Bunker Valentin Erinnerung an die Hortensien in Farge

Wenn es besonders kalt war, wickelte sich Klaas Touber leere Zementsäcke von der Bunker-Baustelle in Farge um die Füße. Wie die Gefangenen im Arbeitserziehungslager von Nazis schikaniert wurden...
11.01.2021, 05:01
Lesedauer: 4 Min
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Erinnerung an die Hortensien in Farge
Von Patricia Brandt

Als ihn ein Deutscher im September 1943 in der Kantine der Vulkan-Werft aus der Warteschlange reißt, kommt es zu einem Streit, der das Leben des Niederländers Klaas Touber grundlegend verändern wird. Ein Freund, der ihn in der Kantine gegen die Deutschen verteidigt, bezahlt sein Eingreifen mit dem Leben. Touber selbst wird von der Bremer Gestapo ins Arbeitserziehungslager in Farge gebracht. Er muss beim Bau des U-Boot-Bunkers helfen. Kurz vor seinem Tod erinnert er sich an den brutalen Alltag.

Klaas Touber ist Anfang zwanzig, als er vom Arbeitsamt Amsterdam zum Arbeitseinsatz in Deutschland dienstverpflichtet wird. Er arbeitet beim Bremer Vulkan. Bis zu dem Tag, an dem er von Soldaten mit Gewehren nach Frage gebracht wird, ahnt er nach eigenen Worten nichts von der Existenz des Sonderstraflagers der Bremer Gestapo.

„Ich hatte keine Ahnung. Kam irgendwo zu einem Lager, vor dem es einen Schlagbaum gab, wurde hereingeführt und musste warten“, berichtet Klaas Touber kurz vor seinem Tod der wissenschaftlichen Leiterin des Denkorts, Christel Trouvé, und John Gerardu im Interview. „Dann musste ich mich waschen und all meine Kleidung und das Geld, das ich hatte abgeben ... fünf Mark, später ehrlich zurückbekommen. Und Herr Pappke holte sofort aus und schlug mich zum zweiten Mal nieder. Und da dachte ich, na, hier ist es nicht gut.“

Schikane ist Alltag für die Gefangenen im Lager: Fünf bis sechs Mal pro Tag werden sie nach seiner Erinnerung von Aufsehern gezählt. „Aber ich habe schnell durchblickt, dass bestimmte Leute, die waren immer die Opfer (pineut).“ Wer auffiel, bekam einen Schlag auf den Kopf: „Also probierte ich, immer möglichst hinten…zu stehen, sodass ich nicht auffiel und meine Brille steckte ich in die Tasche. (…) Dann wurde das Zählen beendet, nicht wahr, und dann musstest du…oh ja, und dann wurdest du später in Gruppen eingeteilt, aber dann bist du weggerannt und da waren zwei Hunde, nicht wahr, einer hieß Zito und der andere weiß ich nicht mehr. Aber die Hunde waren auf rennende Menschen abgerichtet, nicht wahr. Also hattest du immer zwei Möglichkeiten: durch einen Hund in dein Bein gebissen werden oder ein Hieb von den Deutschen. Und da musstest du dich immer durchlavieren“, sagt Klaas Touber im Interview.

Die Gefangenen haben nachts keine Möglichkeit, sich zu erleichtern. „Und du durftest nicht raus aus dem Bett, (...), um auf die Toilette zu gehen. Aber du musstest es doch loswerden. Und dann machte ich es in meinen Essnapf und den musste ich dann heimlich morgens neben der Baracke ausgießen, nicht wahr. Denn das war für die Herren eine große Sauerei, dass du das in der Baracke gemacht hast oder in deinen Essnapf.“

Manchmal werden Klaas Touber und seine Leidensgenossen nachts wachgebrüllt. Frierend müssen sie sich im Gang aufstellen. „Und da kam das ein oder andere sogenannte hohe Tier, das kam vorbei und guckte dich an und dann ließen sie dich eine Stunde auf dem eiskalten Boden stehen.“

Die Gefangenen leiden unter der Kälte. Wenn es besonders kalt ist, wickeln sie sich leere Zementsäcke von der Baustelle um die Füße. „Das wärmte gut. Nicht wahr, oder du hast dir einen Zementsack über den Kopf gezogen und deine Jacke darüber. Das hat viel gebracht. Das war wohl auch wieder nicht erlaubt, aber …“ Zu der Zeit, als Klaas Touber in Farge gefangen gehalten wird, wird dort gerade die Baugrube für die geplante verbunkerte Werft ausgehoben. Auch Fundamente werden gegossen. Beinahe Tag und Nacht sind die vier Zementmischer auf der Baustelle in Betrieb. So beschreibt es Touber im Gespräch. „Von der Tätigkeit erinnere ich mich nur noch an Sand und Zement, nicht wahr. Tagelang Zementsäcke aus Waggons holen, zum Betonmischer bringen oder Schiebkarren mit Sand.“

Bereits früh am Morgen müssen die Gefangenen in bewachten Gruppen vom Lager zur etwa fünf Kilometer entfernten Baustelle laufen und später wieder zurück. Hunger ist allgegenwärtig. „Immer – wir haben immer übers Essen geredet, über Essen und über Essen. Und es gab nichts zu essen.“

Touber erinnert sich, dass der Weg an einem Bauernhof vorbeiführt. Als er einmal aus der Kolonne tritt, um einen halben Salatkopf vom Kompost des Bauernhofs zu holen, bekommt Touber Schläge von seinen Bewachern. Ärger bekommt auch die Bäuerin, die den Gefangenen Becher mit Wasser reichen will. „Das Wasser wurde ihr aus den Händen geschlagen. Tja, das waren natürlich auch ganz schlimme Dinge…“ Zugleich hätten ihm Momente wie diese das Gefühl gegeben, „dass du dann doch wie ein Mensch behandelt wurdest“.

Später wird Klaas Touber diese Erinnerung auch in dem Buch „Hortensien in Farge“ festhalten, das 1995 im Donut-Verlag erscheint. Die Hortensien, die am Bauernhof blühten, hätten ihm ein Gefühl von Freiheit gegeben. „Dass die Blüte und die Schönheit trotz der Widerlichkeit, nicht wahr, des Faschismus, nicht wahr, dass es trotzdem weiterging.“

Nicht einmal Reden ist erlaubt. „Das war auch verboten. Also eigentlich hatte ich sehr wenig Kontakt zu den Leuten im Arbeitserziehungslager.“ Als er einen Bleistift findet, schreibt Klaas Touber „wie ein halb Verrückter“ seinen Namen 20-mal auf ein Stück Papier von einem Zementsack: „So als wollte ich zeigen, dass ich doch noch existierte. K-L Touber, K-L Touber, K-L Touber. Aber mehr konntest du natürlich nicht machen. Was hätte ich auch notieren können? In so einem Fall. War natürlich lebensgefährlich. Das Besitzen eines Bleistifts war wahrscheinlich schon gefährlich.“ Wie lange er überhaupt im Lager bleiben muss, erfährt er nicht. Am Ende sind es vier Monate. „Na ja, es wurde nie ein Datum genannt, wie lange du da sein würdest“, erzählt er der wissenschaftlichen Leiterin des Denkorts.

Von Woche zu Woche werden Gefangene aus dem Arbeitserziehungslager entlassen, das nur eines von sechs Lagern in der Region ist. „Und da standen wir dann zum Beispiel Kolonne und dann war da ein Kommandant und der hatte eine Liste dabei und las sie vor und wenn du dabei warst, dann warst du entlassen. Nicht wahr, das hatte ich also auch eines Tages. Ich stand da und wartete und da wurde mein Name genannt...Nicht wahr, und da wusste ich, dass ich frei war…Und dann wurde ich in einen Wagen geladen und auf halbem Wege von Blumenthal nach Vegesack aus dem Auto geworfen und den Rest kannst du ja wohl laufen und so. Nicht wahr, erst in dem Moment wusstest du es.“

Keine 40 Kilo wiegt Klaas Touber bei seiner Entlassung. Auf der Homepage des Denkorts heißt es, dass er nach dem Krieg denkt, gut durch die Jahre in Deutschland gekommen zu sein. Er arbeitet als Maschinenschlosser, heiratet und hat zwei Kinder. Doch Touber wird von Albträumen geplagt, mit 57 Jahren wird er „nervenkrank“ in Frührente geschickt. Im Jahr 2011 stirbt Klaas Touber mit 88 Jahren in Almere bei Amsterdam.

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