Serie Fit & Aktiv Wenn Sport doppelt glücklich macht

Der Rehasport ist für viele Menschen wichtig, um wieder einen beschwerdefreien Alltag erleben zu können. Es geht aber oft auch um soziale Kontakte. Und auch Post-Covid wird nun ein zentrales Thema...
21.09.2022, 06:02
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Wenn Sport doppelt glücklich macht
Von Jean-Julien Beer

Die Telefone klingeln jeden Tag. Ob bei 1860 Bremen, TV Eiche Horn oder den anderen Bremer Vereinen, die Rehasport anbieten: Die Nachfrage ist groß. „Durch die Pandemie hatten wir lange einen Stillstand, jetzt merken wir, dass die Nachfrage wieder sehr viel größer wird“, berichtet Amelie Winkelmann, die den Rehasport bei 1860 leitet, einem der größten Sportvereine Bremens. Auch der Bewegungsmangel vieler Leute in der Coronazeit würde bei den Verschreibungen eine Rolle spielen, hat sie beobachtet. Ähnliche Erfahrungen macht Hermann Heuke, Leiter Rehasport bei Eiche Horn: „Wir sind dabei, wieder die Gruppenstärken aus der Zeit vor Corona zu erreichen. Vor allem für eine immer älter werdende Bevölkerung spielt der Rehasport eine wichtige Rolle.“ Der Rehasport hat viele Facetten. Ein Überblick:

Verschreibung vom Arzt

Rehasport ist eine Rehabilitationsmaßnahme, es ist quasi Hilfe zur Selbsthilfe. Ziel ist es, dass die Teilnehmer nach einer Erkrankung oder einem orthopädischen Problem entweder beschwerdefrei zurück in den Beruf können, oder dass sie ihre körperlichen Beschwerden so in den Griff bekommen, dass sie ihren Alltag besser bewältigen und auch selbständig zurück in den Sport gehen können. Die Kosten für Rehasport werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen, dazu müssen die Einheiten vom Arzt verschrieben werden. Abhängig von der Diagnose bekommt jeder in der Regel ein bis zwei Verordnungen von seiner Kasse genehmigt. Bei orthopädischen Kursen sind 50 Übungseinheiten binnen 18 Monaten die Regel, bei Lungen- oder Herzerkrankungen sind drei bis vier Verordnungen von je 120 Einheiten nicht ungewöhnlich.

Verschiedene Schwerpunkte

Grundsätzlich kann man zwischen Wasser- und Trockenkursen unterscheiden, das Angebot ist dabei sehr vielfältig. Die orthopädischen Gymnastikkurse sind der größte Bereich, dazu gibt es Lungen- und Herzsportkurse, Osteoporose-Gruppen, neurologische Kurse, Rehasport für Sehbehinderte oder Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Der größte Anbieter in Bremen ist der SV Werder, wo es eine Besonderheit gibt: In Zusammenarbeit mit dem Klinikum Mitte gibt es hier zwei Gruppen für die so genannte Schaufensterkrankheit PAVK, bei der Beine und Füße nicht ausreichend versorgt werden. Ein solches Angebot ist sehr selten und wird weit über Bremen hinaus nachgefragt, berichtet Hermann Heuke, der auch für Werder tätig ist.

Unterschied zum Fitnessstudio

In den Rehasportgruppen gibt es keine individuelle Betreuung, aber die Gruppen sind auf maximal 15 Teilnehmende beschränkt, damit jeder ausreichend Bewegungsfreiheit hat. Im Herzsport sind bis zu 20 Teilnehmende möglich. Jede Gruppe hat mindestens einen Übungsleiter. Große Geräte wie Kraftmaschinen oder Hantelbänke gibt es nicht. Es wird nur mit Kleingeräten gearbeitet, wie Gummibändern, Sitzbällen, kleinen Hanteln oder auf der Matte. Oft geht es dabei um Gleichgewichtstraining, Koordinationsübungen und leichtes Kraft-Ausdauer-Training. Heuke: „Viele Ältere können nicht auf der Matte trainieren, da bieten wir orthopädische Sitzgymnastik an, was für Menschen mit Rollator oder Gehilfen interessant ist.“

Die Altersgruppen

Im Prinzip kann man drei Gruppen unterscheiden: Jüngere Menschen zwischen 20 und 40, bei denen es meist darum geht, dass sie möglichst schnell wieder bereit sind für eine Rückkehr in ihren Sport oder ins Fitnessstudio. Eine Mittelschicht zwischen 40 und 60, bei der eine beschwerdefreie Rückkehr an den Arbeitsplatz oft im Vordergrund steht. Und die älteren Leute zwischen 60 und über 85 Jahren. „Seit der Corona-Zeit fällt es auf, dass der Altersdurchschnitt deutlich nach oben gegangen ist“, sagt Amelie Winkelmann, „die Ärzte verschreiben es offensichtlich auch, weil die Menschen wieder mehr Bewegung brauchen.“ Rückenprobleme sind ein weiterer Schwerpunkt, auch in jüngeren Jahren.

Die soziale Komponente

Manche Übungsleiter nennen es liebevoll „die Mundgymnastik“. Damit sind die Minuten vor dem Training gemeint. Viele Teilnehmende treffen sich gerne  etwas früher für nette Gespräche, überhaupt ist der feste Reha-Trainingstermin in der Woche gerade für viele ältere Leute wichtig, um soziale Kontakte zu knüpfen und ein Gruppenerlebnis zu haben. „Diese soziale Komponente ist sehr wichtig“, weiß Amelie Winkelmann, „wir erleben es häufig, dass die Teilnehmenden nach Ende ihrer Verordnung in den Verein eintreten, weil sie auf diesen gemeinschaftlichen Sport nicht verzichten möchten.“ Der Sport macht also doppelt glücklich. Hermann Heuke hält es deshalb für wichtig, dass viele Vereine eigene Hallen haben, bei denen man nicht um eine Öffnung in den Schulferien kämpfen muss: „Viele freuen sich auf ihren Rehasporttermin, es gibt einen starken Zusammenhalt. Als der Sport in den ersten Pandemiejahren ausfallen musste, hat das gerade vielen älteren Menschen gefehlt. Es sind Treffen mit Gleichgesinnten.“

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Welche Rolle spielt Post-Covid?

Eine sehr große, da sind sich alle einig, auch wenn sich die Dimension für den Rehasport noch nicht einschätzen lässt. „Es ist ein neues Thema für uns, aber sehr schwierig und komplex, weil der Diagnosenkatalog bei Post-Covid bis zu 50 Diagnosen umfassen kann“, erklärt Amelie Winkelmann. Aus den ersten beiden Corona-Wellen sind nun einige Patienten im Rehasport angekommen. Bei ihnen ist es wichtig, die Beschwerden zu differenzieren, sagt Hermann Heuke: „Manchen ist das Virus aufs Herz geschlagen, andere haben Lungenprobleme. Dafür gibt es die Lungen- oder Herzsportgruppen. Bei vielen Patienten wurde aber auch das Nervensystem angegriffen, dieser neurologische Bereich ist im Rehasport noch unterversorgt, das könnte problematisch werden.“ Das Thema Post-Covid laufe gerade an, auch die Berufsgenossenschaft nehme wegen des großen Bedarfs inzwischen Kontakt zu den Vereinen auf. Amelie Winkelmann: „Der erste Schritt wird sein, die Leute vor Ort in den Vereinen zu beraten und auf geeignete Gruppen zu verteilen." Eigene Post-Covid-Gruppen seien zumindest in absehbarer Zeit nicht vorgesehen.

Welche Probleme gibt es?

Dem Rehasport geht es wie vielen anderen Breitensportangeboten: Es fehlt an Übungsleitern und zudem oft an Wasserflächen. In Bremen ist das Fehlen geeigneter Bäder ein gravierendes Problem. „Die Nachfrage ist sehr groß“, sagt Amelie Winkelmann, „wir könnten doppelt so viele Kurse anbieten, wenn wir mehr Wasserflächen anmieten könnten.“ Viele Bäder sind wegen Sanierung oder aus anderen Gründen geschlossen, viele kleinere Klinikbäder haben in der Pandemie geschlossen und seither nicht mehr geöffnet. Auch der Ärztemangel macht sich bemerkbar, meint Hermann Heuke, das zeige sich in den Herzsportgruppen. Die müssen nämlich nicht nur von einem Übungsleiter, sondern auch von einem Arzt begleitet werden. Neuerdings sind hier deshalb auch Rettungssanitäter im Einsatz.

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