„Junge Wilde“ im Übersee-Museum

Ausstellung in Bremen: Blick in die Kinderstube der Tiere

Ziemlich niedlich und dabei so vielen Gefahren ausgesetzt: Die Sonderausstellung „Junge Wilde“ im Übersee-Museum Bremen zeigt bis zum 11. April, wie Tierbabys erwachsen werden.
22.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Ausstellung in Bremen: Blick in die Kinderstube der Tiere
Von Sigrid Schuer
Ausstellung in Bremen: Blick in die Kinderstube der Tiere

Michael Stiller ist Kurator der Ausstellung und Leiter der Abteilung Naturkunde im Bremer Übersee-Museum.

Christina Kuhaupt

Aua! Der Start ins Leben kann mitunter ganz schön brutal sein. Da plumpsen und purzeln die Küken der Nonnengänse kopfüber eine Steilwand herunter und rappeln sich anschließend tapfer wieder auf. So zu sehen in einem Film, der im Rahmen der Sonderausstellung „Junge Wilde – Tierisch erwachsen werden“ im Übersee-Museum gezeigt wird. Die Schau läuft ab Sonnabend, 24. Oktober, bis zum 11. April 2021.

Michael Stiller, Kurator und seit 2012 Leiter der Naturkunde-Abteilung des Museums, ist selbst ganz perplex, dass sich die Küken bei ihrem Sturz nichts tun. Wahrscheinlich wären die Flaumbälle so gut gepolstert und flexibel, dass ihnen nichts passieren würde, mutmaßt der promovierte Biologe. Weshalb Mutter und Vater Nonnengans ihren Nachwuchs ausgerechnet an Steilwänden in Grönland oder auf Gotland aus dem Ei schlüpfen lassen? „Ganz einfach, sie wollen vermeiden, dass sie Opfer von Raubvögeln oder Polarfüchsen werden“, sagt Stiller. Für die meisten Tiereltern als auch -kinder sei die Zeit der Reproduktion und Brut wohl die herausforderndste ihres Lebens.

„Junge Wilde“ - Ausstellung im Übersee-Museum

Schimpansen-Junge sind gelehrige Schüler ihrer Mütter, hier eines von vielen Präparaten aus dem Übersee-Museum.

Foto: Christina Kuhaupt

Eisbären in eigener Chill-out-Zone

Nonnengänse gehören zu den Nestflüchtern, genauso wie Straußenküken, die ihr Nest schon nach drei Tagen verlassen. Zu den Nesthockern zählen Eisbären, eine der größten an Land lebenden Raubtier-Spezies. Sie machen es sich in ihrer eigenen Chill-out-Zone, also ihrer Höhle, bequem und wachsen dort ganz gemütlich und umsorgt heran.

Andere Tierbabys haben es weniger komfortabel. Der Start ins Tierleben ist für kleine Meeresschildkröten mit ihren weichen Panzern nicht minder gefährlich wie für die Nonnengans-Küken. Ihre Überlebenschance ist allerdings ungleich geringer. Das Gelege einer Meeresschildkröte umfasst rund 100 Eier. Nach der Ablage am Strand bleiben sie sich jedoch selbst überlassen und sind, schutzlos, ein gefundenes Fressen für andere Tiere. Nur eine von 1000 geschlüpften Mini-Meeresschildkröten erreicht überhaupt das Erwachsenenalter und hat die Chance, eigene Nachkommen in die Welt zu setzen.

Skorpione als Mahlzeit für Erdmännchen

Und auch die Erdmännchen, das ist in einem weiteren Film zu sehen, haben im Wüstensand so manche Mutprobe zu bestehen. Unter Erdmännchen gelten die giftigen Skorpione als Leckerbissen. Die Jungen bekommen von den Älteren gezeigt, wie sie sie am besten knacken können. Damit nicht gleich die erste Mahlzeit tödlich endet, entfernen die Erdmännchen-Eltern erst einmal den giftigen Skorpion-Stachel. Gefährlich lebt auch der Nachwuchs der Siedlerwebervögel in Afrika. In der Ausstellung klebt an einer Wand ein riesiges Gemeinschaftswerk, das viele Vögel erschaffen haben. „Manchmal wird es allerdings so schwer, dass es einfach abstürzt“, sagt Stiller. Dazu ist noch eine Vielzahl von kunstvollen Nestern zu sehen, die sowohl Vögel als auch Insekten für die Aufzucht ihres Nachwuchses bauen.

Lesen Sie auch

Der Klimawandel und die Ausbeutung der Natur durch den Menschen spiele eine große Rolle bei der Bedrohung des tierischen Erwachsenwerdens, betont Michael Stiller. Dass der natürliche Lebensraum der Eisbären bedroht ist, habe sich inzwischen herumgesprochen. Dass aber solch filigranen Wesen wie die Libellen wegen des Verschwindens von Feuchtbiotopen große Probleme mit der Aufzucht ihres Nachwuchses haben, sei dagegen kaum bekannt. „In den letzten 50 Jahren sind unglaublich viele Arten verschwunden“, sagt der Kurator. Zunehmend Probleme bekämen auch Vögel, die wegen der milden Spätwintertemperaturen zu früh zu brüten begännen und dann von unkalkulierbaren Wetterphänomen wie Starkregen hinweg gefegt werden würden.

Auch eine 14 Meter lange Tierkarawane ist zu bestaunen

Ein Hingucker in der Sonderschau ist die rund 14 Meter lange Tierkarawane, die zeigt, wie lange es dauert, bis Tiere biologisch geschlechtsreif werden. Sie besteht aus verschiedenen Tierpräparaten und Modellen. Der Methusalem unter den 59 verschiedenen Tierarten ist der in einer Grafik dargestellte Grönlandhai. Er lebt in den arktischen Gewässern des Nordatlantiks und kann bis zu 500 Jahre alt werden. Erst mit 150 Jahren wird er geschlechtsreif.

Fast alle der 200 Exponate in der Sonderausstellung stammen aus dem Übersee-Museum selbst und sind teils Jahrzehnte alt. Eine der wenigen Leihgaben ist der kleine Elefant, der mit sieben Monaten im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff ums Leben kam. „Wahrscheinlich vor Schreck“, mutmaßt Stiller. Er ist eine Leihgabe aus dem Naturkunde-Museum Salzburg.

Info

Zur Sache

Junge Wilde

Die Sonderausstellung „Junge Wilde – Tierisch erwachsen werden“ ist von Sonnabend, 24. Oktober, bis zum 11. April 2021 im Übersee-Museum (Bahnhofsplatz 13) zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr, Sonnabend und Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Ab Sonntag, 25. Oktober, bis 18 Uhr geöffnet. Eintrittspreise: Erwachsene 7,50 Euro, Kinder bis sechs Jahre frei, große Familienkarte 15 Euro, kleine Familienkarte 7,50 Euro. In der Ausstellung ist das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung zwingend erforderlich. Der Besuch ist auf 70 Menschen gleichzeitig limitiert. Die Ausstellung wird von einem bunten Rahmenprogramm für alle Altersgruppen begleitet. Es gibt verschiedene interaktive Stationen, die spielendes Lernen ermöglichen sollen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+