Interview über Badeunfälle Bremer Schwimmtrainer: "Viele Eltern agieren erschreckend."

Auf die Sicherheit von Kindern am und im Wasser zu achten, ist Aufgabe der Eltern, stellt Schwimmtrainer Hans Stünker vom Bremer Sport-Club klar. Er betont, wie wichtig eine frühe Wassergewöhnung ist.
14.08.2018, 19:52
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Schwimmtrainer:
Von Sara Sundermann

Herr Stünker, können heute weniger Kinder schwimmen als früher?

Hans Stünker: Immer weniger Kinder werden rechtzeitig an das Schwimmen herangeführt. Aber die Anmeldung zu den Schwimmkursen liegt bei den Eltern. Denn wenn der Schwimmunterricht in den Schulen kommt, das ist ja in der dritten Klasse der Fall, dann ist es aus Sicht der Schwimmvereine schon zu spät. Beim Schwimmunterricht in den Schulen läuft es dann auch darauf hinaus, dass die Kinder nicht eine Schulstunde im Wasser sind, was auch schon kurz wäre, sondern letztlich bleiben 30 Minuten im Wasser übrig. Das reicht nicht. Und bei der großen Masse der Kinder ist es gar nicht zu schaffen, dass alle Kinder in der Schule schwimmen lernen.

Wie groß ist denn die Zahl der Kinder, die nicht schwimmen können?

Fast die Hälfte der zehnjährigen Kinder in Deutschland können derzeit nicht schwimmen, das hat die DLRG in einer Umfrage erhoben. Wir als Sportverein sagen ganz klar: Je früher Kinder ans Wasser gewöhnt werden und schwimmen lernen, desto besser, denn bei jüngeren Kindern ist es einfacher, den vorsichtigeren unter ihnen die Angst vor dem Element Wasser zu nehmen. Die Kinder können im Prinzip dann zu uns zum Schwimmkurs kommen, wenn sie in der Lage sind, sich mehr oder weniger selbständig anzuziehen. Viele Kinder können das schon mit vier oder fünf Jahren. Deshalb ist es am besten, wenn Kinder schon im Kindergartenalter an das Wasser herangeführt werden.

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Wer sein Kind für einen Platz im Schwimmkurs anmelden will, bekommt aber oft nicht direkt einen Platz. Wie lang sind die Wartelisten?

Das ist von Verein zu Verein unterschiedlich. Bei uns beim Bremer Sport-Club ist es so, dass Kinder teilweise vier oder fünf Wochen auf einen Platz im Kurs warten. Wir haben pro Kurs drei bis vier Übungsleiter im Wasser, aber sie können maximal zwölf Kinder gemeinsam betreuen und ihnen Schwimmen beibringen, größere Gruppen machen keinen Sinn. Dafür braucht man also auch einiges Personal.

Sind Wartezeiten ein Problem einzelner Vereine oder ist es flächendeckend?

Das Problem betrifft eigentlich alle Vereine, insbesondere diejenigen, die im Südbad ausbilden, wo offenbar der Zulauf aus der Neustadt besonders groß ist. Bei einigen Vereinen müssen die Kinder auch deutlich länger auf einen Platz warten als vier Wochen. In vielen Bädern sind die Trainingszeiten für Schwimmvereine begrenzt. Zum Einen sind die Kapazitäten der Bäder begrenzt, aber die Vereine könnten es oft auch nicht finanzieren, mehr Trainingszeiten zu bezahlen. Und die Zeiten für die Schwimmausbildung der Vereine sind – bedingt durch den begrenzten Zuschuss der Sportbehörde – auf maximal vier Trainingsstunden pro Woche gedeckelt worden.

Auch Schwimmtrainer werden gesucht, auch beim Bremer Sport-Club. Herrscht Trainermangel?

Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir zwei hauptamtliche Trainer angestellt haben und auch verhältnismäßig viele Ehrenamtliche sich bei uns als Trainer engagieren.

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Wir haben in jedem Jahr in Bremen Badeunfälle, aber in diesem Jahr sind besonders viele Kinder betroffen: Vier Kinder sind in diesem Sommer in Bremer Seen, Flüssen und Freibädern ertrunken. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie davon hören?

Ich finde die Dickfälligkeit von Eltern erschreckend, wenn sie mit ihren Kindern am Wasser sind. Ganz egal, wie alt die Kinder sind, ob sie vier oder sechs Jahre alt sind, ob sie das Seepferdchen gemacht haben oder das Bronze-Abzeichen. Es ist Aufgabe der Eltern, dass die Kinder sich im Wasser sicher bewegen. Es kann nicht sein, dass die Kinder im Wasser alleine gelassen werden. Ich finde es erschreckend, wie viele Eltern agieren. Auch im Stadionbad sehe ich viele Kinder, die alleine im Wasser sind. Ich selber habe drei Enkelkinder, und wir lassen sie nicht aus den Augen, wenn wir mit ihnen baden gehen.

Sind nur die Eltern in der Pflicht? Es wurde ja zuletzt auch über eine DLRG-Station am Café Sand oder über ein Badeverbot in der Weser diskutiert.

Verbote bringen wenig, daran halten sich nie alle. Und auch DLRG-Stationen sind nicht die Lösung. Rettungsschwimmer können ein oder zwei Kinder im Blick behalten, aber nicht einen ganzen Strand voller Kinder. Vorrangig sind die Eltern verantwortlich für die Kinder und kein anderer. Zwei Tage, nachdem der kleine Junge in der Weser am Café Sand ertrunken ist, waren schon wieder viele Kinder im Wasser und die Eltern saßen nebenan im Café und haben Kaffee getrunken.

In den vergangenen Jahren sind immer wieder auch junge Geflüchtete ertrunken, in diesem Jahr ertrank ein Junge aus Syrien im Schwimmbad Blumenthal. Erreicht man diese Gruppe von Familien, die neu in Bremen sind, inzwischen mit Kursen?

Wir bieten Schwimmkurse speziell für Geflüchtete an, die gibt es seit zwei Jahren. In diesem Zeitraum haben etwa 200 bis 300 Kinder und Jugendliche allein beim Bremer Sport-Club schwimmen gelernt. Die Kurse für Geflüchtete kosten für Teilnehmer nur zehn Euro, sie werden über den Landessportbund gefördert. Diese Kurse führen wir weiter fort, wir werden jetzt in den Herbstferien wieder einen Intensivkurs machen. Die Teilnehmer werden über die Schulen und den Landessportbund an uns vermittelt. Das Angebot wird schon angenommen, aber es könnte noch mehr sein. Das Schöne ist, dass auch Mädchen teilnehmen, was keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist.

Was schlagen Sie vor, damit mehr Bremer Kinder schwimmen lernen?

Kinder sollten schon ganz früh ein Schwimmbad kennen lernen: die Umkleiden, die Duschen, das flache Wasser. Man merkt im Schwimmkurs sehr deutlich, welche Kinder Eltern haben, die selbst gerne schwimmen und ihre Kinder mit ins Schwimmbad nehmen und welche nicht. Es gibt eine ganze Menge Kinder, die in der zweiten Klasse noch nie in einem Schwimmbad waren. Ein Ansatz ist, dass Kindergärten und Schwimmvereine im Stadtteil mehr kooperieren, damit die Kita-Kinder in die Bäder gehen, aber das ist oft nicht ganz einfach, denn der Kindergarten findet vor allem vormittags statt, Übungsleiter sind aber vor allem nachmittags im Einsatz.

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Reicht die Zahl und Größe der Bremer Schwimmbäder aus, damit alle Kinder schwimmen lernen?

Aus meiner Sicht reichen die Bremer Bäder aus, zumindest dann, wenn die Schwimmbäder voll funktionsfähig sind. Aber das ist eben nicht immer der Fall, im Hallenbad Huchting zum Beispiel gibt es aktuell Probleme mit der Lüftung, das bedeutet, das Bad fällt dort mehrere Wochen für die Schwimmausbildung aus. Das ist natürlich schlecht für die umliegenden Schulen und Vereine, die das Bad für das Training nutzen.

Die Fragen stellte Sara Sundermann.

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Zur Person

Hans Stünker (70) bringt Kindern und Jugendlichen in Bremen seit Ende der 70er-Jahre das Schwimmen bei. Er ist heute im Ruhestand und Leiter der Schwimmabteilung beim Bremer Sport-Club.

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