Manga-Convention in Vegesack Rollentausch auf der Bam-Con

Alltags arbeitet Jenny aus Hamburg als Altenpflegerin. Am Wochenende ist sie in Vegesack in die Rolle des aufbrausenden Serien-Helden Bakugous geschlüpft. Wer noch auf der Bam-Con war...
24.06.2018, 18:59
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Pfeiff

Vegesack. Erst seit drei Stunden ist die als Ersatzveranstaltung für die kurzfristig abgesagte NipponCon an den Start gegangene Bremer Anime-Manga-Convention, kurz: Bam-Con, im Gange – und trotz der frühen Stunde bieten sich bereits am Eingang spektakuläre Bilder. Während noch Gruppen farbenfroher Cosplayer geduldig Einlass begehren, sprechen Polizeibeamte direkt neben ihnen erste Platzverweise für angetrunkene Gäste aus. Denen war schon am Eingang der Einlass verwehrt worden. Weitere Unruhestifter, die augenscheinlich nicht der Cosplayer-Szene angehören, werden von den Beamten sogar kurzzeitig in Gewahrsam genommen.

„So etwas passiert leider immer mal wieder auf solchen Veranstaltungen: Solche Menschen fühlen sich durch die Ansammlung bunter Gestalten offenbar magisch angezogen“, konstatiert Björn Bücking aus Emden, der als Hauptveranstalter der Convention fungiert. Er selbst ist ebenso wie seine Mitorganisatoren nicht verkleidet, den Großteil der Veranstaltung verbringt das Trio in einem etwas abgelegenen Büroraum an seinen Laptops, ist über Funk mit den überwiegend ehrenamtlichen Veranstaltungshelfern verbunden. „Diese Situation ist für Veranstalter ganz normal“, erklärt Marcus Zerwig, der ebenfalls zum Organisationsteam der NipponCon gehört und auch für die Bam-Con neben Bücking im Organisationsraum Platz genommen hat.

„Cosplay“ steht für „Custome Play“, also ein Spiel mit Verkleidungen, die im Regelfall möglichst detailliert und originalgetreu Figuren und Charakteren zumeist japanischer Zeichentrickfilme und -serien entsprechen. Für viele Besucher der Veranstaltung ist dieses Cosplay ein fester Teil ihres Lebensstils. „Mein verkörperter Charakter ist ziemlich impulsiv und aufbrausend und somit ein Gegensatz zu dem lieben Mäuschen, das ich im Berufsleben zu sein habe“, erklärt Altenpflegerin Jenny aus Hamburg, die an diesem Wochenende in die Rolle von „Bakugou“ aus der Serie „Boku No Hero Academia“ schlüpft.

Dies ist jedoch nur eins von 17 Cosplays, welche die Hamburgerin auf diversen Conventions verkörpert. Sie hat in früheren Jahren auch schon häufiger die NipponCon besucht. „Es ist super, dass in so kurzer Zeit eine solche Ersatzveranstaltung auf die Beine gestellt wurde“, befindet sie. Ihre Begleitung aus Grasberg bedauert hingegen den Wegfall des Auftritts der zunächst für die NipponCon angekündigten japanischen Gruppe „Silhouette from the Skylit“: „Die spielen jetzt heute Abend in Hamburg und ich bin hier.“

Japanische Stargäste werden jedoch wohl auch im Rahmen der „NipponCon“, die ab dem kommenden Jahr wieder regelmäßig stattfinden soll, der Vergangenheit angehören: „Durch den Auftritt einer japanischen Gruppe entstehen inklusive Flug, Unterbringung, Verpflegung und Gage mal eben Kosten im fünfstelligen Eurobereich“, erklärt Zerwig und benennt den Grund des künftigen Verzichts mit der Entwicklung der deutschen Anime-Fanszene. Zerwig: „Noch vor ein paar Jahren gab es deutschlandweit gerade einmal eine Handvoll derartiger Conventions. Da deren Anzahl jedoch gewaltig angestiegen ist, wird auch die Szene wieder regionalbezogener – die Leute reisen für einen Conventionbesuch nicht mehr quer durchs Land, da es auch im nahen Umfeld zumeist genügend Alternativen gibt. Das haben wir bei den letzten NipponCons deutlich gemerkt.“

Für Rena aus dem Emsland, die heute in der Figur der Fuchsdame „DaJi“ aus dem Computerspiel „King of Glory“ zu den Conventionbesuchern zählt, bedeutet Cosplay indes einen großen Teil ihres Lebensinhalts: „Pro Jahr besuche ich mindestens zehn Conventions“, berichtet die farbenfrohe Dame, zu deren Kleiderschrankinventar laut eigener Aussage „mindestens 60 verschiedene Cosplays“ zählen. Ihr erster Eindruck der Bam-Con ist ambivalent: „Es ist kleiner als die NipponCon, dafür ist der Tageseintritt höher.“

Die Bremer René und Dennis, die sich heute als Pokémon „Tinkercad“ und übersetzendem Nichtspielercharakter, kurz NPC, unter das bunt gekleidete Völkchen mischen, sind indes voll des Lobes für die Leistung der Organisatoren: „Für die kurze Zeit ist die Convention beeindruckend, ich hätte im Vergleich zur NipponCon nichts vermisst“. Die beiden Bremer, die sich ebenfalls in der Mittelalter- und LARP-Szene heimisch fühlen, gehören erst seit etwa einem Jahr der Cosplay-Szene an. René und Dennis bleiben bei den Convention-Besuchen ihren Rollen treu.

Die Frage nach der Motivation beantwortet Dennis entwaffnend ehrlich: „Kurz gesagt sind es die Blicke der Leute, wenn wir in unseren Kostümen irgendwo auftauchen.“ Die Hamburgerin Luci reizt hingegen vor allem das kreativhandwerkliche Element: Die acht in ihrem Besitz befindlichen Cosplays wurden allesamt in mühevoller Kleinarbeit selbst angefertigt und gestaltet. „Ich bin seit 2007 Anime-Fan und besuche mindestens fünf Conventions pro Jahr“, berichtet die Pharmazeutisch-technische Assistentin Luci in Vegesack.

Die vier Besucher stehen zudem repräsentativ für eine Entwicklung der gesamten Szene: Zog diese vor etwa zehn Jahren noch überwiegend Schüler und Auszubildende an, befinden sich eben diese heute zum Großteil im Berufsleben. Auffallend an den sonnabendlichen Besuchern der Bam-Con ist zudem ein gestiegener Anteil an Nicht-Cosplayern sowie Männern, die mit ihren Cosplays Frauencharaktere im „Lolita“-Stil verkörpern.

Die etwa 150 Organisatoren, Helfer, Aussteller, Showacts und Workshopleiter hatten angesichts der kurzfristigen Organisationsspanne ein umfassendes Programm vorbereitet. Auf allen Etagen des Gustav-Heinemann-Bürgerhauses fanden Bühnendarbietungen und diversen Workshops rund um die Themen Cosplay und Anime statt. In Karaoke- und Gamesräumen wurden auch abseits vereinzelter Themenwettbewerbe durchgehend die Möglichkeit geboten, mitzumachen. Auch ein „Anime-Kino“ zeigte durchgehend Programm. Dazu gab es einen Flohmarkt und Stände diverser Händler.

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