Schaustellerei als Familientradition Schausteller mit einem Leben ohne Heimat

Nina und Klaus Renoldi wuchsen als Schaustellerkinder in Wohnwagen, Jugendhilfeeinrichtung und Pflegefamilien auf. Heute sind sie selber Schausteller, und Klaus hat selber Kinder.
02.11.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Schausteller mit einem Leben ohne Heimat
Von Simon Wilke

Wer heute auf dem Freimarkt sein Zelt, sein Karussell oder seine Schießbude aufbaut, tut oftmals das, was bereits die Eltern und Großeltern getan haben. Schaustellerei ist Familientradition – etwas, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und die Renoldis sind da keine Ausnahme: Nina Renoldi ist 42 Jahre alt und betreibt auf dem Freimarkt die Königsalm, Klaus Renoldi, ihr Bruder, ist zwei Jahre älter und verantwortlich für das Hansezelt. Sie sind Schausteller in der sechsten Generation.

Es ist erst Mittag, doch der Betrieb in der Königsalm von Nina Renoldi nimmt langsam Fahrt auf. Sie und ihr Bruder Klaus Renoldi sitzen auf der Galerie des Festzelts, hinter ihnen wuseln Kellner, Aushilfskräfte und Handwerker umher. Die Geschwister trinken Kaffee und erzählen, wie es war, als Kinder von Schaustellern, die einen Großteil ihrer Jugend zwischen der Jugendhilfeeinrichtung „Alten Eichen“, die sie Internat nennen, Pflegefamilien und dem elterlichen Wohnwagen hin und her wechselten.

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„In einem Internat muss man schnell erwachsen werden“, sagt Klaus Renoldi, der selber Vater zweier Kinder ist. „Das will ich meinen Kindern am besten gar nicht erst zumuten.“ Deshalb gehen sie auf eine internationale Schule. Wenn er herumreist, sind sie entweder mit ihrer Mutter in Bremen oder reisen mit. „Wenn ich auf dem Oktoberfest ausstelle, gehen sie in München zur Schule. Das sind acht Wochen im Jahr. Wenn man noch die Ferien dazurechnet, haben wir schon einen großen Teil der Saison abgedeckt.“

So eine Saison dauert vom Frühjahr bis zum Jahresende. Das war schon so, als die Eltern der Renoldis noch die Festplätze beschickten. Und wenn diese sich über Deutschland, Luxemburg und Österreich verteilen, ist es alles andere als leicht, den Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen. „Wir blieben in Bremen und besuchten ein Kinder-und Schaustellerinternat“, erzählt Nina Renoldi.

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Immer wieder gab es Wechsel

Wie muss man sich die Jugend der Geschwister Renoldi vorstellen? Waren die Eltern unterwegs, lebten die beiden zunächst im Internat. Jedoch konnten die Eltern ihre Unterbringung dort bald nicht mehr finanzieren. Die Geschwister kamen bei der ersten Pflegefamilie unter. „Aber wir waren nicht nur bei einer Familie. Wir hatten alle zwei, drei Jahre einen Wechsel. Mal waren wir bei einer jungen Frau. Dann hat die sich verliebt, und wir mussten wechseln. Immer, wenn du gedacht hast, du bist angekommen und bist ein Teil der Familie, mussten wir wieder weg."

War Freimarkt oder hatte die Schaustellersaison geendet, lebten die Geschwister bei den Eltern. „Das waren völlig unterschiedliche Welten“, erinnert sich Klaus Renoldi. „Man konnte keins der Leben voll leben.“ Freundschaften und Beziehungen aufzubauen, ist schwer, wenn die Bezugspunkte ständig wechseln. Nina Renoldi: „Obwohl wir in Familien waren, in denen mehrere Pflegekinder lebten, hatten wir sehr, sehr viel Heimweh. Du fühlst dich immer als Gast, nicht zu Hause.“ Trotzdem hat sie zu ihrer letzten Pflegefamilie noch Kontakt. „Dort war ich aber auch alleine.“ Denn ihr Bruder arbeitete seit seinem 16. Lebensjahr im elterlichen Betrieb mit.

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„Ich hatte immer Lust auf Schaustellerei“, erzählt Klaus Renoldi. „Mein Vater hat mich genau drei Mal gefragt, ob ich das auch machen möchte: Mit 10, mit 13 und mit 16 Jahren.“ Und er wollte, genauso wie Schwester Nina. Denn der Zusammenhalt und das Miteinander auf der Kirmes sind groß. Und deshalb haderten sie auch nicht mit Entscheidungen ihrer Eltern. „Sie haben es nicht anders gelernt, und man gibt es so weiter, wie man es kennt“, sagt Nina Renoldi.

Als sie älter waren, setzten sie sich freitags in den Zug und fuhren über das Wochenende zu ihren Eltern. Aber nicht nur für gemeinsame Unternehmungen, „wir mussten oft mithelfen, zum Beispiel an der Kasse.“ So ergaben sich neue Freundschaften zu anderen Schaustellerkindern genauso automatisch, wie alte Freundschaften zu Schulkameraden zerbrachen. Und die jungen Renoldis lernten das Schaustellergeschäft kennen. „Wir sind so mit dem Beruf groß geworden“, sagt Klaus Renoldi.

„Man ist zu Hause, wo der Wohnwagen steht“

Und das merken sie bis heute, denn so etwas wie Heimat kennen die Renoldis nicht. Klar, sie sind in Bremen aufgewachsen und daher gibt es eine Verbundenheit zur Stadt, aber „man ist zu Hause, wo der Wohnwagen steht“, sagt Nina Renoldi. Und ihr Bruder ergänzt: „Und dort, wo meine Kinder und meine Frau sind. Man hat nicht die eine Heimat, man hat mehrere.“ Aber wohin kommt ihre Post? Dafür gibt es ein Büro in Bremen – und den Briefkasten leert meist die Nachbarin.

Und noch etwas hat sie geprägt: die Geräuschkulisse der Jahrmärkte. „Wenn ich alleine bin, läuft eigentlich immer der Fernseher, weil ich die Nebengeräusche brauche“, verrät Nina Renoldi und lacht. „Und schlafen kann ich noch immer am besten im Wohnwagen.“

Die Geschwister Renoldi sind heute Vollblutschausteller. Und mit ihren zwei Großzelten ja auch irgendwie Konkurrenten. Doch das will Nina Renoldi nicht hören: „Nenene, Familie bleibt Familie. Mir geht es gut, wenn es meinem Bruder gut geht.“ Im Gegenteil, man könne sich sogar helfen, meint Bruder Klaus. Sei es bei Verhandlungen mit dem Getränkelieferanten oder bei „Not am Mann“, wenn die beiden sich kurzfristig bei Personalmangel aushelfen können.

Und deshalb denken die beiden auch noch lange nicht ans Aufhören. „Ich werde diesen Job auch in 15 Jahren noch machen, und wenn meine Kinder sich entscheiden, den gleichen Weg zu gehen, will ich sie soweit wie es geht unterstützen,“ sagt Klaus Renoldi. Und das ist nicht weit hergeholt. Denn schon jetzt liebe es sein Sohn, beim Stapler- oder Kranfahren, auf seinem Schoß zu sitzen, verrät er. „Das könnte dann die siebte Generation werden. Und das ist schön mitzuerleben.“

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