Toleranz und Diversität „Ehe für alle war in der CDU ein Problem“

Petra Többe von den Lesben und Schwulen in der Union (LSU) erzählt im Interview von fehlender Toleranz in der eigenen Community, der Ehe für alle und vom kleinsten Christopher Street Day Deutschlands.
24.08.2018, 21:34
Lesedauer: 6 Min
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Von Ina Bullwinkel und Joerg Helge Wagner
Frau Többe, mittlerweile gibt es bei allen im Bundestag vertretenen Parteien prominente Mitglieder, die offen homosexuell sind. Warum braucht es noch Unterorganisationen wie die LSU?

Petra Többe: Diese Frage höre ich häufig. Zuletzt fragte mich das eine Frau von der Frauenunion: „Ihr habt doch jetzt die Öffnung der Ehe, damit hat es sich doch eigentlich erledigt.“ Doch uns gibt es aus dem gleichen Grund wie die Frauenunion: Es gibt immer noch Themen, die nicht angegangen wurden. Und es geht auch darum, die Rechte, die wir haben, zu behalten. Es gibt bei uns in der Partei durchaus Leute, die sagen: „Ihr habt ja jetzt alles, ihr habt euren Spaß gehabt, jetzt drehen wir das Ding wieder zurück.“ Die Akzeptanz für LSBTQ (steht für: Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Trans und Queer; Anm. d. Red.) ist eben noch längst nicht in allen Bevölkerungsteilen angekommen.

Sie fordern eine Ergänzung für Artikel 3 des Grundgesetzes um die Merkmale der sexuellen Orientierung und der geschlechtlichen Identität. Warum ist es wichtig, diese Rechte im Gesetz sichtbar zu machen?

Unser Grundgesetz ist quasi die Bibel des Zusammenlebens. Wir haben viele Zuwanderer, die sich an dem Grundgesetz orientieren sollen, und einige akzeptieren nicht unbedingt die Rechte der Frauen und die der LSBTQ-Gemeinde, weil sie das aus ihrem Umfeld nicht kennen.

Jens Spahn hatte zu Beginn der Flüchtlingskrise davor gewarnt, dass vor allem muslimische Zuwanderer homophob eingestellt seien. Sehen Sie ebenfalls einen Grund zur Besorgnis?

Ich persönlich nicht. Ich kenne Syrer und Afghanen aus meinem Wohnort. Da gibt es auch öfter mal die Diskussion: Warum bist du nicht verheiratet? Warum hast du keinen Mann? Warum lebst du als Frau alleine – geht das überhaupt? Das ist manchmal schwierig zu vermitteln.

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Wie sieht es denn in unserer Gesellschaft aus? Sie wohnen auf dem Land in einer eher konservativen Gegend. Stoßen Homosexuelle heute auf viele Vorurteile?

Das ist sehr unterschiedlich. Ich persönlich habe keine Probleme. Auch bei uns in diesem kleinen Ort, der knapp 10 000 Einwohner hat, gibt es keine Anfeindungen. Ein Freund hat mir erzählt, dass er in Braunschweig Probleme hat. Beim letzten CSD hörte ich einen von Vierteln in Hamburg erzählen, durch die er nicht mit seinem Freund gehen kann. Das gibt es wahrscheinlich überall. Doch im Großen und Ganzen sind wir schon akzeptiert und können ganz normal leben.

Glauben Sie, Transsexuelle haben es noch einmal schwerer als Lesben oder Schwule?

Ja, die machen jetzt den Prozess durch, den wir vorher hatten, denn das ist immer noch ein Thema, was sehr schwierig zu sehen ist. Gerade der letzte CSD in Bremen hat bei der Demo gezeigt, wie viele Transsexuelle es gibt. Mir sind noch nie so viele bei einem CSD aufgefallen wie in dieser Parade. Es kommt jetzt zu immer mehr Gesprächen, und wir kommen einen Schritt weiter. Der Schwule oder die Lesbe bleibt ja äußerlich der Mensch, der sie oder er war. Während der Transsexuelle sich aus Sicht der anderen verwandelt.

Für Transsexuelle sind die Rechte noch nicht besonders ausgeprägt.

Das ist ein Thema, für das wir nach wie vor einstehen und wo wir noch versuchen, uns einzubringen.

Dabei geht es der LSU zum Beispiel um die Novellierung des Transsexuellengesetzes und der Gutachten von Transsexuellen.

Diese Gutachten bedeuten für Transsexuelle einen nervlichen und auch finanziellen Aufwand. Ein Richter in Leipzig soll sogar drei Gutachten verlangen. Es gibt mit Sicherheit Fälle, wo kein Gutachten nötig gewesen wäre – da war von vornherein klar, dass die Person im falschen Körper steckt.

Trotzdem ist es schwierig, allein vom Äußeren darauf zu schließen, zu welchem Geschlecht jemand tendiert.

Richtig, und diese Entscheidung ist endgültig. Ich kann nicht irgendwann sagen, jetzt möchte ich zu meinem ursprünglichen Geschlecht zurückkehren. Solche Fälle hat es schon gegeben, in denen Leute erst im Nachhinein festgestellt haben, wie schwierig eine Geschlechtsumwandlung ist.

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Dass die Ehe für alle nicht früher kam, lag vor allem am Protest von CDU und CSU. Fiel es Ihnen manchmal schwer, hinter der eigenen Partei zu stehen?

Es gibt nun mal verschiedene Meinungen innerhalb der Volkspartei. Auch bei CSDs sind wir oft auf die Ehe für alle angesprochen worden mit dem Vorwurf, dass wir nicht dafür seien. Das stimmte nicht. Die Ehe für alle war aber gerade in der CDU ein Problem. Ich hatte den Eindruck, die Politiker hatten Angst vor ihrem eigenen Parteivolk, bloß war das schon wesentlich weiter.

Passt die konservative Arbeit der CDU mit Ihrem Kampf für die Rechte von Schwulen und Lesben zusammen?

Mit den ganz Konservativen wahrscheinlich nicht. Aber CDU und SPD, das sind ja beides Volksparteien, die ein sehr breites Spektrum abdecken. Und dadurch wird es immer Leute geben, die anderer Meinung sind.

Es gibt diese Grundstimmung in der Gesellschaft, dass man als Homosexuelle oder Homosexueller gefälligst links oder links-liberal zu sein hat.

Ja, insbesondere als Lesbe und gerade hier in Bremen. Da kriege ich öfter gesagt: „Was willst du denn in der CDU?“

Was entgegnen Sie solchen Leuten?

Dass es in der Politik nicht nur um ein einziges Thema geht. Politik ist ein breites Feld, und eine Partei hat ein breites Spektrum. Ich bin vor 40 Jahren in die CDU eingetreten, da waren die Rechte von Lesben und Schwulen noch überhaupt kein Thema.

Vor 40 Jahren war auch das gesellschaftliche Klima ein anderes. Haben Sie sich gleich geoutet?

Nein. Ich habe mich erst vor ungefähr 20 Jahren geoutet, weil ich vorher neutral gelebt habe. Früher habe ich in Köln gewohnt und meine Ausbildung bei einem alten, konservativen Unternehmen gemacht. Damals war Köln nicht so offen wie heute, da durfte das nicht unbedingt gesagt werden.

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Was bedeutet ein Festakt wie der CSD für die LSBTQ-Gemeinde?

Das ist unterschiedlich. Für viele ist es eine große Feier, andere sehen es als Demo. Für mich heißt der CSD Austausch – ich bin gern an den Ständen und diskutiere mit den Leuten. Ich finde es nicht schlimm, wenn wir angesprochen werden mit „Was wollt ihr denn hier?“ Das gehört dazu, solche Diskussionen machen mir Spaß.

Nehmen Sie beim Bremer CSD am 25. August teil?

Ich werde da sein, ich werde aber nicht auf einem Wagen mitfahren. Ich werde als Besucherin mitgehen, weil wir von der LSU keinen Stand haben. Aber vielleicht sind wir im nächsten Jahr mit der LSU vertreten.

Gefühlt gibt es jede Woche irgendwo einen CSD, von Tel Aviv bis Porto und von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen. Wäre es bei einem gemeinsamen Anliegen nicht sinnvoller, sich auf ein Datum zu einigen?

CSD überall am gleichen Tag wäre blöd, weil viele hin- und herreisen – das wäre dann nicht mehr gegeben. Außerdem gibt es so viele verschiedene CSDs, die ansonsten untergehen würden, wie etwa der kleinste Christopher Street Day Deutschlands im Kreis Lüchow-Dannenberg.

Hat die LSU Einfluss auf die CDU und Politiker mit Entscheidungsgewalt?

Wir haben schon einen gewissen Einfluss. Allein dadurch, dass wir da sind. Die CDU kommt an uns nicht mehr vorbei. Wir haben eine ganze Reihe von Politikern, die uns unterstützen – bei der Union ist es „Die wilde Dreizehn“, das ist eine Gruppierung von Bundestagsabgeordneten deutschlandweit, mit denen wir uns regelmäßig treffen. Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen oder Dirk Toepffer, der CDU-Fraktionsvorsitzende in Hannover, setzen sich für unsere Ziele ein.

Was wäre für die LSU nach der Ehe für alle der nächste große Meilenstein?

Das wäre natürlich das reformierte Transsexuellengesetz, aber derzeit arbeiten wir mit allen Mitteln daran, Kontakte zu Polizeistationen und den zuständigen Ministerien aufzubauen, damit sie Stellen zum Schutz der LSBTQ-Community einrichten. Es kommt immer wieder zu Übergriffen, die bislang in den Statistiken untergehen. Es gibt kaum Länder, die homophobe Übergriffe separat führen, wie es mit fremdenfeindlichen Angriffen der Fall ist – das ist jedoch unbedingt geboten. Genauso, wie das Thema Homosexualität in den Schulen und Schulbüchern sachlich zu behandeln.

Das Gespräch führten Ina Bullwinkel und Joerg Helge Wagner.

Info

Zur Person

Petra Többe sitzt im Vorstand der Lesben und Schwulen in der Union (LSU). Im Interview erzählt sie von fehlender Toleranz in der eigenen Community, der Ehe für alle und vom kleinsten Christopher Street Day Deutschlands.

Bremen war Vorreiter beim CSD

Der Christopher Street Day, kurz CSD, ist eine Parade von Homosexuellen, deren Ursprung in den Vereinigten Staaten liegt. Weltweit finden Paraden zu Ehren der Schwulen, Lesben, Transgender und Bisexuellen statt. Die größten Umzüge in der Bundesrepublik finden in Berlin und Köln statt. Der erste CSD weltweit fand im Jahr 1969 in New York statt. Zehn Jahre später, 1979, dann auch in Deutschland, genauer gesagt in Berlin und Bremen. Übrigens spricht man nur im deutschsprachigen Raum Europas vom Christopher Street Day. Im Rest der Welt gilt die Bezeichnung Gay Pride.

Der historische Ursprung der Parade liegt im New Yorker Stadtteil Greenwich Village. In den 1960er-Jahren gab es immer wieder Razzien in Lokalen, deren Kundschaft hauptsächlich aus schwul-lesbischer Klientel bestand. Das Hauptaugenmerk der Behörden lag auf den homosexuellen Latinos und Afroamerikanern. Am 28. Juni 1969 begannen transsexuelle Latinas und Dragqueens, sich gegen die Polizeiwillkür zu wehren. Es war der Auftakt zu tagelangen Straßenschlachten. Um des Aufstands, der in der Christopher Street begonnen hatte, zu gedenken, wurde ein Jahr später ein Komitee gegründet, das nun die alljährlichen Gedenkfeiern ausrichtet.

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