George Stevens Sein Gesang war pure Erotik

George Stevens gehörte zu den großen Publikumslieblingen am Theater Bremen. Unfassbar sein plötzlicher Tod im Sommer 2018. Nun wurde der Bariton mit einer Gedenkveranstaltung geehrt.
27.02.2019, 14:04
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Sein Gesang war pure Erotik
Von Sigrid Schuer

„To dream the impossible dream. To reach the unreachable star“: Martin Baum, Ensemble-Mitglied des Schauspiels am Theater Bremen setzte den fulminanten Schlusspunkt eines im wahrsten Sinne des Wortes denkwürdigen und bewegenden Gedenkabends für George Stevens. Der Bariton, der von 1998 bis 2007 zu den großen Publikumslieblingen des Bremer Opernensembles zählte und 2006 den Hübner-Preis erhielt, war im August 2018 im Alter von 52 Jahren plötzlich und unerwartet in Kapstadt gestorben. Für alle, die ihn kannten und schätzten, unfassbar. Ein großes Porträt-Foto von George Stevens nebst einer Kondolenz-Liste lag seitdem im Foyer des Theaters am Goetheplatz aus. Simone Sterr, Chefdramaturgin des Theaters Bremen und Ursula van den Busch, Vorsitzende des Vereins „Bremer Theaterfreunde“ widmeten dem fantastischen Sängerdarsteller und wunderbaren Menschen ein „Theatertreffen Spezial“ im „noon“, dem Foyer des Kleinen Hauses. Und wurden von den Fans des unvergessenen südafrikanischen Baritons förmlich überrannt. Das „noon“ war überfüllt. Die Stars des Theaters Bremen erwiesen dem Verstorbenen mit ihren musikalischen Lieblingsstücken ihre Reverenz. Auf der Bühne wurden dazu Szenen aus den 29 Partien, die er während seiner Bremer Zeit verkörpert hatte, eingeblendet.

„To dream the impossible dream. To reach the unreachable star“, das, was Don Quichotte in dem Musical „The man of la Mancha“ besingt, klingt wie eine Skizze aus George Stevens‘ Biografie. 1966 in Kapstadt geboren, träumte er den unmöglichen Traum und erreichte schließlich doch seinen unerreichbaren Stern. Stevens entwickelte sich zu einem genialen Sängerdarsteller mit einer Jahrhundertstimme. 1992, zwei Jahre vor dem Ende der Apartheid, war das in Südafrika alles andere als selbstverständlich. Daran erinnerte Ralf Waldschmidt, langjähriger leitender Musikdramaturg und Chefdramaturg des Theaters Bremen, in seiner Würdigung: „Coloured people durften damals in Südafrika lediglich als Bühnentechniker, allenfalls als Chorsänger arbeiten. Und genau das machte George damals“. Die Chance des jungen Baritons sollte kommen, als an der Capetown-Opera einer der Protagonisten in Rossinis „Der Türke in Italien“ ausfiel und Stevens einspringen konnte, da er, opernbegeistert wie er war, die Partie schon längst „drauf“ hatte, wie Guido Gallmann, der Moderator des Gedenkabends, erzählte.

Über Nacht berühmt

Die Aufführung wurde landesweit im Fernsehen übertragen. Über Nacht wurde das junge Talent berühmt. Nach einem Studium in Wien bei Kammersänger Josef Metternich holten ihn schließlich der damalige Generalintendant Klaus Pierwoß und Generalmusikdirektor Günter Neuhold ans Bremer Theater. Bremen sollte zu seiner künstlerischen und menschlichen Heimat werden, wie Ralf Waldschmidt, mit dem der Sänger vier Jahre lang zusammenarbeitete, betonte. Waldschmidt, inzwischen Intendant des Theaters Osnabrück, engagierte den Bariton auch, als er noch Operndirektor in Augsburg war. Und auch hier war es wie überall, wo er auftrat: Das Publikum jubelte ihm zu. „Sein Gesang war pure Erotik und er kam direkt aus der Seele!“ betonte Waldschmidt und fügte hinzu: „Er berührte die Menschen mit seiner edlen, sehr männlich timbrierten Stimme, seiner Darstellungskraft und der Menschlichkeit seiner unverwechselbaren Persönlichkeit“. George Stevens zeigte, was singen bedeuten konnte.

„Er war einfach der ‚Rigoletto‘ in Andrej Worons Inszenierung der gleichnamigen Verdi-Oper“, so Ralf Waldschmidt. Er sei mit seiner Präsenz und seiner Erdung das Kraftzentrum eines Ensembles gewesen, das sich gegenseitig befruchtet habe. „George sang mit einer Inbrunst und Intensität, wie ich sie selten erlebt habe“, betonte der Osnabrücker Intendant. Ein Ensemble, das sich in Inszenierungen von Philipp Himmelmann, Konstanze Lauterbach, Christof Loy und David Mouchtar-Samorai beim Publikum Kult-Status ersang. Und noch eines hob Waldschmidt hervor:“George Stevens hat sich zwar auf Regisseure eingelassen, sich ihnen aber nicht bedingungslos ausgeliefert. Er ist immer er selbst geblieben und hat eine eigene Haltung gegenüber radikalen Regie-Konzepten gewahrt, die wichtig ist“. Er selbst verfolge nach wie vor die Entwicklungen am Bremer Musiktheater mit viel Interesse und zuweilen auch durchaus mit Widerspruch, resümierte der Osnabrücker Intendant.

In den Mühlen des Intendantenwechsels

Ralf Waldschmidt verschwieg aber auch nicht den Bruch, die Zäsur in Stevens‘ Karriere, als der Bariton in die Mühlen des Intendantenwechsels geriet. Der Pierwoß-Nachfolger Hans-Joachim Frey verlängerte ihm wie aus dem Nichts heraus nicht mehr den Vertrag. Das wurde seitens des Publikums mit großem Unverständnis und Empörung quittiert. Es erstritt seine temporäre Rückkehr als Gast, unter anderem als brutaler Polizeichef Scarpia in Puccinis „Tosca“. Die Gründe für den Affront sickerten später durch: Stevens war mit seiner großen Erfahrung Hans-Joachim Frey schlichtweg zu teuer im Vergleich mit den Berufsanfängern aus dem Opernstudio. Ironie des Schicksals: Kurz vor seinem plötzlichen Tod hatte er schon einen Vorsing-Termin mit Bremens neuem, jungen Generalmusikdirektor Yoel Gamzou vereinbart. Umso bedauerlicher, dass es Gamzous Zeitplan offenbar nicht zuließ, an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen.

George Stevens zog es also aus Südafrika zurück nach Bremen. Und noch einmal Ironie des Schicksals: Er war so fest in das Bremer Opernensemble eingebunden, dass er Einspringer-Anfragen großer, internationaler Opernhäuser nicht wahrnehmen konnte, so 2003 von der Bastille-Oper in Paris. In Kapstadt gab er an der dortigen Universität als Professor seinen großen Erfahrungsschatz an die Gesangsstudierenden weiter. Ein Gänsehaut-Moment des Abends: Die Video-Einspielungen aus der Oper in Kapstadt. Beispielsweise die des Giorgio Germont aus der Verdi-Oper „La Traviata“. Die Partie des engstirnigen Vaters verkörperte George Stevens wie unzählige andere auch in Bremen, an der Seite von Luis Olivares Sandoval. Der chilenische Tenor sang für seinen verstorbenen Kollegen mit edlem Timbre ein bewegendes „Caro mio ben“.

Mit Tränen in den Augen

Nadine Lehner, inzwischen zur hochdramatischen Wagner- und Beethoven-Interpretin gereift, sang für George, „ihren“ Figaro in Mozarts „Hochzeit des Figaro“, mit Tränen in den Augen eine wunderbar poetische und immer noch mozarteske „Rosenarie“. Gabriele Möller-Lukascz, neben Martin Baum eines der großen Gesangstalente im Schauspiel-Ensemble, widmete ihm Lenaus „Zigeunerlieder“. Ein Ensemble der Bremer Philharmoniker spielte zu Beginn des Abends das am Ende leise verlöschende Streichquartett in F-Dur von Anton Bruckner für den Verstorbenen. Von Kammersängerin Eva Gilhofer, mit der Stevens in Christof Loys Inszenierung von Tschaikowskijs „Pique Dame“ auf der Bühne gestanden hatte, kam aus Wien eine Würdigung per Grußadresse. Antonio Stella, von Haus aus eigentlich Tänzer, sang mit aufgerauter, markanter Stimme, begleitet von Angelika Riedel an der Gitarre, neapolitanische Kanzonen wie „Passione“ (Leidenschaft). Dort heißt es: „Ich denke an Dich!“

Und noch einmal Kapstadt: George Stevens verkörperte dort geradezu beängstigend den Jago, den diabolischen Gegenspieler des „Otello“, des Titelhelden in Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper. Auch das wurde in einer Video-Einspielung gezeigt, in der Stevens das Glaubensbekenntnis „Credo“ sang, das mit dem Satz ausklingt: „La morte è nulla!“ Ja, der Tod ist nichts, denn die Erinnerung an George Stevens‘ künstlerisches Vermächtnis ist stärker als der Tod. Das nach ihm benannte Opernstipendium für sozial benachteiligte Gesangstalente soll nun in Südafrika dazu beitragen, dass auch für sie der unmögliche Traum wahr wird. Das ist nicht zuletzt das Herzensanliegen seiner Witwe Zoe Stevens. Es ist bereits viel Geld zusammengekommen. Weitere Spenden nehmen unter anderem die „Theaterfreunde Bremen“ gern entgegen.

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