Interview

"Wir wollen sichtbar sein"

Volleyballerin Luzie Rave-Neumann spricht im Interview über Gründe für einen schwul-lesbischen Sportverein, über Herausforderungen und Probleme dabei.
24.08.2018, 22:45
Lesedauer: 6 Min
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Von Oliver Matiszick
"Wir wollen sichtbar sein"

Engagierte Sportlerin, engagiertes Vorstandsmitglied: Luzie Rave-Neumann von Wärmer Bremen.

Christina Kuhaupt
Frau Rave-Neumann, zum Christopher Street Days soll an diesem Sonnabend auch das Weserstadion beim Bundesligaauftakt prominent mit Regenbogenfahnen geschmückt werden. Nur eine freundliche Geste – oder ein wichtiges Zeichen für die schwul-lesbische Bewegung im Sport?

Luzie Rave-Neumann: Im Fußball gibt es ja tatsächlich eine spezielle Problematik, was die Diskriminierung von Homosexuellen angeht. In diesem Umfeld kommt es eben immer wieder zu Formulierungen wie „Du schwule Sau“. Von daher ist es wichtig, Farbe zu bekennen, gerade auch im Stadion. Ich finde, Werder Bremen geht auch sehr offen damit um. Aber was das Thema CSD und Bundesligaauftakt angeht, da fehlt mir vielmehr die Stellungnahme der Politik.

Inwiefern?

Der CSD ist eine von zwei Großveranstaltungen an dem Tag, und der Termin steht schon deutlich länger fest. Die Stadt Bremen hat ein Einspruchsrecht bei der Vergabe der Heimspieltermine – ich weiß, dass da viel dranhängt, aber da frage ich mich schon, weshalb die Stadt nicht gesagt hat: „Moment mal, an dem Sonnabend haben wir schon den CSD mit seiner großen Parade.“ Das wäre mal ein Zeichen gewesen.

Aber insgesamt lässt sich doch festhalten, dass die Akzeptanz in der Gesellschaft gegenüber der schwul-lesbischen Lebensweise in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen hat.

Aber was mir immer noch fehlt, ist die ­Normalität im Umgang damit. Wir haben ja auch im Hetero-Bereich Menschen, die nicht mit den Klischeebildern konform gehen – bei Homosexuellen und Transgendern finden wir, weil es sich um eine Minderheit handelt, ­deutlich mehr solcher Menschen. Nur ein ­Beispiel: Wenn ein Mann eine Bluse trägt, dann gibt es in der Straßenbahn Blicke. Und in meiner Wahrnehmung sind das nicht ­immer freundliche Blicke. Genau da setzen wir an: Für solche Menschen ist ein Sport­verein wie Wärmer Bremen ein Raum, sich frei zu bewegen, ohne dabei eine Wertung zu ­erfahren. Dort gibt es die Möglichkeit, sich auch als Gruppe eben nicht-normativ zu verhalten.

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Können Sie das näher beschreiben: nicht-normatives Verhalten?

Frauen, die sich zum Beispiel klischeehaft männlich verhalten: laut, eher ruppig, eher führend. Oder Männer, die in Kleidern kommen, von der Stimmlage her anders sind, die andere Bedürfnisse haben innerhalb einer Sportgruppe – zum Beispiel auch Kontakte knüpfen wollen. Ein wesentlicher Faktor für soziale Gruppen – und das gilt nicht nur für Wärmer Bremen – ist ja, dass man sich solche sucht, in denen die Menschen ähnlich ticken wie man selbst.

In erster Linie geht es bei einem Sportverein aber doch um: Sport. Und nicht die sexuelle Orientierung.

Weshalb es ja inzwischen auch heterosexuelle Sportler gibt, die bei uns im Verein angemeldet sind.

Welchen Anteil macht diese Gruppe bei Wärmer Bremen aus?

Wir führen kein Buch darüber, wer hetero- oder homosexuell ist. Es gibt bei uns den Satz: Wir sind frei für alle Minderheiten, auch Heterosexuelle. So lange sie eben in der Minderheit sind. Denn klar ist auch: Der Vereinszweck ist die Förderung des Sports für Schwule, Lesben und Transgender. Wir müssten den Anteil heterosexueller Sportler dann begrenzen, wenn in einer Gruppe nicht mehr ausreichend Plätze für Schwule vorhanden wären.

Was glauben Sie, wie weit sind wir denn davon entfernt, dass sich der Vereinszweck einmal überholt haben könnte? Dass es in jedem x-beliebigen Sportverein akzeptiert wäre, wenn ein Mann in Frauenkleidern in die Umkleidekabine kommt?

Davon sind wir weit entfernt. Doch selbst wenn diese Idealvorstellung einmal Realität werden sollte: Dann würde Wärmer Bremen trotzdem weiter bestehen. Weil wir eine soziale Gruppe sind, die gemeinsame Interessen hat, die über den Sport hinausgehen. Wenn eine Frau eine neue Freundin kennen lernen möchte, geht sie sicherlich nicht in eine Hetero-Diskothek.

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Was steht denn bei Wärmer Bremen im Vordergrund? Die beschriebene soziale Komponente oder der Sport?

Klar das Sportliche. Wenn wir uns treffen, geht es ja nicht andauernd um Sexualität. Es geht darum, sich beim Sport einen Raum zu schaffen, in dem man sich sicher fühlt. Ich denke da gerade auch an Menschen, die neu in die Stadt gekommen ist – zum Beispiel die große Gruppe der Studierenden.

Wie sieht die Mitgliederentwicklung bei Wärmer Bremen aus?

Wir haben seit Jahren stabil um die 150 Mitglieder. Aber es ist tatsächlich schwieriger geworden, jüngere Menschen zum Sport zu bewegen und sich darüber hinaus auch im Verein zu engagieren. Das geht nicht nur uns als speziellem Sportverein so. Wenn man sich beim Landessportbund umhört, ist das ist ein Phänomen, das alle Vereine betrifft – davon sind nur die Fußballabteilungen ausgenommen.

Die es im Angebot von Wärmer Bremen aber nicht gibt.

Weil wir im Fußball nicht genug Sportler zusammenbekommen, was ich sehr schade finde. Im Idealfall würde ich mir deshalb Kooperationen vorstellen. Würde sich ein heterosexueller Sportverein finden, dessen Fußballgruppe auch nicht groß genug ist, könnte man sich doch zusammentun und ein gemeinsames Team bilden. Ich würde das als Bereicherung empfinden. Doch diese Vernetzung gibt es innerhalb Bremens im Sport leider nicht.

Und wie sieht die Vernetzung mit anderen schwul-lesbischen Sportvereinen aus?

Wer in Bremen danach sucht, der findet: uns. Und sonst nichts.

Und in der Region?

In Hannover gibt es einen Verein - und in Hamburg inzwischen zwei. Aber sonst sieht es in der Hinsicht schlecht aus.

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Was für schwul-lesbische Sportler im ländlichen Bereich des Bremer Umlands ernüchternd klingt.

Ich würde mir deshalb wünschen, dass Trainerinnen und Trainer aller Vereine von Anfang an auch darin ausgebildet werden, mit Minderheiten gleich welcher Art umzugehen und Diskriminierung entgegenzutreten. Wenn sich in einer Jugendmannschaft etwa ein Spieler weigert, den Duschraum gemeinsam mit einem Schwulen zu benutzen – dann ist der Trainer derjenige, der diesen Tendenzen zuerst begegnet.

Ist das nicht eine etwas große Aufgabe für einen womöglich noch ehrenamtlichen Vereinstrainer? Müsste da gesellschaftlich nicht viel eher angesetzt werden?

Ja, natürlich. Es geht ja schon im Kindergarten oder der Schule los, mit Büchern, in denen Homosexualität keine Rolle spielt, obwohl laut Statistik etwa zehn Prozent der Bevölkerung homosexuell sind. Das ist tatsächlich nicht nur das Thema von Sportvereinen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Träumen Sie doch mal bitte ein wenig und vervollständigen den Satz: „In 20 Jahren sehe ich Wärmer Bremen…“

… genau wie heute als Anlaufstelle einer sozialen Gruppe, die ein breites Angebot an Sport bietet. Das ist wohl die realistische Betrachtungsweise.

Und die utopische?

Dann würde ich sagen: Der Verein ist dann drei Mal so groß und wird genauso behandelt wie alle anderen Sportvereine. Ob da nun schwul-lesbisch vorsteht oder sonst irgendetwas.

Inwiefern kommt es denn in der Gegenwart zu Ungleichbehandlungen?

Dazu habe ich eine schöne kleine Geschichte: Bei einer Sitzung des Landessportbundes ha­be ich mal für unsere Volleyballer nach anderen Hallenzeiten gesucht. Weil ich aber ziemlich schnell spreche, hat wohl jemand fälschlicherweise „Werder Bremen“ verstanden, als ich „Wärmer Bremen“ gesagt habe – und siehe da, es gab sofort Angebote von drei Vereinen. Als sich die Sache dann aufgeklärt hat, war davon aber schließlich keines mehr übrig.

Nun taugt das offensive Wortspiel im Vereinsnamen „Wärmer Bremen“ möglicherweise auch dazu, etwas konservativere Menschen zu verschrecken.

Ja, aber da bin ich unserem Gründungsmitglied und 1. Vorstand Jürgen Schulenberg sehr dankbar, das 1990 so auf den Weg gebracht zu haben. Wir wollen sichtbar sein, uns nicht verstecken. Wir sind hier. Und wir positionieren uns in der Gesellschaft.

Welche Probleme gibt es dabei?

Wir suchen zum Beispiel händeringend einen Fitnesstrainer. Das ist nicht so einfach – und hängt vermutlich auch mit den Vorstellungen von einem schwul-lesbischen Sportverein zusammen. Nach dem Motto: Habe ich da am Ende mit Leuten zu tun, die im Tutu zum Training kommen?

Wie sieht das Verhältnis zum Landessportbund aus?

Gut. Der LSB hat an dieser Stelle keinerlei Befindlichkeiten. Es gab mal den Fall eines Hausmeisters, der sich geweigert hat, eine Veranstaltung von uns in einer Schulsporthalle zu begleiten. Der hat dann sofort eine ganz klare Anweisung vom LSB bekommen, gefälligst seinen Job zu machen.

Hätten Sie Wünsche an den LSB?

Ausreichend Hallenzeiten. Die gibt es nicht, weil die Stadt Bremen ihre Sportstätten nicht saniert.

Also: Alles ganz normal. So wie bei jedem anderen Verein auch.

Das ist dann völlige Normalität. Leider.

Das Gespräch führte Oliver Matiszick.

Info

Zur Person

Luzie Rave-Neumann kam Anfang des Jahrtausends aus Hamburg nach Bremen und fand 2005 als Volleyballerin den Weg in den schwul-lesbischen Sportverein Wärmer Bremen. Nach nur einem Jahr übernahm sie dort 2006 auch im Vorstand Verantwortung. Die 49-Jährige ist, wie sie es bezeichnet, verlebenspartnert und arbeitet als Pädagogin.

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