während der Corona-Pandemie könnte sich das Sehvermögen vor allem von Kindern verschlechtert haben. Diese Vermutung wird durch Untersuchungen aus China und Hongkong untermauert. Darin ist von einem sprunghaften Anstieg der Kurzsichtigkeit die Rede. Ein Projekt in Bremen-Nord befasst sich mit diesem Thema. Dort wurden 25 von 63 Kindern, die sich an einer Augenuntersuchung beteiligt haben, als "auffällig und stark auffällig" eingestuft. Auch die Orthoptistin Marisa Gaumann vom Augenzentrum Bremen-Neustadt in der Pappelstraße bestätigt die Entwicklung. Der Anteil von Kindern mit nachgewiesener Kurzsichtigkeit habe „deutlich zugenommen“, sagt die Fachkraft für Augenheilkunde. 

Studien zu diesem Thema liegen vor allem aus Fernost vor. So ergab Medienberichten zufolge eine Untersuchung an zehn chinesischen Grundschulen, dass sich dort die Sehkraft der Sechsjährigen im Jahr 2020 um 0,3 Dioptrien verschlechtert habe. Der Anteil kurzsichtiger Kinder sei sprunghaft nach oben geschossen, heißt es weiter. Zudem liegt eine neue Studie aus Hongkong vor, der zufolge die Zahl der kurzsichtigen Kinder in der Pandemie um zehn Prozent zugenommen habe. Als mögliche Ursachen werden zu wenig Kontakt zum Sonnenlicht und steigende Bildschirmzeiten genannt.

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Marisa Gaumann schildert: Zahlreiche Kinder, die zuvor gar keine Brille gehabt hätten, benötigten jetzt eine Erstversorgung. Ihr Eindruck: „Der Anstieg könnte durchaus auf die Pandemie zurückzuführen sein.“ Ein Zusammenhang mit dem steigenden Konsum digitaler Medien liegt für Gaumann auf der Hand. Doch die zunehmende Kurzsichtigkeit will sie nicht nur dem digitalen Medienkonsum anlasten. Als Problem sieht sie vermehrte Naharbeit in Zeiten des Homeschooling an. Darunter leide die Tagessichtigkeit, das Sehen in die Ferne. „Lange Strecken sehen die Kinder nicht mehr. Darum empfehle ich immer: alle 20 Minuten rausgehen oder wenigstens aus dem Fenster gucken.“ Gaumann warnt Eltern davor, Kurzsichtigkeit auf die leichte Schulter zu nehmen. „Wenn die Augäpfel einmal zu lang sind, geht das nicht wieder zurück.“

Der Verein für visuelles und kognitives Training hat eine Untersuchung in der Gerhard-Rohlfs-Oberschule in Vegesack durchgeführt. Ergebnis: Stark auffällige Probleme beim Sehen haben rund 40 Prozent der Fünftklässler. Die Regionalstelle der Volkshochschule, die das Projekt mit Unterstützung der Bildungsbehörde betreut, formuliert deshalb eine Forderung. Die Probleme seien so groß, dass Bremer Klassen zumindest zeitweise Sehtrainer an die Seite gestellt werden sollten.

Das Augen-Screening in der Oberschule ist nicht mit regulären Sehtests gleichzusetzen. „Wir sind keine Augenärzte“, betont Mitinitiator und Schulsozialarbeiter Michaele Lapenna, „wir können keine Augenkrankheiten erkennen.“ Bei den Tests wurden insbesondere Probleme mit der Augenmotorik nachgewiesen.

Wer Probleme mit der Blicksteuerung habe, könne nicht von einem Buchstaben zum anderen springen oder in eine neue Zeile wechseln, erläutert Monika Göckel von der Volkshochschule. Dies führe dazu, dass die Schüler das Lesen meiden. „Lernen fängt aber mit den Augen an. Wenn ich keinen Text lesen kann, kann ich ihn nicht verstehen, wenn ich Zahlen nicht erkennen kann, kann ich nicht rechnen.“ Sven Munderloh vom Verein für visuelles und kognitives Training unterstreicht: „Auch die große Anzahl an Kindern, die auch bei einfachen Tests die Aufgabe nicht verstanden haben, ist gestiegen.“

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Die "Welt" hat zu den Problemen den Direktor der Augenklinik der Universitätsmedizin Mainz befragt. Norbert Pfeifer wird zitiert mit der Aussage: „Die Befunde sind nicht unerwartet, aber eben doch neu. Die Reaktion sollte sein: Kinder sollen wieder mehr draußen sein, mindestens zwei Stunden pro Tag.“

Der damalige Chefarzt der Augenklinik am Klinikum Bremen-Mitte, Erik Chankiewitz, hatte in einem Bericht des WESER-KURIER bereits im vergangenen Oktober auf die Situation aufmerksam gemacht und betont, bei Kindern und Jugendlichen nehme die Kurzsichtigkeit seit Jahren zu. „Eine große Rolle spielt seit einigen Jahren die Nutzung von Smartphones und Tablets“, sagte der Augenarzt. Beim ständigen und lang andauernden Blick aus geringer Distanz auf das Smartphone-Display müssen die Augen zu viel sogenannte Naharbeit leisten. Sie werden einseitig belastet. Bei Kindern und Jugendlichen wachse der Augapfel in die Länge und es entstehe eine irreversible Kurzsichtigkeit.

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