Thyssen-Krupp-Betriebsrat im Interview „Dann müssen wir für die Ideen kämpfen“

Thyssen-Krupp hat angekündigt, 300 Arbeitsplätze in Farge zu streichen. Im Interview sagt Betriebsrat Guido Heinrich, was die Gewerkschaft plant, um den Personalabbau zu verhindern.
27.11.2019, 21:07
Lesedauer: 4 Min
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„Dann müssen wir für die Ideen kämpfen“
Von Christian Weth

Herr Heinrich, der Thyssen-Krupp-Konzern hat angekündigt, bundesweit 640 Stellen zu streichen, fast die Hälfte davon in Farge. Warum sollen in Bremen mehr Arbeitsplätze wegfallen als an anderen Standorten?

Guido Heinrich: Farge soll laut Geschäftsführung vom Personalabbau stärker betroffen werden, weil dort bisher vor allem Montageanlagen für Verbrennungsmotoren gebaut wurden – und diese Antriebsart ist angesichts des Technologiewandels in der Automobilindustrie immer weniger gefragt. Anders als etwa Elektroantriebe.

Aber auch in Langenhagen bei Hannover gibt es eine Produktionsstätte von Thyssen-Krupp, die auf Verbrennungsmotoren ausgelegt ist...

Auch für Langenhagen hat die Geschäftsführung einen empfindlichen Personalabbau angekündigt. An diesem Standort werden hauptsächlich Teststände für Getriebe gefertigt, die es in einem Elektroauto nicht mehr gibt.

Was heißt empfindlich?

In Langenhagen sollen zwar weniger Stellen gestrichen werden als in Farge. Prozentual gesehen, ist dieser Standort aber deutlich härter betroffen, wenn die Geschäftsleitung an ihren Plänen festhält: Von 130 Mitarbeiten sollen am Ende nur zwischen 30 und 40 übrig bleiben. Aus dem Entwicklungs- und Produktionsstandort will man einen reinen Servicestützpunkt machen.

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Alle Standorte, heißt es in einer Infoschrift der Gewerkschaft IG Metall, stehen solidarisch zusammen und kämpfen gemeinsam. Was kann das Bündnis noch ausrichten, wenn der Stellenabbau schon beschlossen ist?

Die Gewerkschaft hat mit der Geschäftsführung eine Vereinbarung getroffen, dass erst einmal Perspektiven für die Standorte aufgezeigt werden müssen, bevor über einen Personalabbau überhaupt gesprochen wird. Anders als die Geschäftsführung gehen wir davon aus, dass der Einbruch der Auftragszahlen vorübergehend ist und folglich nur überbrückt werden muss.

Sie fordern ein Konzept, in dem die Geschäftsführung aufzeigen soll, wie die Standorte für die Zukunft gesichert werden können. Warum erst jetzt? Probleme hat die Branche doch schon seit Längerem.

Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Zahl der Aufträge für Verbrenner-Montageanlagen so schnell runtergehen und die der Elektro- und Brennstoffzellentechnik gleichzeitig so langsam steigen. Auch Lösungen für E-Mobilität und Wasserstoff-Antriebe bieten wir an. Der Übergang vom Alten zum Neuen ist jedoch leider nicht so fließend, wie anfänglich gedacht. Die Automobilbaukunden halten sich mit Investitionen noch zurück.

Aber im Sommer hat die Geschäftsleitung auch schon angekündigt, dass wegen des Umbruchs in der Branche zahlreiche Stellen wegfallen sollen. Damals war es um 220 Arbeitsplätze in Farge und Langenhagen gegangen...

Im Sommer stellte sich für uns die Situation noch nicht so dramatisch dar, wie jetzt. Die Unternehmensleitung hat zwar auch damals von einem möglichen Personalabbau gesprochen, zugleich aber auch davon, die Lage von Beratern genauer bewerten zu lassen. Das Resultat dieser Bewertung liegt quasi erst jetzt vor – in Form der Ankündigung, rund 300 Arbeitsplätze am Standort Farge streichen zu wollen.

Sie fordern ein Konzept nicht zuletzt deshalb, weil die Geschäftsleitung ihnen zufolge die Zukunft des Unternehmens im Personalabbau und in der Produktionsverlagerung sieht. Was schlagen Sie vor, damit es auch ohne geht?

Zum einen wollen wir dafür sorgen, dass die Aufträge, die bisher fremdvergeben wurden, wieder im Unternehmen verbleiben und von unseren Beschäftigten abgearbeitet werden. Wir glauben, dass sich dadurch die konjunkturelle Delle innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre teilweise ausgleichen lässt.

Und zum anderen?

Außerdem denken wir daran, mehr als bisher darauf zu achten, dass weniger Überstunden gemacht werden. Würden sich sämtliche Mitarbeiter an die 35-Stunden-Woche halten, gäbe es mehr Arbeit für alle.

Die Vereinbarung, die Gewerkschaft und Unternehmen geschlossen haben, läuft über vier Jahre. Heißt das, dass so lange offen ist, wie es am Standort weitergeht und wer seinen Job verliert beziehungsweise behält?

Das heißt es keineswegs. Die Vereinbarung beschreibt einen Prozess: Die Unternehmensführung wird ein Zukunftskonzept für die Standorte vorlegen – und wir werden versuchen, unsere Vorschläge und Ideen darin einzubringen.

Und was passiert, wenn die Vorschläge und Ideen der Gewerkschaft während der Verhandlungen mit der Geschäftsleitung immer wieder abgelehnt werden?

Dann muss man sich irgendwann überlegen, eine andere Strategie zu verfolgen, die druckvoller ist als die bisherige.

Was meinen Sie damit?

Dass man gegebenenfalls dazu übergehen muss, für die Vorschläge und Ideen zu kämpfen – beispielsweise auf Kundgebungen oder mit Streiks.

Wie geht es jetzt weiter?

In der nächsten Woche steht das erste Treffen mit der Geschäftsführung an, bei dem es um das Zukunftskonzept gehen wird.

Wie groß sind Ihre Erwartungen?

Das wird sich zeigen. Ehrlich gesagt, rechne ich nicht damit, dass vor Weihnachten noch viel passieren wird. Die Verhandlungen werden wahrscheinlich erst im nächsten Jahr an Tempo gewinnen.

Die Fragen stellte Christian Weth.

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Zur Person

Guido Heinrich

ist seit elf Jahren Betriebsratsvorsitzender bei Thyssen-Krupp System Engineering in Farge. Er gehört der Firma seit 1997 an. Heinrich wohnt in Berne, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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Zur Sache

Das Unternehmen und die Probleme

Die Zulieferer der Autohersteller geraten wegen des Technologieumbruchs der Branche zunehmend in Schwierigkeiten. Im Oktober kündigte Bosch an, mehrere hundert Stellen in seinem Bremer Werk zu streichen, einen Monat später Thyssen-Krupp System Engineering. Das Unternehmen hat in Deutschland momentan acht Entwicklungs- und Produktionsstätten. Am Standort in Farge werden sowohl Montage- als auch Testsysteme für die Produktion von Antriebssystemen gebaut, auch für Elektromotoren. Nach Angaben von Thyssen-Krupp hat das Unternehmen im Vorjahr weltweit 4600 Menschen beschäftigt, davon rund 800 in Farge. Der Betriebsrat nennt eine höhere Zahl: fast 900. Mitgerechnet sind dabei auch personelle Kräfte, die nicht ausschließlich für den Bremer Standort, sondern auch für andere Produktionsstätten von Thyssen-Krupp arbeiten. Vor Jahren gab es im Werk an der Richard-Taylor-Straße noch 1400 Beschäftigte.

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