Interview "Seit September haben wir 257 Autos sichergestellt"

Die Hamburger Polizei geht mit der Kontrollgruppe "Autoposer" gegen Fahrer vor, die zu laut und zu schnell unterwegs sind. Voller Erfolg, sagt Polizeioberkommissarin Janina von Keßinger.
14.07.2018, 18:44
Lesedauer: 4 Min
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Von Sabine Doll

Welche Autofahrer hat die Kontrollgruppe "Autoposer" der Hamburger Polizei im Visier?

Janina von Keßinger : Wir kontrollieren Fahrer, die durch Lautstärke und auffälliges Fahrverhalten, also beispielsweise durch deutlich zu schnelles Fahren, auf sich aufmerksam machen. Wir formulieren das immer so: Das ist jeder, der sich durch sein Fahrverhalten für eine Kontrolle selbst qualifiziert.

Ist die Poser- und Raserszene in Hamburg besonders groß?

Von einer bestimmten Szene oder Gruppe kann man nicht sprechen: Die Fahrer, die wir kontrollieren, kommen mittlerweile aus allen gesellschaftlichen Schichten. Die Hauptgruppe sind allerdings junge Männer zwischen 20 und 35 Jahre mit Migrationshintergrund. Wir glauben auch nicht, dass die Gruppe der Autoposer und -raser viel größer geworden ist, vielmehr war der Kontrolldruck in den vergangenen Jahren nicht groß. Die Gesetzeslage hat sich im Grunde auch nicht geändert, es sind jetzt nur Polizeibeamte da, die sich intensiv darum kümmern.

Das heißt: Diese Beamten der Hamburger Polizei sind dafür explizit abgestellt und technisch geschult, um technische Veränderungen an Fahrzeugen erkennen zu können?

Ja, genau. Die Kontrollgruppe gibt es seit September 2017. Sie setzt sich aus zehn Beamten zusammen, die effektiv auf der Straße arbeiten. Drei weitere Kollegen führen die Ermittlungen im Büro weiter. Um möglichst effektiv zu sein, sind wir in Zivilfahrzeugen mit Videoausstattung unterwegs. Wir versuchen, täglich auf der Straße zu kontrollieren; die arbeitsintensivsten Zeiten sind abends, nachts und die Wochenenden. Allerdings sind auch schon morgens im Berufsverkehr auffällige Fahrzeuge unterwegs. Das Angebot für uns ist riesig – was Uhrzeiten und Orte betrifft. Posen und Rasen gehören sehr oft zusammen, deshalb hat die Kontrollgruppe auch aggressives Fahrverhalten und illegale Rennen im Blick und leitet entsprechende Ermittlungen ein.

Und dann gibt es illegale Manipulationen, mit denen beim Sound nachgeholfen wird – was stellen Sie besonders häufig fest?

In den meisten Fällen sind dies technische Veränderungen wie der Ausbau von Mittelschalldämpfern oder nicht zugelassene Anlagen. Werden Teile der Auspuffanlage entfernt, damit das Auto extrem laut ist, führt das zum Erlöschen der Betriebserlaubnis. Dann gibt es nicht eingetragene Tieferlegungen, illegales Motortuning, Rad-Reifen-Kombinationen ohne Zulässigkeit und Steuergeräte, mit denen der Auspuff-Sound laut und leise gestellt werden kann, das sogar per Handy. Dazu können noch andere Veränderungen am Fahrzeug vorgenommen werden, jede Veränderung muss aber abgenommen und im Fahrzeugschein eingetragen sein. Das ist oft eben nicht der Fall – weil sie illegal sind und die Auflagen nicht eingehalten werden.

Wenn es den Verdacht gibt, dass ein Fahrzeug deutlich lauter als erlaubt ist, wie wird das festgestellt?

Erstens haben die Kollegen inzwischen viel Erfahrung und ein sehr gutes Gehör dafür entwickelt, was eine Durchschnittslautstärke ist und was eben nicht mehr. Außerdem führen wir bei entsprechenden Verdachtslagen Lärmmessungen mit einem Schallpegelmessgerät an dem Fahrzeug durch. Und wir legen uns natürlich auch unter das Auto, um beispielsweise nach aktiven Manipulationen, etwa an der Auspuffanlage oder anderen Teilen zu suchen.

Was erwartet die Fahrer an Sanktionen, wenn sie erwischt werden?

Das kann zum Erlöschen der Betriebserlaubnis führen, und da sind wir nicht zimperlich. Das Fahrzeug wird abgeschleppt und kommt in den Gewahrsam der Polizei. Wie bei anderen Taten auch wird damit das Beweismittel gesichert, damit es nicht mehr verändert werden kann. Und nach dieser Sicherstellung wird es von einem Gutachter gerichtssicher geprüft, damit wir die Ordnungswidrigkeit ahnden können. Für die Fahrer ist das ein sehr kostspieliges Verfahren, die meisten Kosten entstehen allerdings durch die Sicherstellung. Die Kosten für die Sicherstellung, den Gutachter und die Verwahrkosten können sich auf bis zu 900 Euro belaufen. Daneben sind noch das Bußgeld und Punkte in Flensburg fällig.

Sind es immer die aufgemotzten PS-Protze, die der Kontrollgruppe wegen Lautstärke und Raserei auffallen?

Man muss zwischen zwei Fahrzeug-Gruppen unterscheiden: Da sind zum einen sehr hochwertige Fahrzeuge, die schon aufgrund ihrer Bauart sehr auffällig und laut sind. Die dann aber in einer Art gefahren werden – also etwa mit Gasstößen an der roten Ampel –, um das Fahrzeug noch effektiver in Szene zu setzen. Die andere Gruppe sind oft Durchschnittsfahrzeuge, die getunt und technisch modifiziert sind. Manchmal sollen sie auch etwas darstellen, was sie nicht sind: War das früher etwa ein GTI-Aufkleber, sind es heute AMG-Embleme von dem hauseigenen Mercedes-Tuner. Da wird dann häufig nachgeholfen, um das Fahrzeug so klingen zu lassen, als hätte es eine teure Auspuffanlage oder anderes.

Seit gut zehn Monaten gibt es nun die Kontrollgruppe, wie fällt die Bilanz aus?

Insgesamt wurden 2481 Fahrzeuge seit September vergangenen Jahres überprüft, von denen 257 Autos sichergestellt wurden. In 582 Fällen war die Betriebserlaubnis zwar erloschen – eine Sicherstellung dieser Autos war aber nicht erforderlich. Unterm Strich heißt das: Bei 839 Autos war die Betriebserlaubnis wegen illegaler Manipulationen erloschen. Dazu kommen oft noch Begleitstraftaten wie Fahren ohne Fahrerlaubnis oder unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln und Alkohol. Über 90 Ordnungswidrigkeitsverfahren wurden wegen überhöhter Geschwindigkeit eingeleitet, über 80 davon mit Fahrverbot. In 230 Fällen wurden übrigens Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen unzulässigen Lärms eingeleitet.

Und die Fahrer, wie reagieren sie, wenn sie mit ihren lauten und oft eben illegal manipulierten Auto erwischt werden?

Meine Wahrnehmung ist: Im Erstkontakt treten sie oft sehr selbstsicher auf, weil sie es gewohnt sind, dass die Polizei ihr Auto anguckt – sie aber bislang die Reaktion hatten, dass sie ohne Sanktionen weiterfahren konnten. Jetzt treffen sie auf Beamte, die Zusammenhänge zwischen technischen Manipulationen, Fahrverhalten und -geräusch nachvollziehen können. Und dann realisieren sie jetzt: „Oh, da bin ich an den Falschen geraten“. Die ersten Sätze sind meist: „Hab‘ ich so gekauft, ist alles eingetragen“. Würden wir jedes Mal fünf Euro für diesen Satz bekommen, müssten wir nicht mehr rausfahren. Am Ende ist in den meisten Fällen Akzeptanz da. Unsere Erfahrung ist auch, dass sich viele dieser jungen Männer kennen und untereinander vernetzt sind – das spricht sich rum. Allein schon aus diesem Grund ist die Kontrollgruppe ein großer Erfolg.

Die Fragen stellte Sabine Doll.

Info

Zur Person

Janina von Keßinger ist stellvertretende Leiterin der Kontrollgruppe „Autoposer“. Seit 2014 ist die 37-Jährige Polizeioberkommissarin bei der Hamburger Polizei.

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