Schwimmen

„Bremer-Bäder tritt als Monopolist auf“

Immer mehr Nichtschwimmer – laut Sportkoordinator Harald Wolf liegt es vor allem daran, dass Vereine an den Rand gedrängt werden. Das Konzept in Bremen halte er für verfehlt, sagt er im WK-Interview.
16.07.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Bremer-Bäder tritt als Monopolist auf“
Von Olaf Dorow
„Bremer-Bäder tritt als Monopolist auf“

Sicher schwimmende Kinder, hier aufgenommen in einem Bad in Hannover. Der Bremer Sport- und Schwimm-Funktionär Harald Wolf hält das Konzept zum Schwimmen-Lernen in Bremen für verfehlt. "So schlecht wie noch nie" sei der Ist-Zustand.

Silas Stein/dpa

Alle wollen, dass Kinder sicher schwimmen können. Ist Bremen da auf einem guten Weg?

Harald Wolf: Nein, das glaube ich nicht. Bremen ist da im Moment nicht gut aufgestellt. Zumindest, was das Konzept mit Schwerpunkt Grundschüler angeht. Da gibt es großen Nachholbedarf.

Was gilt es zu verbessern?

Bremer-Bäder (die städtische Gesellschaft Bremer Bäder GmbH, hier jeweil kurz Bremer-Bäder genannt, die Redaktion) hat die Aufgabe, Stadtteibäder vorzuhalten. Die Vereine sollen dort befähigt werden, Schwimm-Ausbildung zu betreiben. In erster Linie für Grundschüler von Klasse zwei bis vier. Bremenweit sind das knapp 11 000 Schüler. Davon können derzeit rund 6000 nicht sicher schwimmen. . .

. . . Moment: Mehr als die Hälfte kann nicht richtig schwimmen?

Ja.

Was daran liegt, dass Bremer-Bäder zu wenig Kapazitäten anbietet?

Eher an einem Verdrängungsmechanismus. Die Vereine können dadurch gar nicht so viel ausbilden, wie notwendig wäre. Bremer-Bäder geht als Monopolist mit ihren Kursen in die Prime-Time. Vereine werden an die Randzeiten gedängt. Das beobachte ich zum Beispiel hier im Stadtteil Hemelingen ganz besonders. Der SV Hemelingen und der ATSV Sebaldsbrück haben da kaum Zeiten, die attraktiv sind.

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Also, ein Grundschüler will über einen Verein schwimmen lernen. Er könnte das dann nur spät abends machen?

Wenn Bremer-Bäder dem Verein da Wasserzeiten gibt, ja. Ansonsten wird sehr viel für die Öffentlichkeit beziehungsweise das eigene Kurssystem belegt. Meine Wahrnehmung ist: Die Vereine werden mehr und mehr aus den Stadtteilbädern herausgedrängt. Am Ende könnte dann nur noch Bremer-Bäder ein Kursangebot etablieren.

Das dann deutlich teurer wäre?

Ja. Es ist erheblich teurer als ein Anfängerkurs in einem Verein. Schätzungsweise fast doppelt so teuer.

Sie halten das Gesamtkonzept zum Schwimmenlernen für verfehlt?

Wenn nicht alle ein solches Kursangebot wahrnehmen können, weil es zu teuer ist, und wenn die Vereine ihre Struktur nicht bedienen können: Dann ist das für mich erst einmal verfehlt. Dann befinden sich die Partner, die den Kindern schwimmen beibringen wollen, nicht auf Augenhöhe. Die Vereine haben die schlechteren Karten, Bremer-Bäder tritt als Monopolist auf. Die Vereine schwimmen am späten Abend, es gibt es fast nichts für Anfänger am Nachmittag. Und das war schon vor Corona so.

Ensteht so eine soziale Unwucht? Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind zu einem teuren Kurs?

Ich will jetzt hier nicht das Bild von arm und reich hervorholen. ich will nur sagen: Der Zugang zum Medium Wasser wird erschwert. Die Angebote sind nicht angemessen und überteuert. Die Vereine können nicht abdecken, was mit den Stadtteilbädern erreicht werden sollte. Die Grundausrichtung sehe ich gefährdet.

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Es gibt nicht zu wenig Bäder, eher eine falsche Ausrichtung?

Die Frage muss ja sein: Wie bekommt man diese enorm hohe Zahl an Nichtschwimmern an die Bäder in den Stadtteilen gebunden? Diese Bindung findet aus meiner Sicht nicht ausschließlich über Bremer-Bäder statt. Die GmbH hält die Bäder und die Schwimmhallen vor, ja. Wichtig ist aber eine gut funktionierende Infrastruktur in der Vereinslandschaft. Da brauchen wir in Walle den SV Weser, in Tenever brauchen wir OT Bremen, in Sebaldsbrück den ATSV und den SV Hemelingen. Oder in Huchting den TuS Huchting. Wenn deren Zugänge mit großen Barrikaden versehen werden, fällt es schwer, den hohen Anstrom an unsicheren Schwimmern qualifizieren zu können. Ich finde es nicht richtig, dass die Ausbildung ein Monopol von Bremer-Bäder ist.

Kennen Sie andere Modelle aus anderen Bundesländern?

Es gibt Paradebeispiele aus Süddeutschland. Da laufen die Kooperationen zwischen den öffentlichen Anbietern und den Vereinen runder. In Bremen ist es eher so: Sobald in einem Bad an einem Sonnabend Tobe-Tage für Schwimm-Anfänger veranstaltet werden sollen, sagt Bremer-Bäder sofort: Das kostet aber so und so viel. Man kann das gemeinsame Ziel nicht erkennen. Dass wir die hohe Zahl an Nichtschwimmern reduzieren wollen. Es ist ein Gegen- statt Miteinander. Dabei hat die Bildungssenatorin ein hohes Interesse daran, das wir Kooperationsformen zwischen Schulen und Vereinen herstellen.

Was wären da Ansätze?

Zum einen wäre da das Modell der Tobe-Tage. Wir gehen an einem Samstag für drei Stunden in ein Stadtteilbad. Ohne gezielte Wassergewöhnung soll eine Bindung und Gewöhnung an das Bad erzielt werden. in Hemelingen bieten wir zum Beispiel für Geflüchtete etwas für Familien an, wo erst mal die Mütter schwimmen lernen können, um danach ihre Kinder mit ins Bad zu nehmen. Von Bremer-Bäder bekommen wir dafür aber keine Zeiten. Oder nur erschwert Zeiten. Oder es kommt das Kosten-Argument.

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Herr Wolf, hätten die Vereine überhaupt genügend Personal, um die gewünschte Bindung der Kinder an Bad und Wasser zu erzielen? Die Vereine klagen doch über den Mangel an Übungsleitern.

Das stimmt, dass sie da auch nicht so gut aufgestellt sind. Aber da muss man ein gemeinsames Qualifizierungsangebot auflegen. Hier an der Schule Ronzelenstraße haben wir zum Beispiel drei Sport-Leistungskurse. Unter den 60 Sportlern gibt es eigentlich immer mindestens eine Handvoll, die sich auch fürs Schwimmen interessiert. Da könnte man hier einen Helfer am Beckenrand ausbilden. Unser Angebot aus dem Sport-LK könnte an die Grundschulen der Region gehen. Wenn wir überhaupt keine Vereinsstruktur in den Stadtteilen haben, dann wird die Qualität der Schwimm-Ausbildung noch mehr leiden. Das kann Bremer-Bäder mit seinem Personal gar nicht abdecken. Wenn wir jetzt mal 6000 Kinder nehmen, die nicht oder kaum schwimmen können, und sie in Gruppen von zehn bis 15 Kindern aufteilen, kann man sich ja ausrechnen, wie viele Betreuer man bräuchte.

Vereine wären wichtiger denn je?

Und werden geschwächt wie nie. Sie bekommen noch nicht mal eine Wertschätzung ihrer Arbeit. Das hängt mit der Sprachlosigkeit der handelnden Parteien zueinander zusammen. Die Geschäftsführung von Bremer-Bäder spricht mit dem Bremer Schwimm-Präsidenten, ja. Aber es wäre wichtiger, in die Stadtteile zu gehen und die Vereine einzubeziehen. Wir haben in etlichen Jahrgängen rund 50 Prozent unsichere Schwimmer, die Zahlen sind nach oben geschnellt. Man muss sagen: Wir sind so schlecht wie noch nie.

Man bräuchte nicht unbedingt mehr Geld, sondern eine neue Organisation?

Ja, Bremer-Bäder müsste auf die Vereine zugehen. Mit der Position: Die Sache ist uns so wichtig, was können wir gemeinsam tun? Und das funktioniert aus meiner Sicht extrem gut über die Grundschulen. Da hätten wir den Zugriff, um die Kinder schon in der ersten und zweiten Klasse an das Wasser heranzuführen. Da muss man nicht immer nur jammern und sagen: Die Kinder werden immer schlechter und sind immer weniger ans Wasser gewöhnt.

Haben Sie große Hoffnungen, dass sich die Situation ändert?

Es muss sich verbessern. Ich glaube auch, dass es machbar ist. Der Schulsport in Bremen wäre sofort bereit, die Sache zu flankieren.

Info

Zur Person

Harald Wolf (58) war Schwimm-Landestrainer und Schulsport-Referent. Seit 2009 ist er an der Ronzelenstraße Koordinator für Leistungssport. Im deutschen Schwimm-Verband ist er Fachwart für den Bereich Schule und Verein.

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