Viele Verstöße

Leinenpflicht wird in Bremen oftmals ignoriert

In Bremen dürfen Hunde auch abgesehen von der Brut- und Setzzeit fast nirgendwo frei laufen. Aber viele Hundehalter ignorieren das. Ordnungsamt und Polizei registrieren viele Verstöße.
18.04.2018, 20:28
Lesedauer: 3 Min
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Leinenpflicht wird in Bremen oftmals ignoriert
Von Nina Willborn
Leinenpflicht wird in Bremen oftmals ignoriert

Iris Pohl macht es richtig: Sie hat Fiete und Hummel beim Spaziergang in der Überseestadt an die Leine genommen.

Christina Kuhaupt

Es gibt Menschen, für die ein Leben ohne Hund sinnlos ist, um es angelehnt an den großen Mops-Freund Loriot zu formulieren. Und dann gibt es Menschen, die mehr oder minder stark bezweifeln, dass diese Weisheit stimmt. Beide Gruppen müssen in einer Stadt miteinander auskommen, und das klappt im Grunde genommen auch sehr gut. Man muss aber sagen, dass es immer im Frühling ein bisschen schlechter funktioniert.

Nach dem Winter wollen sich alle, Besitzer und ihre Hunde ebenso wie die hundelosen Menschen, möglichst viel draußen bewegen, und dabei treffen beide Gruppen aufeinander. Dazu kommt noch die Natur, die im Frühling besonders viel Nachwuchs produziert. Das Konfliktpotenzial liegt dann in der Hundeleine – beziehungsweise eben darin, dass sie manchmal nicht da ist.

Freilaufende Hunde in Parks, im Blockland oder am Weserufer: Für die einen bedeutet es artgerechtes Halten ihres Haustieres. Für andere, Mensch wie Tier, oft Angst und Schrecken. Grundsätzliche Diskussionen um potenziell gefährliche Hunde, wie sie nach den tödlichen Bissattacken von Kampfhunden in den vergangenen Wochen geführt werden, zeigen, wie weit die Meinungen bei diesem Thema auseinandergehen.

Keine Anzeigen – aber viele Verstöße

Rechtlich gesehen ist es in Bremen so: Freilaufende Hunde dürfte man eigentlich so gut wie nirgendwo sehen. Es gibt zwar kein Gesetz über eine generelle Leinenpflicht, aber so viele Ausnahmen von der grundsätzlichen Erlaubnis, dass „Hundehalter in Bremen schlechte Karten haben. Das ist einfach so“, sagt Stadtjäger Harro Tempelmann. „Hier überlappen sich so viele Naturschutzgebiete.“

Und wo kein Naturschutzgebiet mit seinen besonderen Bestimmungen ist, sind meistens entweder abgegrenzte Parks und Grünanlagen oder Bereiche, in denen sich viele Menschen aufhalten. Überall dort gilt die Leinenpflicht das ganze Jahr, genauso in Verkehrsmitteln und bei Veranstaltungen. Und während der Brut- und Setzzeit (15. März bis 15. Juli) gilt sie obendrein auch in der freien Landschaft.

Speziell gekennzeichnete Auslaufflächen gibt es kaum, bis auf wenige Ausnahmen in der Vahr und bald auch am Neustadtswall. Und so begeht in den meisten Fällen eine Ordnungswidrigkeit, wer seinen Hund irgendwo in Bremen von der Leine lässt. Die Kontrolle übernehmen zurzeit die Kontaktpolizisten in den einzelnen Vierteln, und wenn der Ordnungsdienst ab Sommer tätig wird, auch dessen Mitarbeiter.

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In diesem Jahr habe es noch keine Anzeigen wegen Verstößen gegen die Anleinpflicht gegeben, sagt Şermin Riedel, Leiterin des Ordnungsamts. „Das bedeutet aber nicht zwingend, dass es keine Verstöße gab. Sie treten immer wieder und überall auf.“ Besonders jetzt, während der Brut- und Setzzeit, sei die Polizei sensibilisiert und in den entsprechenden Gebieten unterwegs, erklärt Sprecherin Franka Haedke.

In den meisten Fällen reiche es, wenn auf das falsche Verhalten hingewiesen und gegegebenfalls eine Verwarnung ausgesprochen werde. Franka Haedke: „Die Reaktionen auf Ansprache sind, wie bei allem, sehr unterschiedlich. Von Sätzen wie ,Haben Sie denn nichts anderes zu tun?‘ bis ,Mein Hund tut doch nichts‘ ist alles dabei. Die meisten Hundehalter zeigen sich dann aber spätestens nach der Androhung einer Anzeige wegen einer Ordnungswidrigkeit einsichtig.“

Grundsätzlich ist es aber auch so, dass bei rund 20.000 Hunden, für die in Bremen und Bremerhaven Hundesteuer gezahlt wird, natürlich nicht jeder Gassi-Gang kontrolliert werden kann. In den meisten Fällen gilt dann das Motto: Wo es keinen Kläger gibt, gibt es auch keinen Richter. In privaten Grünanlagen wie dem Bürgerpark oder dem Rhododendronpark ist ein Hausverbot das allerletzte Mittel – ausgesprochen wurde es noch nicht.

Ganze Ökosysteme werden geschädigt

Für Bürgerpark-Direktor Tim Großmann ist das Gezerre um die Leinenpflicht „ein ärgerliches Grundrauschen“. „Es gibt leider genug uneinsichtige Halter. Wenn wir jemanden mit Hund ohne Leine sehen, sprechen wir ihn an“, sagt er. „Der Park ist jetzt voll mit Joggern, da geht es nicht, dass Hunde frei laufen. Oder, dass wir immer wieder Hundekot auf den Spielplätzen finden.“

Kontrolliert wird übrigens auch früh morgens oder in den späten Abendstunden, denn natürlich weiß man im Bürgerpark, dass zumindest eine "gewisse Klientel" (Großmann) sich dann unbemerkt wähnt. Marcus Henke, Vizepräsident der Bremer Jägerschaft, weist auf die Schäden hin, die Hunde in der Natur gerade während der Brut- und Setzzeit anrichten können. „Ein Hund greift in einen geschützten Lebensraum ein. Das ist nicht immer sofort sichtbar. Allein, wenn er durch eine Wiese streift und seine Witterung hinterlässt, kann bei Wildtieren und Vögeln so viel Unruhe entstehen, dass sie ihre Nester verlassen.“

Aus Sicht des Jägers, selbst ein Hundefreund, reichen schon einzelne Fälle von freilaufenden Hunden, übrigens genauso auch Katzen, aus, um ein ganzes Ökosystem zu schädigen. "Wir wollen einen hohen Artenreichtum", sagt Henke, "aber dann müssen wir auch jeder einen Teil dazu beitragen. Die Leinenpflicht einzuhalten, wenn sie gefordert ist, ist auch ein Appell ans Mitdenken."

+ Dieser Artikel wurde am 20. April um 11.25 Uhr aktualisiert. +

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