Gewalt gegen Rettungskräfte Prozess: Feuerwehrmann aus Bremerhaven dienstunfähig getreten

Der Feuerwehrmann wollte nur einer hilflosen Person helfen. Und wurde dafür zusammengetreten. Der Anwalt des Täters wartete vor Gericht mit einer überraschenden Erklärung für die Handlung seines Mandanten auf.
15.04.2019, 19:42
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Prozess: Feuerwehrmann aus Bremerhaven dienstunfähig getreten
Von Ralf Michel

Es sind viele Feuerwehrmänner aus Bremerhaven und Bremen zu diesem Prozess am Landgericht gekommen. Geduldig quetscht sich die lange Reihe durch die Sicherheitsschleuse, die für eine ganze Weile zum Nadelöhr wird auf ihrem Weg nach oben in den Gerichtssaal. Solidarität wollen sie zeigen. Für einen aus ihren Reihen, der bei einem Rettungseinsatz schwer verletzt wurde und bis heute dienstunfähig ist. „Man muss sich das vorstellen“, sagt einer der Wartenden. „Du fährst los, um einem Menschen zu helfen, und wirst dafür zusammengeschlagen.“

Zwei Jahre ist es her, seit der heute 38-jährige Berufsfeuerwehrmann aus Bremerhaven nach einem Notruf zusammen mit einem Kollegen im Rettungswagen ausrückte. Abends gegen 19 Uhr war eine Person gemeldet worden, die hilflos auf einer Rasenfläche im Stadtteil Leherheide lag. Der Mann, leicht unterkühlt und stark alkoholisiert, wurde medizinisch erstversorgt, sollte dann ins Krankenhaus gebracht werden. Die Lage schien im Griff, doch während der Fahrt riss sich der heute 28 Jahre alte Mann plötzlich los und verletzte den Feuerwehrmann mit mehreren Tritten schwer.

Strafrechtlich ist die Sache längst vom Tisch, geahndet mit einem Strafbefehl der Staatsanwaltschaft. Am Montag vor dem Landgericht ging es um zivilrechtliche Ansprüche, die das Opfer gegenüber dem Täter geltend macht. Da beide Seiten im Vorfeld Interesse an einer gütlichen Einigung signalisiert hatten, skizzierte der Richter zunächst zwei Wege für eine einvernehmliche Lösung: Entweder einen Vergleich mit der Zahlung eines Schmerzensgeldes, genannt wurde die Summe von „mindestens 12.500 Euro“.

Geld nur über jahrelange Raten zahlbar

Dies allerdings verbunden mit dem ausdrücklichen Hinweis darauf, dass bei dem 29-Jährigen finanzielle Grenzen bestehen und er das Geld nur über jahrelange Raten zahlen könne. Oder ein wirkliches Schuldanerkenntnis des Mannes. Wobei auch diese Variante mit einem Zusatz hätte versehen werden müssen – eine Begrenzung des Streitgegenstandes, um eventuelle Folgeansprüche für spätere weitere medizinische Behandlungen des Feuerwehrmannes auszuschließen.

Doch beide Ansätze scheiterten. Den Vergleich lehnte der Anwalt des Opfers ab. Ratenzahlungen über fünf, sechs Jahre? „Von der Abwicklung her viel zu kompliziert, das macht nur Ärger“, erklärte er. Zudem könne diese Lösung zu Problemen führen, falls sein Mandant am Ende für die Zahlung ersatzweise doch seinen Dienstherren in Anspruch nehmen müsste, also das Land Bremen.

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Das Schuldanerkenntnis wiederum lehnte der Täter ab. „Zu weitreichend“, erklärte dessen Anwalt. Selbst inklusive Begrenzung. Zudem sei sein Mandant zum Tatzeitpunkt mindestens stark alkoholisiert gewesen und es sei auch nicht ausgeschlossen, dass es sich bei den Tritten um einen epileptischen Anfall gehandelt habe. Eine Nachricht, die neu war im Gerichtssaal: Der 29-Jährige ist nach Aussage seines Anwaltes schwerstbehindert. Zu 50 Prozent, wegen Epilepsie. „Mein Mandant ist kein brutaler Täter, der Rettungssanitäter zusammenschlägt, wie hier versucht wird, darzustellen. Er ist krank.“

Gütliche Einigung gescheitert

Damit war eine gütliche Einigung am Montag gescheitert, der Prozess wird streitig weiterverhandelt. Soll heißen, beide Seiten schildern ihre Erinnerungen, es werden Zeugen gehört und mindestens zwei medizinische Gutachten eingeholt – eines zu der epileptischen Erkrankung des 29-Jährigen, eines zur Frage, inwieweit der heutige Gesundheitszustand des Feuerwehrmannes mit dem Geschehen in dem Rettungswagen zusammenhängt.

Teil eins der juristischen Aufarbeitung des Falles konnte bereits am Montag erledigt werden, die Ereignisse aus Sicht von Täter und Opfer. Erstere Version war schnell abgehandelt. Der 29-Jährige erinnert sich lediglich daran, am 10. April 2017 auf dem Heimweg gewesen zu sein und sich nicht wohlgefühlt zu haben. An alles, was dann geschah, erinnere er sich nicht, sagte sein Anwalt. Bis er später im Krankenhaus aufwachte, angeschnallt auf einem Bett.

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Ganz anders der Feuerwehrmann. Er schilderte den Rettungseinsatz detailliert, wie man sich um den hilflosen Mann gekümmert habe und den an sich friedlichen Patienten ins Krankenhaus habe bringen wollen. Doch während er auf der Fahrt das Protokoll schrieb, habe sich der 29-Jährige von seinen Gurten befreit, ihn in eine Ecke des Transporters geschubst und dann – noch auf der Trage liegend – mehrfach mit beiden Füßen auf ihn eingetreten. Erst mithilfe des Fahrers, der das Fahrzeug stoppte, sei es gelungen, den Mann wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Mehrere Rippen wurden dem Feuerwehrmann gebrochen und seine Hand verletzt. Bis heute habe er Schmerzen, erzählte der 38-Jährige. „Aber damit kann man leben. Schlimmer sind die Nächte.“ Es sind die psychischen Folgen, die ihn bis heute dienstunfähig machen. Schlechte Träume, wie er sagt. Panikattacken und Angstzustände.

Der Prozess wird am 31. Mai fortgesetzt.

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