Interview zur Frauen-WM in Frankreich „Frauen und Fußball passt für viele nicht“

Zwei Trainerinnen über die Akzeptanz in einer Männer-Domäne und was sich in Bremen ändern muss
20.06.2019, 21:44
Lesedauer: 5 Min
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„Frauen und Fußball passt für viele nicht“
Von Mathias Sonnenberg

Die Frauen-WM in Frankreich läuft seit knapp zwei Wochen. Sind Sie mit der Berichterstattung zufrieden?

Angela Franke: Doch, das ist schon okay. Schade ist nur, dass man die richtig guten Spiele, mit Ausnahme der deutschen Spiele natürlich, meist nicht sehen kann, die werden ja nur im Internet gezeigt.

Petra Gerbode: Ich finde es immer noch zu wenig, jetzt kommt auch noch die U 21 als Konkurrenz dazu. Aber auch in den Tageszeitungen wird mir noch zu wenig berichtet. Die Männer zum Beispiel werden immer benotet in den Spielen, die Frauen nie. Verstehe ich nicht. Frauen können mit Kritik genauso gut umgehen wie Männer.

Franke: Meiner Meinung nach wird es immer so sein, dass die Frauen im Fußball hinterherhängen, eigentlich in fast allen Bereichen, leider Gottes.

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Man darf aber auch nicht verschweigen, dass der Männer-Fußball insgesamt viel mehr Zuschauer auf sich vereint und dort auch viel mehr Geld verdient wird. Zum Beispiel hatten die Zweitliga-Handballerinnen von Werder mehr Zuschauer als die Bundesliga-Fußballerinnen.

Gerbode: Das mag stimmen, aber ich glaube: Je mehr Werbung wir für den Frauen-Fußball machen, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt er, das bedingt sich doch. Für den Frauen-Fußball in Bremen bleibt doch wenig Raum und für den Mädchen-Fußball eigentlich gar nichts.

Die Kritik an den Medien mag berechtigt sein. Es dauert aber auch sehr lange, bis ich beim Bremer Fußball-Verband eine Frau in einer Funktion finde.

Gerbode: Das haben wir hier gerade aufgeschrieben: Fünf Männer im Präsidium, keine Frau. Im Vorstand zehn Männer, keine Frau. Im Beirat 14 Männer, eine Frau. Im Vorstand Bremen-Stadt fünf Männer, keine Frau. Von 35 möglichen Posten ist also genau ein Posten mit einer Frau besetzt.

Will der Fußball-Verband keine Frauen? Oder wollen die Frauen nicht?

Franke: Der Verband arbeitet daran, dass Frauen in Funktionen kommen, das muss man anerkennen. Aber natürlich ist das noch immer zu wenig. Wir haben schon viele Frauen, die das könnten, aber die haben auch viel zu tun mit dem Job, der Versorgung der Kinder und Familie, da bleibt nicht viel Zeit. So ein Posten ist auch sehr zeitaufwendig.

Gerbode: Hier in Bremen gibt es ja gerade eine Fortbildung für Frauen in Führungspositionen, initiiert vom DFB. Da sind neun Frauen dabei und das ist eine der besten Fortbildungen, die ich jemals gemacht habe, richtig, richtig gut.

Haben Frauen grundsätzlich zu wenig Ambitionen auf Funktionärsposten?

Franke: Das glaube ich nicht, aber manchmal werden wir Frauen einfach vergessen.

Gerbode: Fußball ist eben traditionell eine Männer-Domäne. In diese Seilschaften reinzukommen, das ist echt schwer, das sehe ich als Trainerin ja jetzt in unserem Verein. Die Männer kennen sich seit 40 Jahren und haben schon in der E-Jugend zusammengespielt. In dieses Geflecht zu kommen und eine Akzeptanz zu finden, ist noch schwerer. Es ist ja auch auffällig, dass fast nur Männer Frauen-Teams trainieren.

Woran liegt das?

Franke: Gute Frage, wahrscheinlich, weil es immer so war.

Gerbode: Weil Frauen und Fußball für viele noch immer nicht zusammenpassen. Sieht blöd aus, ist langsam, das sind doch die üblichen Vorurteile. Beim Handball ist das anders, da sind die Frauen viel akzeptierter, schon seit langer Zeit. Auch beim Turnen, Schwimmen, Leichtathletik. Aber Fußball? Ist doch sehr konservativ das alles.

Franke: Es wird ja viel getan, damit wir endlich mal Licht am Ende des Tunnels im Frauenfußball sehen. Aber es gibt auch viele Frauen, die sich einen Trainerposten nicht zutrauen. Weil Fußball ja nicht mehr trainiert, sondern gelehrt wird. Das mag einige Frauen abschrecken. Da wäre es gut, diese Frauen zu unterstützen in ihrem Wunsch, Trainerin zu werden und zu zeigen, wie man anfangen kann.

Gerbode: Aber im Mädchen-Fußball musst du ja Fußball nicht studiert haben, um als Trainerin zu arbeiten. Da musst du Begeisterung schaffen. Aber ich erlebe es auch, dass Frauen, die die Trainerausbildung machen, dann lieber Jungs als Mädels trainieren wollen. Das ist schade, weil wir bei den Mädchen dringend Trainer brauchen.

Wie steht es denn um den Nachwuchs im Mädchenfußball?

Franke: Es könnte besser sein. Es mangelt nicht am Interesse, ich erlebe immer wieder, dass Mädchen Lust auf Fußball haben. Aber das spiegelt sich nicht immer in den Ligen wider.

Gerbode: Die jüngsten Mädchen-Mannschaften in Bremen haben wir in der E-Jugend, da gibt es eine Liga, die aus vier Mannschaften besteht. Ich wiederhole: vier Vereine! In der D-Jugend waren es drei Vereine. Das ist natürlich viel zu wenig.

Franke: Jetzt werden es aber sieben Mannschaften. Und wir werden sogar eine E-Jugend-Liga für Mädchen haben. Das Potenzial steigt auf jeden Fall, wir werden mit Sicherheit eine D-Juniorinnen-Liga melden. Bei den B-Juniorinnen werden wir sogar neun Mannschaften haben, das ist eine Steigerung. Unser Problem ist: Wenn wir keine Liga melden können, wandern die Vereine nach Niedersachsen ab.

Gerbode: Anders als bei den Jungs ist Fußball bei den Mädchen ein Sport des Bildungsbürgertums. Ich würde mir noch mehr Mädchen mit Migrationshintergrund wünschen, aber das ist nicht leicht im Sport. Da geht uns so viel Potenzial verloren.

Ist der Abstieg von Werder aus der Frauen-Bundesliga ein Problem?

Gerbode: Das ist megaschade. Hinzu kommt noch, dass Schwachhausen aus der Regionalliga abgestiegen und Buntentor in der Relegation gescheitert ist.

Franke: Ja, das ist sportlich schon ein bitteres Jahr für uns.

Gerbode: Aber ich würde mir sowieso eine größere Präsenz des Frauen-Fußballs wünschen. Man muss schon sehr gut recherchieren, um ein Spiel im Fernsehen zu finden. Aber das gilt eigentlich auch für die Homepage des Bremer Fußball-Verbandes. Wenn man da Mädchen- oder Frauen-Fußball sucht ...

Franke: ...dann ist das sehr anstrengend, ich weiß.

Gerbode: Das dauert echt lange, bis man da Infos findet. Ich wünsche mir, dass da der Mädchenfußball noch sichtbarer wird und sich nicht versteckt.

Dann müssen Sie auf der nächsten Vorstandssitzung sagen, dass sich das ändern muss. Oder noch besser: Sie kandidieren für eine Funktion im Verband.

Gerbode: Das schaffe ich zeitlich derzeit nicht mit meinem Beruf und dem Trainer-Job.

Franke: Und mein Problem ist, dass ich mehr Praktiker und weniger Theoretiker bin. Diese ganzen Paragrafen, das bin nicht ich. Ich muss raus auf die Plätze.

Das Gespräch führte Mathias Sonnenberg.

Info

Zur Person

Angela Franke kommt aus einer Fußballer-Familie und hat bei BTS Neustadt 1979 eine Frauenmannschaft gegründet. Heute sitzt sie im Frauen-Ausschuss des Bremer Fußball-Verbandes und ist Staffelleiterin.

Petra Gerbode kam über ihre Tochter zum Fußball. Sie trainiert bei ATS Buntentor zwei Mädchen-Teams, ist Koordinatorin Mädchenfußball und Teilnehmerin am Leadership-Programm des Bremer Fußball-Verbandes.

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Zur Sache

Frauen in Führungspositionen

BFV-Präsident Björn Fecker hat seinen Verband aufgerüttelt: „Unser Ehrenamtler ist im Schnitt über 50, weiß und männlich.“ Fakt ist: Im Bremer Fußball spielen Frauen in Funktionen keine Rolle. Damit sich das ändert, hat der Verband ein Leadership-Programm aufgelegt: „Vielfalt in Gremien – Frauen im Fußball“.

Dort werden seit Jahresbeginn neun ehrenamtlich tätige Frauen für die Übernahme von Führungsaufgaben in Vereinen vorbereitet, motiviert und qualifiziert. Wer Lust auf Mädchenfußball hat, kann am 22. und 23. Juni die norddeutschen Meisterschaften der U 12-Mädchen schauen. Gespielt wird auf dem Stadtwerder. Am 29. und 30. Juni veranstaltet der ATS Buntentor ein großes Girls-Camp mit E- bis C-Jugend-Mannschaften aus dem In- und Ausland.

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