Denkort Bunker Valentin Filmprojekt im Bunker

Die knapp zehnminütige Filmproduktion „No more war.biz“ setzt sich mit den Themen Nationalsozialismus, Krieg und Waffenhandel auseinander und ist vier Wochen lang an einer Wand im Bunker Valentin zu sehen.
14.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Farge. Am Bunker Valentin geht die Sonne auf, Nebel bildet sich, löst sich wieder auf, und der Himmel wird blau. Dann senkt sich die Abenddämmerung über den Riesenbau aus Beton, bis die Sonne erneut am Horizont erscheint – 24 Stunden, in denen der Schriftzug „No more war.biz“ auf dem Dach leuchtet, der sich über mehr als zwei Drittel der Wandbreite des Bunkers erstreckt.

Die knapp zehnminütige Filmprojektion „No more war.biz“ ist vier Wochen lang an einer Wand im Denkort Bunker Valentin in Dauerschleife zu sehen und thematisiert Nationalsozialismus, Krieg und Waffenhandel. Zur Eröffnung gaben die Urheber des Projekts, Barbara Millies aus Worpswede und Harald Jo Schwörer aus Bremen, Auskunft über Entstehung und Botschaft ihres Vorhabens: „Die Filmprojektion basiert auf rund 200 Fotografien, die einen gesamten Tages- und Nachtablauf abdecken“, sagt Millies, „alle fünf Minuten haben wir auf den Auslöser gedrückt und am Ende die Fotos so montiert, dass durch langsame Überblendungen der Eindruck eines Films in Zeitlupe entsteht.“ Die Projektion wird mit einer langsamen, gedämpften Musik unterlegt: Am Anfang gleicht sie Atemzügen, dann sind schleppende Klaviertöne zu hören, und am Ende tönt ein lange nachhallender Gong – passend zur düsteren Atmosphäre, die das Gebäude bis heute ausstrahlt.

„Aus den Fotos haben wir zunächst eine Art Daumenkino gebastelt“, sagt Harald Jo Schwörer, „und als schließlich die Filmprojektion entstand, wurden nachträglich die Schriftzüge am Computer montiert. Damit sollen sie auch auf die Digitalisierung der Waffentechnik hinweisen.“ Barbara Millies fragt sich allerdings, ob die Leuchtschrift, real auf dem Dach des Bunkers angebracht, dieser Gedenkstätte wohl angemessen wäre. Die Filmprojektion, die bereits an anderen Orten gezeigt wurde, habe an diesem Ort des Unrechts jedenfalls eine ganz andere Ausstrahlung, sagt Harald Jo Schwörer.

Die meditative Ruhe der Filminstallation wird durchbrochen, indem es an der Elektrik des Schriftzugs zu simulierten technischen Defekten kommt – dadurch fällt die Beleuchtung einzelner Wörter aus, und so entstehen Kombinationen wie „more“, „war“, „no more war“ oder auch „no more war.biz“. Die Domainendung „biz“ ist vom englischen Wort „business“ abgeleitet und bedeutet „Geschäft, Handel, geschäftlich“ und soll damit auf die Kriegsgeschäfte, wie zum Beispiel auf den Handel mit Waffen, Drohnen, Söldnern, aber auch Drogen und Rohstoffen verweisen. „Auf dem Dach des Bunkers erscheinen die montierten Leuchtbuchstaben genauso, wie sie als beleuchtete Werbeschriftzüge an Geschäftsgebäuden und Firmenzentralen weltweit verbreitet sind“, sagt Schwörer – so werde eine weitere Verbindung zur Welt des Kommerz geschaffen.

Zeit wird visualisiert

Kaum merklich bewegen sich in der Filmprojektion die Wolken, an der Weser im Vordergrund wechseln sich Ebbe und Flut ab, und Menschen kommen und gehen – so wird auch die Zeit als Dimension visualisiert. „Und durch die Langsamkeit des Ablaufs wird dem Zuschauer Gelegenheit gegeben, über den Zusammenhang von Krieg und Geschäft nachzudenken und zu assoziieren“, sagt Harald Jo Schwörer. „Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte des Bunkers begann erst in den 80er-Jahren“, sagt Schwörer, „und sie führte dazu, dass im Eingangsbereich zum Marinedepot ein Mahnmal aufgestellt wurde.“ Wenige Tage vor dessen Einweihung am 17. September 1983 malten Unbekannte die riesige Aufschrift „no more war“ auf die 97 Meter breite und etwa 25 Meter hohe Bunkerwand auf der Weserseite. „Doch schon nach wenigen Tagen wurde der Schriftzug von der Marine mit grauer Farbe überstrichen – bis heute sind Reste davon noch erkennbar“, sagt Schwörer.

Während der Arbeit mit der Kamera haben die beiden Künstler den Denkort sehr intensiv wahrgenommen, wie sie sagen. „Wir haben die Aufnahmen immer aus exakt der gleichen Position mit konstanten fototechnischen Größen gemacht, die sich nur an die wechselnden Lichtverhältnisse anpassten“, sagt Barbara Millies, wir waren an einem sehr heißen Tag 24 Stunden präsent.“ Die Urheber des Filmprojekts planen die Produktion einer nicht nur digital montierten, sondern realen Leuchtschrift, die über ein zerlegbares Haltegerüst freistehend präsentiert werden soll. In einem Container, der außen den Schriftzug „no-more-war.biz“ tragen wird, soll die Leuchtschrift dann weltweit auf die Reise gehen und an verschiedenen Orten zum Einsatz kommen: an aktuellen und ehemaligen Kriegsschauplätzen, auf Plätzen in Städten, Flachdächern, Museen, Straßen.

Weitere Informationen

Nähere Informationen und einzelne Sequenzen der Filminstallation finden sich auf der Homepage www.no-more-war.biz.

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