Der Sport ruht bis zum 3. Mai Bremer Funktionäre kritisieren verlängertes Sport-Verbot

Bremer Funktionäre werfen der Politik mangelnde Kommunikation vor und erwarten klare Richtlinien. Angst vor Mitgliederaustritten wächst in den Vereinen
17.04.2020, 09:37
Lesedauer: 4 Min
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Von Mathias Sonnenberg und Mario Nagel

Am Ende kam es so, wie viele Sportler und Vereine es erwartet und auch befürchtet hatten: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs haben Lockerungen für den Sport eine Absage erteilt. Mindestens bis zum 3. Mai ruht der organisierte Sport also weiterhin, Sportplätze, Hallen und Schwimmbäder bleiben geschlossen. Dabei hatte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) der Politik im Vorfeld noch aktive Hilfe angeboten und gemeinsam mit Medizinern die Rahmenbedingungen für ein angepasstes Sporttreiben erarbeitet. Dass es im Vorfeld aber nicht mal zu Gesprächen zwischen der Politik und dem DOSB kam, findet Andreas Vroom als Präsident des Landessportbundes Bremen ärgerlich. „Ich bin sehr enttäuscht darüber, dass wir offenbar nicht als Partner angesehen werden“, sagt er.

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Denn Bremens ranghöchster Sport-Funktionär hat zuletzt ein wachsendes Murren an der Basis vernommen. Man wolle keine Unruhe oder Schärfe in die Diskussion über mögliche Lockerungen bringen, sagt Vroom, „aber Sport kann in diesen Zeiten auch eine Unterstützung für den Staat sein“. Er meint damit ein Entzerren in Familien, in denen der Druck durch die anhaltende Isolation in den eigenen vier Wänden immer größer werde. „Da kann der Sport Abhilfe schaffen.“ Und überhaupt gebe es doch einige Sportarten, wo ein kontaktloser Sport möglich sei. Selbst in Österreich dürfe wieder Tennis gespielt werden.

Da ist Vroom mit seiner Haltung nicht allein. Sebastian Hochbaum, Club-Manager des Golf-Clubs Oberneuland, sagt: „Ich halte die Entscheidung für undifferenziert. Man kann alle Sportarten nicht pauschal über einen Kamm scheren. Mannschafts- und Hallensportarten sind nicht mit den Outdoor-Sportarten zu vergleichen.“ Er sei sicher, dass Golfer kontaktlos Sport treiben könnten. „Deswegen finde ich die Entscheidung schwierig.“ Auch Martin Schultze, Trainer und Geschäftsführer beim Bremer Hockey-Club, kritisiert die Politik scharf. „Ich bin schwer enttäuscht. Da hätte ich mir genauere Schritte gewünscht. Die Regierung hat ja nur Empfehlungen ausgesprochen, wir wissen noch nicht, wie Bremen das handhaben wird.“

Unverständnis über Kommunikation

Schultze ärgert sich zudem über die Krisen-Kommunikation. „Ich habe wenig Verständnis dafür, warum man nicht mit gewissen Sportarten spricht und einen Fahrplan entwickelt.“ Es sei nicht schlüssig, warum zwei Menschen kein Tennis spielen könnten, sie gleichzeitig aber zu zweit durch den Park laufen dürften. Beim Tennis-Verband Niedersachsen-Bremen wird das Festhalten am Sportverbot allerdings auch mit Verständnis aufgenommen. „Wir hätten uns zwar eine andere Entscheidung gewünscht, tragen aber alles mit“, sagt Präsident Raik Packeiser. Er fordert alle Tennisspieler auf, sich an die Beschränkungen zu halten. „Wir hoffen natürlich, dass im Mai wieder gespielt werden kann. Zumal Tennis ja kein Kontaktsport ist.“

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Für Sebastian Stern, Geschäftsführer von Bremen 1860, war die Entscheidung wenig überraschend. „Ich hatte den April ohnehin abgeschrieben und keine Hoffnung gehabt, dass es bis zum Mai wieder losgeht. Noch weiter nach hinten verschoben werden dürfen die Lockerungen aber nicht, das gilt nicht nur für den Sport.“ Noch habe die Gesellschaft zwar eine gewisse Akzeptanz für die Beschränkungen, „aber es wird große Probleme geben, wenn die Einschränkungen noch länger andauern. Dann werden die Menschen die Entscheidungen hinterfragen“.

Für die Vereine aber wird es immer schwieriger, die Zeit ohne Sport, ohne geregelten Trainingsbetrieb oder Punktspiele zu überbrücken. „Wir schwimmen gerade so herum, aber wir wollen klare Aussagen, wann und wie es weitergehen kann“, sagt Schultze. „Die Probleme für uns werden mit jedem Tag größer.“ Die kann auch 1860-Geschäftsführer Stern nicht leugnen. „Der Sport ist ein Ausgleich zum Alltag, für den die Menschen langfristig nur zahlen, wenn sie ihrem Sport auch nachgehen können. Deshalb wird hier auch zuerst gespart werden, wenn finanzielle Folgen abgefedert werden müssen.“ Seine Forderung an die Politik: Ab Mai muss es erste Lockerungen geben. „Ansonsten haben wir die Befürchtung, dass uns viele Mitglieder verloren gehen werden.“ Konzepte für die Trainingsarbeit gebe es schon. „In unserer Dreifachhalle könnte auf 1000 Quadratmetern beispielsweise mit einem Abstand von fünf Metern Sport betrieben werden, es könnten Kurse abgehalten oder sogar trainiert werden. Da muss die Politik aber auch mitmachen.“

Einnahmen fehlen

Sorgen gibt es auch beim Golf und Tennis – also Sportarten, die allein schon durch Vereinsbeiträge kostenintensiv sind. „Wir haben keinen Spielbetrieb und auch keine Gäste, daher fehlen uns zurzeit die Einnahmen. Es wird schwer, das langfristig zu kompensieren“, glaubt Sebastian Hochbaum vom Golf-Club Oberneuland. Aber er sagt auch: „Wir werden die Krise durchhalten, es gibt andere Vereine mit viel größeren Problemen.“ Tennis-Präsident Packeiser weiß, worauf es jetzt ankommt. „Für die finanziellen Folgen ist die Solidarität der Mitglieder das Kriterium. Wir stehen in einem engen Austausch mit dem LSB und dem Innenministerium, um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern.“ Auf der ganzen Welt würden Turniere abgesagt, der Terminplan sei durcheinandergewirbelt. „Wir hoffen aber, dass wir im Juni mit der Punktspielsaison beginnen können.“

Packeiser will allerdings verhindern, dass sich ein sportlicher Flickenteppich ergibt. „Ich bin kein großer Freund davon, Golf, Tennis oder Reiten zu erlauben, andere Sportarten aber nicht. Das würde den Druck auf die Politik nur erhöhen.“ Was aber alle Sportler und Funktionäre wollen, ist eine Perspektive. Martin Schultze: „Wir wünschen uns klare Richtlinien und eine klare Definition, wie es möglich ist, endlich wieder Vereinssport zu betreiben.“

Info

Zur Sache

Der Landessportbund Niedersachsen hofft darauf, dass in den kommenden Wochen und Monaten „auch ein begrenzter Sportbetrieb nach einheitlichen Standards wieder anlaufen kann“. Der LSB fordert vor allem den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) dazu auf, bundesweit einheitliche Leitlinien für die Sportvereine zu erstellen. Die sollen „einen Flickenteppich unterschiedlicher Regelungen und Handhabungen“ für die Vereine und ihre Mitglieder verhindern. „Wir setzen darauf, dass Bund und Länder bei ihrem nächsten Treffen am 30. April über das wertvolle Sporttreiben in Vereinen entscheiden und angepasste Sportangebote möglich machen“, sagte LSB-Präsident Wolf-Rüdiger Umbach in einer Erklärung.

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